Fr., 11.10.2019

Neues Buch »Kneipen, Kult und Kakerlaken« erzählt die Geschichte der Altstadtlokale Eine feucht-fröhliche Zeitreise

Frank Tippelt (links) und Willibald A. Bernert mit ihrem neuen Buch »Kneipen, Kult und Kakerlaken«: Knapp drei Jahre haben die beiden für die Geschichte(n) der Bielefelder Altstadtlokale recherchiert.

Frank Tippelt (links) und Willibald A. Bernert mit ihrem neuen Buch »Kneipen, Kult und Kakerlaken«: Knapp drei Jahre haben die beiden für die Geschichte(n) der Bielefelder Altstadtlokale recherchiert. Foto: Bernhard Pierel

Von Heinz Stelte

Bielefeld (WB). »Das wollte der Trainer sich vielleicht nicht anschauen.« Tüddi Herfurth meint damit nicht ein böses Foul auf dem grünen Rasen oder einen kapitalen Schnitzer des Torwartes, sondern die »dritte Halbzeit« im »Dixi«. Dort, am Rande der Altstadt, kehrten sie ein, in den 70er Jahren: Uli Stein und Christian Sackewitz, Norbert Eilenfeld und Jonny Hey. »Die Arminen rutschten im Dixi reihenweise unter die Theke.« Nur Trainer Dieter Tippenhauer, der kam nicht.

Rüdiger »Tüddi« Herfurth ist einer der legendären Altstadtwirte, die in dem Buch »Kneipen, Kult und Kakerlaken« von Frank Tippelt und Willibald A. Bernert zu Wort kommen. Und sich erinnern. An die Zeiten, als es im Bielefelder Hufeisen noch hoch her ging: Partys bis zum Morgengrauen, Kneipen dicht an dicht, schrille Gäste, verrückte Geschichten. Und verrückte Geschichten wissen die beiden Autoren bei ihren fiktiven Spaziergängen durch die Lokale der 60er, 70er und 80er Jahre reichlich zu erzählen.

Kein Wunder, denn Willibald Bernert war von Anfang an dabei. Der gelernte Malermeister verdingte sich bisweilen als »Kneipenmaler« (»Das wollte damals keiner machen«), verschönerte so manch verrauchtes Ecklokal – und blieb in der Szene hängen: als Stammgast in diversen Lokalitäten, als Bedienung in der »Ollen Pumpe«. Bernert: »Da kriegte ich einiges mit.« Vom Leben der Wirte, viele mit Legendenstatus wie Reinhold Hülesewede oder Aribert Schneider, vom Leben der Gäste wie »Gallopping Horst«, dem Indianer, oder Flipper-König Hanepie Schröder.

Kein Zutritt für Jimi Hendrix

Doch es sind viele, viele mehr, die Frank Tippelt, seit 1992 Redakteur beim WESTFALEN-BLATT, und Willibald Bernert, Journalist, Naturfilmer, Buchautor und Fotograf, auf ihren sechs Rundgängen durch die frühere Kneipenszene der Altstadt treffen – vom »Meddos« zum »Mercure«, von besagter »Ollen Pumpe« zum »Piroschka«, vom »Extra« in den »Lindenkeller«. Lebendig werden diese Streifzüge in die Vergangenheit durch die vielen Fotos aus den »wilden Zeiten der Altstadtgastronomie«. »Das war die größte Schwierigkeit bei dem Buch«, erklärt Frank Tippelt. Gut drei Jahre haben er und Bernert an dem Projekt gearbeitet, frühere Protagonisten aufgespürt und für das Buchprojekt begeistern können. »Die haben dann in ihren alten Fotoalben geblättert, und da kam dann doch einiges zu Tage«, freut sich Bernert. Die Geschichten seien dann in den Gesprächen mit den Wirten und Gästen von damals »fast automatisch« gekommen. »Es war total spannend und interessant, das alles noch einmal erleben zu können, eine wunderbare Zeitreise.«

Auf diese wird der Leser bei dem »Zug durch die Bielefelder Altstadtlokale von damals« mitgenommen, egal, ob er sich dabei an seine eigenen Erlebnisse an diversen Theken erinnert, oder schmunzelnd mit Geschichten konfrontiert wird wie der Anekdote, als Tüddi Herfurth 1967 Jimi Hendrix den Zutritt zur Diskothek »Old Crow« verweigerte. Der war nur mit Krawatte und sauberem Hemd möglich. Der Rockstar war nach seinem Auftritt im Herforder »Jaguar-Club« leicht derangiert und verschwitzt zum Feiern in der Obernstraße angekommen. Ob die spätere Woodstock-Legende durstig wieder abdrehen musste oder ihm doch noch Zutritt zur noblen Disco gewährt wurde, sei an dieser Stelle nicht verraten.

Fortsetzung möglich

Verraten sei allerdings, dass die knapp 100 Buchseiten längst nicht alle Geschichten der gut 350 Kneipen und Lokale, die Willibald Bernert zusammengetragen hat, aufnehmen konnten. »So haben wir uns erst einmal auf die Altstadt beschränkt,« erläutert Frank Tippelt. Was eine Fortsetzung fast zwangsläufig macht, denn nicht wenige Altstadtwirte zog es in die Randgebiete des Hufeisens, sie schrieben dort mit dem »Stolander« oder dem »Siekerfelde«, mit der »Pinte« oder der »Tangente« weiter Bielefelder Kneipengeschichte.

Knapp 50 Kneipen und Clubs besuchen Tippelt und Bernert in ihrem Buch, viele davon sind im Zuge des fortschreitenden Kneipensterbens längst von der Bildfläche verschwunden. Fünf sind jedoch noch heute für ihre Gäste da: das »Alte Gässchen«, das »Sams«, das »Kreta«, das »Extra« und das »Alt Bielefeld«.

Vorgestellt wird das Buch am Freitag, 22. November, um 20 Uhr bei einer Lesung in der Stadtbibliothek am Neumarkt. Beginn ist um 20 Uhr. Dort werden zahlreiche Bilder gezeigt, die es nicht in das Buch geschafft haben, dazu gibt es Live-Musik aus der Zeit.

● Frank Tippelt / Willibald A. Bernert: Kneipen, Kult und Kakerlaken – ein Zug durch die Bielefelder Altstadtlokale von damals, Wartberg Verlag, ISBN 978-3-8313-3243-4. Das Buch ist ab sofort im Handel erhältlich.

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