Mo., 11.11.2019

Gedenkveranstaltung in Bielefeld zur Erinnerung an den Judenpogrom Zwischen Angst und Mut

Kantor Paul Yuval Adam (links) trägt am Gedenkstein die Gebete »El Male Rachamim« (Gott voller Erbarmen) und »Kaddisch« (Heiligung) vor.

Kantor Paul Yuval Adam (links) trägt am Gedenkstein die Gebete »El Male Rachamim« (Gott voller Erbarmen) und »Kaddisch« (Heiligung) vor. Foto: Hans-Heinrich Sellmann

Von Michael Schläger

Bielefeld (WB). Hier ist es still. Keine dumpfen Parolen von Rechtsextremisten, keine geballten »Nazis raus«-Rufe. Der Gedenkstein am Standort der ehemaligen Synagoge an der Turnerstraße ist an diesem Samstagabend nach den wuchtigen Demonstrationen tagsüber ein Ort der Einkehr.

Ein Ort der Besinnung auf das, worum es tatsächlich geht. Dass es nie wieder einen Holocaust und ein Judenpogrom wie in der Nacht des 9. November 1938 geben darf. Dass es nie wieder ein kollektives Versagen wie in jener Nacht geben darf. Doppelt so viele wie sonst sind gekommen. Weit mehr als 1000 Menschen haben sich an dem Gedenkstein versammelt.

Polizei soll sich zur Verantwortung bekennen

Hier ist es Martin Decker von der Friedensinitiative der Altstädter Nicolaikirchengemeinde, der an die schrecklichen Ereignisse vor 81 Jahren erinnert. Er nimmt diejenigen, die damals eigentlich für Recht und Ordnung hätten sorgen müssen, die aber längst Teil des perfiden Systems geworden waren, in den Blick: die Polizei. So wie die Bielefelder Feuerwehr 2013 solle sich auch die Polizei zu ihrer Verantwortung bekennen, ihr damaliges Versagen öffentlich einräumen.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Polizei mit der von damals nichts mehr gemein hat. Sie ist dem Grundgesetz verpflichtet. Decker kritisiert jedoch ebenso den Polizeieinsatz an diesem Samstag: »Warum wählt die Polizei Taktiken, die unseren Protest lahmlegt?«, beklagt er die weiträumigen Absperrungen entlang der Demonstrationsroute der Rechten.

Schwester Judith Maria, Gemeindereferentin der katholischen St. Jodokus-Kirchengemeinde, liest aus der Bibel. Dann tragen Paul Yuval Adam, Kantor der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld, und Pfarrer Sven Christian Puissant vom Evangelischen Kirchenkreis gemeinsam die Gebete »El Male Rachamim« (Gott voller Erbarmen) und »Kaddisch« (Heiligung) vor.

Auch bei der Fortsetzung der Veranstaltung im Großen Ratssaal herrscht dieses Mal eine andere Stimmung. Nicht nur, dass der Saal so voll ist, dass viele keinen Platz mehr in dem Raum finden und das Geschehen auf einer Videoleinwand im oberen Foyer verfolgen müssen. Nein, dieser Demonstrationstag in Bielefeld bewegt alle, die ins Rathaus gekommen sind.

»Provokation und Frechheit«

Oberbürgermeister Pit Clausen greift in seiner Ansprache die Stimmung auf. »Die Durchführung dieser Demonstration ausgerechnet am 9. November ist eine Provokation und Frechheit«, sagt er. Gemeint sei damit nicht das Gericht, das die Demonstration zugelassen habe. »Ich schimpfe auf die, die an dieser Demonstration teilgenommen haben und damit die Opfer des Holocausts nachträglich verhöhnen und demütigen. Das Verhalten dieser Demonstranten ist schändlich und widerlich.«

Der Oberbürgermeister sagt ebenfalls, dass er an diesem 9. November auch stolz auf seine Stadt sei. »Wir haben gezeigt, dass wir mehr, dass wir viel mehr sind. Lautstark, aber friedlich. Dass in Bielefeld kein Platz für rechtes Gedankengut sein darf, dass wir hier keine Nazis wollen. Denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!«

Und weiter formuliert Clausen: »Wir müssen leider erkennen, dass Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in unserem Land zunehmen.« Ihm mache Angst, dass in einem Jahr möglicherweise Politiker der AfD als Mitglieder des Rates Teile der Bielefelder Stadtgesellschaft vertreten könnten. »Mir macht Mut, dass in Bielefeld Menschen auf die Straße gehen, ihren Mund aufmachen, nein sagen, den Rechten und Rechtspopulisten keinen Raum geben.«

1933 zählte die jüdische Gemeinde in Bielefeld 1300 Mitglieder. 500 Bielefelder Juden wurden deportiert. 48 von ihnen überlebten. Und von diesen kehrten nach Kriegsende nur ganz wenige zurück in ihre Heimatstadt.

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