Neue Chefin Silvia Bentzinger und Gerd Oliver Seidensticker zur Zukunft des Hemdenherstellers
„Wir bleiben ein Familienunternehmen“

Bielefeld  (WB). Seit dem 1. Januar 2020 steht mit Silvia Bentzinger erstmals eine familienfremde Managerin an der Spitze des bekanntesten deutschen Hemdenherstellers Seidensticker . Die bisherigen geschäftsführenden Gesellschafter, die Cousins Gerd Oliver und Frank Seidensticker, betonen allerdings, dass die Bielefelder gleichwohl auch künftig ein Familienunternehmen bleiben werden. Mit Bentzinger und Gerd Oliver Seidensticker sprach Bernhard Hertlein auch über modische Fragen sowie den schmerzlichen Verlust der Camel-Active-Masterlizenz.

Mittwoch, 08.01.2020, 05:45 Uhr aktualisiert: 08.01.2020, 06:03 Uhr
Seit dem 1. Januar 2020 ist Silvia Bentzinger Vorsitzende der Seidensticker-Geschäftsführung. Gerd Oliver Seidensticker (Foto) und sein Cousin Frank werden sich im Beirat stärker strategischen und strukturellen Fragen annehmen. Außerdem wollen sie den Kontakt zu den Kunden im Handel intensivieren. Foto: Bernhard Pierel
Seit dem 1. Januar 2020 ist Silvia Bentzinger Vorsitzende der Seidensticker-Geschäftsführung. Gerd Oliver Seidensticker (Foto) und sein Cousin Frank werden sich im Beirat stärker strategischen und strukturellen Fragen annehmen. Außerdem wollen sie den Kontakt zu den Kunden im Handel intensivieren. Foto: Bernhard Pierel

Seidensticker hat gerade erst seinen 100. Firmengeburtstag gefeiert, da zieht sich die Familie aus dem aktiven Geschäft zurück. Was ist der Grund?

Gerd Oliver Seidensticker: Sollte durch die personellen Veränderungen der Eindruck entstehen, Frank und ich würden uns zurückziehen, so ist das falsch. Wir werden uns nur endlich für strukturelle und strategische Fragen und für den Kontakt zu den Kunden die Zeit nehmen, die es dafür braucht. Die Generation unserer Väter, Gerd und Walter Seidensticker, ist die letzte gewesen, die alle Prozesse im Unternehmen noch komplett selbstständig und allumfänglich gesteuert hat – damals, als Entwicklung, Produktion und Vertrieb noch im Wesentlichen an einem Platz stattgefunden haben. Heute, da wir in Asien vier eigene Produktionsstätten haben und neben dem Marken- gleichauf das Geschäft mit Handelsmarken betreiben, hat die Komplexität natürlich enorm zugenommen. Das Eilige verdrängt im Alltag das Notwendige. Deshalb haben wir uns vor gut einem Jahr entschieden, das operative Geschäft in die Hände von Silvia Bentzinger zu geben, die seit elf Jahren an verantwortlicher Stelle in unserem Unternehmen ist. Das Jubiläumsjahr haben wir noch genutzt, um die im Zusammenhang mit dem Verlust der Camel-Active-Lizenz verbundene Restrukturierung umzusetzen.

 

Zu den Personen

Silvia Bentzinger (43) ist seit 2008 beim Bielefelder Hemdenhersteller Seidensticker. Die promovierte Juristin begann als Prokuristin und Abteilungsleiterin für Personal, Recht und Versicherungen. 2014 stieg sie in die Geschäftsführung des Familienunternehmens ein und übernahm zusätzlich die Verantwortung für Kommunikation, Versicherungen und seit 2019 für die Damenoberbekleidung. Vor dem Wechsel nach Bielefeld arbeitete Bentzinger nach dem Studium zunächst als Referendarin beim Oberlandesgericht in Düsseldorf. Von 2004 bis 2008 war sie beim Kirchenversicherer Ecclesia in Detmold.

Gerd Oliver Seidensticker (53), Sohn von Gerd Seidensticker, hat im Jahr 2004 als Vertreter der dritten Generation gemeinsam mit seinem Cousin Frank Seidensticker die Unternehmensleitung bei dem Bielefelder Familienunternehmen übernommen. Dort trug er unter anderem die Verantwortung für das Geschäft mit Handelsmarken. Gerd Oliver Seidensticker hat das Textilgeschäft von der Pike auf gelernt. Nach einer Lehre in der Bekleidungsindustrie studierte er Betriebswirtschaft und war dann neun Jahre für Seidensticker in Hongkong. Zum 1. Januar 2020 wechselte er in den Unternehmensbeirat.

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Hört Seidensticker irgendwann auf, Familienunternehmen zu sein?

Seidensticker: Auf gar keinen Fall. Die Börse oder ein familienfremder Investor sind für uns keine Alternative. Darin haben uns unsere Erfahrungen mit einer börsennotierten Anleihe sogar noch bestärkt. Die Familie hat andere Renditevorstellungen und einen anderen Zeithorizont.

Sieht das denn die vierte Generation auch so?

Seidensticker: Ja. Philipp, mein Neffe, hat schon erklärt, dass er nach abgeschlossener Ausbildung ins Unternehmen will. Bis zum Sommer sammelt er noch Erfahrungen bei unserer Tochtergesellschaft in Hongkong. Auch meine Tochter Linda arbeitet bereits bei mehreren Projekten im Unternehmen mit.

