Fr., 11.10.2019

Olga Tokarczuk hält trotz der weltweiten Aufmerksamkeit Bielefeld-Termin ein Medienrummel um Nobelpreisträgerin

Medienrummel: Pit Clausen (rechts) und Klaus-Georg Loest rahmen Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk bei ihrer ersten Pressekonferenz nach Bekanntgabe ein.

Medienrummel: Pit Clausen (rechts) und Klaus-Georg Loest rahmen Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk bei ihrer ersten Pressekonferenz nach Bekanntgabe ein. Foto: Bernhard Pierel

Von Burgit Hörttrich

Bielefeld (WB). Oberbürgermeister Pit Clausen hat den schwierigen Namen geübt. Er kann die frisch gekürte Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, angetan mit der goldenen Amtskette, um kurz nach 18 Uhr formvollendet vor der Stadtbibliothek begrüßen.

Das nämlich ist der Ort, an dem sich die 57-Jährige erstmals nach der Bekanntgabe der Nobelpreisträger der Öffentlichkeit stellt. Nein, sie habe nicht daran gedacht, ihre Lesung am Donnerstagabend im Rahmen der Literaturtage abzusagen, versichert Olga Tokarczuk. Die Lesung war mit 313 Zuhörern ausverkauft.

Klaus-Georg Loest, stellvertretender Leiter der Stadtbibliothek und Organisator der Bielefelder Literaturtage, hatte am vergangenen Wochenende zum ersten Mal erfahren, dass Olga Tokarczuk zum engsten Kreis der Nobelpreis-Anwärter gehörte. Nach Rücksprache mit dem Kampa-Verlag, der die Tokarczuk-Titel auf Deutsch heraus gibt, wurden die Chancen dafür aber als »eher gering« eingestuft. Begründung des Verlages: Olga Tokarczuk sei zu jung für einen solchen Preis.

Bereits vor Monaten verpflichtet

Für die Literaturtage verpflichtet hatte Loest die Schriftstellerin aus Polen bereits vor Monaten, damit diese ihr neues Buch »Die Jakobs-Bücher« vorstellt. Dieses Buch passe zum Untertitel der Literaturtage 2019, die der »Kunst des Erzählens« gewidmet sind.

Nach Bekanntgabe des Nobelpreis-Komitees am Donnerstag um 13 Uhr führte Loest mehr als 30 Interviews mit TV-Sendern und (auf Englisch) polnischen Radiostationen. Der WDR rückte mit einem Übertragungswagen an, um für alle ARD-Sender zu berichten, das ZDF war da, die BBC, Nachrichtenagenturen auch aus Polen und Schweden. Medienrummel eben. Pit Clausen gratulierte dem Bibliotheksteam für das »wunderbare Timing«, Olga Tokarczuk genau an diesem Tag verpflichtet zu haben. Es fehlte bei der Ankunft der Nobelpreisträgerin die neue Chefin der Stadtbibliothek, Dr. Katja Bartlakowski: Sie war in Köln auf einer Sitzung der Arbeitsgemeinschaft deutscher Großstadtbibliotheken. Um eine »echte Nobelpreisträgerin« kennenzulernen, hatte der Oberbürgermeister Reden beim Nachhaltigkeitskongress und bei der Aktion »Aufwind« abgesagt. Auch Kulturdezernent Dr. Udo Witthaus war vor Ort: »Das ist wirklich außergewöhnlich.«

Musikerin wird von Fotografen überrascht

Wenige Minuten vor Ankunft der Schriftstellerin stürzten sich Fotografen und Kameraleute auf ein vorfahrendes Auto – aus dem dann die total überraschte Musikerin des Abends, Axana Derksen, stieg. Ausnahmsweise wurde die Stadtbibliothek um 18 Uhr geschlossen, um des Andrangs Herr werden zu können. Ruhig und gelassen blieb wohl einzig Olga Tokarczuk selbst: »It is my pleasure, es ist mir ein Vergnügen.« Nur eines ließ sie sich nicht nehmen: Sie wollte sich vor der Lesung noch unbedingt umziehen.

Literaturliebhaber, die sich am Donnerstag bereits ein Buch von Olga Tokarczuk sichern wollten, hatten kaum Glück. Die wenigen Exemplare, die die Buchhandlung Eulenspiegel vom Titel »Unrast« (2009) auf Lager hatten, waren sofort verkauft, Thalia hatte keinen Tokarczuk-Titel, und auch Gundula Kampeter, Inhaberin der Buchhandlung Welscher in Schildesche bedauerte: »Ich musste Kunden vertrösten.«

Sie habe Bücher bestellt, gehe aber davon aus, dass die Lieferung »mindestens eine Woche« dauern werde: »Wahrscheinlich muss der Verlag Titel nachdrucken lassen.« Sie habe nicht damit gerechnet, dass Olga Tokarczuk den Nobelpreis bekommen würde – aber auch nicht mit Peter Handtke als Preisträger. Gundula Kampeter: »Nach einem Titel von ihm hat bislang auch noch niemand gefragt.«

Die Buchhandlung Mondo dagegen hatte frühzeitig drei Titel (»Die Jakobs-Bücher», »Der Gesang der Fledermäuse«, »Unrast«) geordert, denn Mondo hat den Büchertisch bei den Literaturtagen. Marietta Bernasconi hatte ein Angebot von 40 Exemplaren der drei Titel dabei. Mondo-Mitinhaberin Anna Wallitzer sagte, im Geschäft an der Elsa-Brandström-Straße hätten sie am Donnerstag aber kein Tokar­czuk-Buch vorrätig gehabt. Deshalb habe man eine Kundin enttäuschen müssen, die sich schon einmal habe ein Buch sichern wollen, »um heute Abend als erste in der Signierschlange stehen zu könne«.

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