Do., 10.10.2019

Folge 37: Christoph Dockweiler hat bundesweit ersten Lehrstuhl für E-Public Health Für mehr Gesundheit und Sicherheit

Christoph Dockweiler ist überzeugt, dass digitale Medien helfen können, Gesundheitsbotschaften an den Mann zu bringen.

Christoph Dockweiler ist überzeugt, dass digitale Medien helfen können, Gesundheitsbotschaften an den Mann zu bringen. Foto: Thomas F. Starke

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). Wie können Botschaften über Gesundheit und einen gesunden Lebensstil an den Mann und die Frau gebracht werden? Wie können neue Technologien warnen, dass eine Krise droht, oder einem Kranken das Leben erleichtern? Und was kann die Telemedizin leisten? Fragen, mit denen sich Prof. Dr. Christoph Dockweiler befasst.

Der 37-Jährige hat seit November 2018 an der Universität Bielefeld den ersten Lehrstuhl für »Electronic Public Health«. Das beinhaltet auch, Technologien weiter zu entwickeln – »aber nutzerorientiert«, wie Dockweiler betont Das heißt für ihn: Das, was nötig ist und nicht das, was technisch möglich ist.

Informationen über Krankheiten oder ein gesundes Leben werden traditionell von den Medien transportiert, gerne auch in TV-Serien wie »Schwarzwald-Klinik« oder »Die jungen Ärzte«, im Quiz von Eckart von Hirschhausen oder in der Apotheken-Umschau. Die Digitalisierung bietet aber viel mehr und viel Neues, sagt Dockweiler.

Das beginnt mit der Möglichkeit, im weltweiten Netz selbst zu recherchieren – was keineswegs immer nur ein Segen ist und zur Verunsicherung und Überforderung führen kann. »Die Kompetenz der Nutzer ist sehr unterschiedlich«, sagt Dockweiler. Zudem seien längst nicht alle Internetseiten seriös. »Es gibt seit 1995 auf Initiative des Bundesgesundheitsministeriums Siegel für gute Seiten, die auch aktualisiert werden und über ihre Auftraggeber informieren. Die erscheinen bei der Google-Suche aber selten vorne...«

App-Angebote auch von den Krankenkassen

Mancher hat auch eine App auf sein Handy geladen, die die nächsten Grünräume anzeigt oder über Bus und Bahn informiert. »Auch das gehört zu gesundheitsförderndem Verhalten«, betont der 37-Jährige. App-Angebote gibt es aber auch von den Krankenkassen, die auf Prävention setzen, erklärt Dockweiler.

Für eine (nicht repräsentative) Studie hat Dockweiler deutschlandweit 675 Studenten befragt. Demnach nutzt jeder dritte Befragte eine Gesundheits-App – etwa zu Fitness, Herzfrequenz oder Kalorienverbrauch. 70 Prozent der Nutzer kontrollierten damit ihren Alltag – etwa ihr Bewegungspensum oder ihr Schlafverhalten. Jeder Zweite setzt die Programme während des Sports ein, etwa um Herzfrequenz oder Laufstrecken aufzuzeichnen. Ob ein Student eine solche App auf sein Handy lädt, hängt der Studie zufolge davon ab, wie groß der Gesundheitsgewinn eingeschätzt wird, wie andere das Angebot bewerten und was es kostet.

Der Gesundheitswissenschaftler selbst trägt eine smarte Uhr am Handgelenk. Sie erinnert ihn in Abständen daran, achtsam zu sein, sich 30 Sekunden quasi »auszuklinken« und innezuhalten. Ebenso zählt sie seine Schritte. »Die 10.000 Schritte, die man täglich gehen sollte, schaffe ich allerdings nicht«, gesteht er. Und das, obwohl er täglich von seiner Wohnung im Bielefelder Westen zu Fuß zur Uni geht. Immerhin ist er aber auch noch passionierter Mountainbiker und Rennradfahrer, hat also genug Bewegung.

E-Public Health ist aber noch weit mehr: Risikopatienten können überwacht werden, und noch bevor sie selbst es merken, werden Daten, die auf eine nahende Krise hindeuten, an ihren Arzt geschickt. Ebenso können die Patienten über ihr Smartphone ein EKG an ihren Arzt schicken. »Das bedeutet für die Patienten ein großes Sicherheitsgefühl.«

Menschen mit kognitiven Einschränkungen und beginnender Demenz können in ihrem Alltag unterstützt werden, Patient, Arzt, Pflegekraft und Angehörige unkompliziert vernetzt werden. Und für manchen mag auch ein digitaler Assistent hilfreich sein. »Das muss aber sehr genau überlegt werden«, sagt Dockweiler. Womöglich kann ein Roboter beruhigen, womöglich aber auch Angst auslösen. »Und das führt zu herausforderndem Verhalten.«

»Televisite« in ländlichen Räumen

Gerade in ländlichen Räumen, wo der nächste (Fach-)Arzt weit weg ist, kann auch eine »Televisite« erwogen werden. »Sicher, der gute Arzt berührt auch, hier kommt die Telemedizin klar an ihre Grenzen«, sagt Dockweiler. Großes Potenzial aber sieht er etwa in der Verlaufskontrolle von Krankheiten.

Für einen Fortschritt hält der Wissenschaftler auch eine elektronische Gesundheitskarte mit erweiterten Funktionen. »Da könnten zum Beispiel Allergien, Blutgruppe oder chronische Erkrankungen vermerkt werden, und wichtige Stammdaten wären von jedem Arzt zu verändern.«

Wichtig bei allem sei allerdings, betont Dockweiler, dass angesichts verschiedener Akteure im Gesundheitswesen das Netz sicher sein müsse: »Die Dateninfrastruktur muss eine sicheren Austausch ermöglichen und verlangt entsprechend sichere Lesegeräte.« Außerdem gelte die informationelle Selbstbestimmung: »Der Patient soll nicht nur über alles Bescheid wissen, sondern aktiv entscheiden, was er möchte.«

Ein Problem sieht der Wissenschaftler in der digitalen Kluft innerhalb der Gesellschaft: »Die Ausstattung mit technischen Geräten ist das eine, die Nutzung und Kompetenz das andere und die Erreichbarkeit das Dritte.«

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