Do., 26.12.2019

Heiligabend wird der Hauptbahnhof zum „Bahnhof Bethlehem“ Wo Gott Station macht

Mehr als 500 Menschen kommen zum Gottesdienst in den Hauptbahnhof.

Mehr als 500 Menschen kommen zum Gottesdienst in den Hauptbahnhof. Foto: Thomas F. Starke

Von Michael Schläger

Bielefeld (WB). Wenn wir von göttlichen Momenten sprechen, dann meinen wir oft etwas ganz Großes. Doch manchmal sind diese göttlichen Momente auch ganz profan, fast beiläufig. An Heiligabend will der junge Mann, der einen Rucksack und eine Reisetasche trägt, vor allem eines: rechtzeitig den ICE nach Berlin-Gesundbrunnen erreichen. 19.38 Uhr, Gleis 2.

Eilig betritt er die Halle des Bielefelder Hauptbahnhofs. Dort tönt es „Stille Nacht, heilige Nacht“ aus 500 Kehlen, begleitet vom satten Klang der Posaunen. Das ist so gar nicht still und irgendwie auch nicht heilig. Aber der Mann bleibt stehen, schaut etwas irritiert auf die große Menschenmenge, die sich vor dem improvisierten Altar unter der „McCafé“-Leuchtreklame versammelt hat.

Als das Lied verklungen ist und die Fürbitte beginnt, fragt er zwei Frauen, die neben ihm stehen, was denn hier los sei. „Gottesdienst“, antwortet eine der beiden und reicht ihm ihr Programmheft. Er blättert, noch immer irritiert. „Da steht ja die Weihnachtsgeschichte drin“, antwortet er. „Das nehme ich mit für unterwegs.“ Sagt’s und verschwindet im Tunnel, der zu den Gleisen führt.

Eine kurze Begegnung. Aber irgendwie spiegelt sie wider, was Superintendent Christian Bald vom Evangelischen Kirchenkreis Bielefeld und der katholische Pfarrer Herbert Bittis erst wenige Minuten zuvor in ihrer gemeinsamen Predigt thematisiert haben. „Gott macht Station im Bahnhof Bethlehem“, formuliert es Bald. „Gott ist bei uns Menschen“, ergänzt Bittis. Nicht nur bei den opulenten Festgottesdiensten in den Kirchen. Nein, überall und in dieser besonderen Nacht eben auch im Hauptbahnhof.

Zum achten Mal wird der im übertragenen Sinne zum Bahnhof von Bethlehem, jenem Ort, wo das Kind im Stall geboren wurde. Evangelischer Kirchenkreis, Katholisches Dekanat, Diakonie, Caritas, Heilsarmee und Bahnhofsmission richten den NRW-weit einmaligen Gottesdienst gemeinsam aus. Gedacht war er ursprünglich für Obdachlose und Junkies, für Einsame und Gestrauchelte.

Die sind noch immer da. Aber mittlerweile kommen auch die, die sich zu Heiligabend den etwas anderen Gottesdienst-Moment erhoffen. Und dann sind da die, die wie der junge Mann zufällig dazustoßen zwischen Abfahrt und Ankunft auf dem Hauptbahnhof.

„Genau die Mischung, die wir wollen“, sagt Michael Geymeier, Pastor der Heilsarmee. Ursprünglich war er Koch von Beruf. Er hat für diesen Abend eine wärmende Linsensuppe nach einem türkischen Rezept vorbereitet. Vegetarisch und halal, damit sie allen schmeckt. Sie wird an den in der Bahnhofshalle aufgestellten Bierzeltgarnituren von zwei Dutzend freiwilligen Helfern verteilt.

Und dann werden vor den Räumen der Bahnhofsmission im Untergeschoss noch Geschenktüten verteilt. Gepackt von Freiwilligen in Bielefelder Kirchengemeinden. Die Tüten werden von denen abgeholt, die an diesem Abend wirklich nichts haben.

Die anderen Gottesdienstbesucher sitzen zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich daheim an festlich gedeckten Tafel. Und der junge Mann dürfte derweil schon Hannover erreicht haben. Vielleicht hat er ja wirklich in der Weihnachtsgeschichte gelesen.

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