Do., 10.10.2019

Bielefelder Soziologe äußert sich zu dem tödlichen Anschlag von Halle (Saale) Extremismusforscher Zick: »Ein Puzzleteil einer Reihe von Anschlägen«

Der Bielefelder Soziologe und Konfliktforscher Dr. Andreas Zick (57) hat sich nach den

Der Bielefelder Soziologe und Konfliktforscher Dr. Andreas Zick (57) hat sich nach den Foto: Bernhard Pierel

Bielefeld (WB). Ein Rechtsextremist greift eine Synagoge an und tötet zwei Menschen. Der Anschlag von Halle (Saale) reiht sich für den Bielefelder Soziologen und Konfliktforscher Dr. Andreas Zick (57) »in einen neuen bewegungsförmigen Rechtsextremismus ein«, wie er gegenüber WESTFALEN-BLATT-Redakteur Christian Bröder geäußert hat.

Herr Dr. Zick, muss man Ihrer Ansicht nach in Zukunft mit einer Zunahme von derartigen Fällen rechtsextremistischen Terrors rechnen?

Dr. Andreas Zick: Spätestens aus der Amokforschung und den Analysen der Anschläge in den 1990er Jahren wissen wir, dass eine solche Tat zu Nachahmungstaten führt. Wir rechnen damit, dass der Täter in Milieus gefeiert wird, heroisiert wird und die eine Tat andere Gruppen und Personen dazu bewegt, sich die Frage zu stellen, was sie tun können. Zudem reiht sich die Tat in einen neuen bewegungsförmigen Rechtsextremismus ein. Sie ist ein Puzzelstein einer Reihe von Anschlägen.

 

Wie kommt aus Ihrer Sicht die Selbstradikalisierung eines Täters wie Stephan B. zustande?

Zick: Der Begriff der Selbstradikalisierung täuscht heute oft. Es ist nicht so, dass der Täter ganz alleine handelt. Er mag sich lange im Internet alleine bewegt haben, allerdings wird er bestimmt dort kommuniziert haben, wird Rückmeldungen bekommen haben, wird bestätigt werden, oder auch von seinen extremistischen Gruppen so zurückgewiesen werden, dass er die Idee einer eigenen Tat überlegt hat. All das wird nun analysiert und zeigen, dass Täter ein Netzwerk hatten und dort ihre gemeinsame Identität aufgebaut haben, die dann für die Tat verantwortlich ist. Der Täter hat für eine Gruppe gehandelt, auch wenn er sich das in Teilen selbst eingeredet hat. Genaueres werden wir aber erst später erfahren.

 

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle des Internets?

Zick: Das Internet und die analoge Welt gehören zusammen. Es sind keine getrennten Welten, insbesondere nicht mehr für Personen wie den Täter, der in einem Alter ist, wo das Netz längst eine Alltagswelt ist. Das Internet ist der Sozialraum, es ist der Ort der Gemeinschaftsbildung und der Ort der Radikalisierung, das heißt der gemeinsamen Beschleunigung von feindseligen Ideologien und der Distanzierung von dem, was als »Normalwelt« betrachtet wird. Das Internet alleine erklärt es nicht. Die Radikalisierung von Einzelnen und Gruppen ist dort wahrscheinlicher, wo es auch außerhalb des Netzes Milieus gibt.

 

Welche Rolle spielt das gesellschaftliche Klima?

Zick: Eine wichtige Rolle, wobei wir Klima genauer definieren müssen. Meinen wir mit Klima Werte und Normen, dann müssen wir uns damit beschäftigen, dass rechtsextrem orientierte Personen sich als Vollstrecker des Volkswillens inszenieren, auch wenn sie den Volkswillen selbst definieren. Merken sie, dass der Hass gegen Jüdinnen und Juden geteilt wird, fällt es ihnen leichter, eine solche Ideologie auszubilden. Ab einer gewissen Radikalisierungsphase ist für Extremistinnen und Extremisten eventuell das Klima weniger relevant, weil sie sich von der Gesellschaft abwenden. Im Vorfeld ist es enorm relevant.

 

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hat der AfD »geistige Brandstiftung« vorgeworfen. Kann man der Partei eine Mitschuld an der Tat geben?

Zick: Ich denke, wir müssen noch genauer definieren, was wir mit Brandstiftung meinen. Die AfD operiert mit Feindbildern, sie sucht die Nähe von neurechten Gruppen, in Teilen äußern sich prominente Mitglieder rechtsextrem und tauchen mit Rechtsextremen auf. Sie setzt mit Slogans wie »das Volk zurückholen«, ihrem Bild von Widerstand gegen Eliten und vielen anderen ideologischen Elementen ein feindseliges Klima. Sie ist für viele Rechtsextreme eine parlamentarisch-politische Heimat. In unseren Studien zeigt sich, dass jene, die mit ihr sympathisieren, feindseliger gegenüber Minderheiten sind und auch eine höhere Gewaltbilligung und -bereitschaft aufweisen. Es gibt ein unübersehbare Zahl an Analysen, die den Rechtspopulismus einstuft. Es geht nicht um »die AfD« und »alle«, aber die Partei lebt von Themen, die mit Hass gegen Gruppen verbunden ist.

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