 

Das Jahr 2019 war geprägt vom Verlust der Camel-Active-Masterlizenz. Welche Maßnahmen sind am Ende durchgesetzt worden und welche Rückwirkungen hat dies noch auf 2020?

Seidensticker: Die Bedingungen waren so, dass Seidensticker frühzeitig aus dem Verfahren zur Lizenzvergabe ausgestiegen ist. Das hatte dann zur Folge, dass wir die Abteilung, die für die Entwicklung und den Vertrieb der Marke Camel Active verantwortlich war, auflösen mussten. Knapp 30 der dort Beschäftigten haben die Möglichkeit genutzt, beim neuen Hauptlizenznehmer, der Firma Bültel in Salzbergen, anzufangen. Wir selbst mussten uns dort neu um die Lizenz für Hemden und Strickwaren bewerben. Dass uns das gelang, ist wichtig für unsere eigenen Produktionsstätten in Vietnam und Indonesien. Allerdings haben wir im Zuge dessen auch unseren Vertrieb outgesourct. Unter dem Strich mussten wir 2019 etwa 200 Arbeitsplätze abbauen.

Silvia Bentzinger: Damit ist die Restrukturierung abgeschlossen. Allerdings wird es immer so sein, dass wir auch Stellen einsparen oder verlagern müssen. Dafür werden an anderer Stelle auch neue Jobs geschaffen. Das trifft neben dem Private-Label-Geschäft, wo wir Neukunden gewonnen haben, auch den stark wachsenden Onlineverkauf und das Auslandsgeschäft. Online werden etwa 20 Prozent unserer Hemden und Blusen verkauft. Die Exportquote beträgt 37 Prozent.

 

Können Sie damit leben, dass Seidensticker zwar nach wie vor die bekannteste Hemdenmarke in Deutschland ist, dass sie aber beim Umsatz inzwischen spürbar hinter Olymp zurückliegt?

Seidensticker: Ja – zumal Olymp nur als einzelne Marke größer ist. Inklusive Private-Label-Geschäft liegen wir gleichauf. Konkurrenz ist gut, denn sie belebt das Geschäft.

 

Konkurrenz gibt es auch bei den Produkten. Sind T-Shirt und Sweatshirt modische Alternativen zum Hemd?

Bentzinger: Die Herrenmode ist insgesamt weniger formell geworden. In der Branche spricht man von Casualisierung. Der Anzug ist auch im Geschäftsleben nicht mehr Pflicht. Aber er wird auch nicht verschwinden. Ich glaube sogar, dass das Hemd künftig eher noch an Bedeutung gewinnen wird, weil der Mann bei Gelegenheiten, die nicht so formell sind, mit Hemd auch ohne Anzug gut gekleidet ist.

 

Seidensticker ist nicht irgendwer in der Modebranche. Familie und Unternehmen sind vor allem in Fashion-Verband und in der Initiative des Bundesministeriums für wirtschaftliche Beziehungen für ein Textilsiegel aktiv. Wird sich daran etwas ändern?

Seidensticker: Nein. Frank und ich bleiben als Inhaber auch in der Verantwortung.

Bentzinger: Auch unser Engagement für eine ökologisch und sozial nachhaltige Textilproduktion wird nicht eingeschränkt. Im Gegenteil: Die Verbraucher und unsere Handelskunden fragen verstärkt danach.

 

Erstmals tritt mit Ihnen, Silvia Bentzinger, eine Frau an die Spitze von Seidensticker. Was wollen Sie anders machen?

Bentzinger: Ist das Thema Frau im Management tatsächlich noch ein Thema? Die Zeit der einsamen Helden, die alles selbst und alles neu machen, ist vorbei. Wir haben uns auch bisher schon eng mit den Inhabern und mit der zweiten Managementebene abgestimmt. Bei der großen Komplexität kann heute niemand behaupten, alles besser zu wissen. Mir liegt Teamarbeit ohnehin am Herzen. In diesem Zusammenhang werden wir Seidensticker gemeinsam weiter entwickeln – besonders online, stationär mit neuen Shopkonzepten, im Ausland und im Segment der Damenoberbekleidung, zu dem außer der Bluse auch Rock und Kleid zählen und für das ich schon seit Mai 2019 direkt verantwortlich bin.

 

Wer kauft denn bei Ihnen, Frau Bentzinger, zu Hause die Hemden ein, Ihr Mann oder Sie?

Bentzinger: Ich natürlich. Schließlich sitze ich hier an der Quelle.

 

Und welches Hemd bevorzugen Sie dabei?

Bentzinger: Klassisch das weiße. Ich liebe Männer mit weißen Hemden. Damit sind sie bei jedem Anlass gut gekleidet. Das gilt im Übrigen ebenso für Frauen. Ich liebe auch weiße Blusen.

 

Das Unternehmen

Die Bielefelder Seidensticker-Gruppe hat im vergangenen Jahr das 100. Firmenjubiläum gefeiert. In dieser Zeit wurden mehr als 880 Millionen Einzelteile, also vor allem Hemden und Blusen, produziert. Die weltweit 2400 Mitarbeiter erwirtschafteten zuletzt im Geschäftsjahr 2018/19 (30.04.) einen Gruppenumsatz von 180 Millionen Euro. Ein Großteil wird in den eigenen Produktionsstätten hergestellt; je zwei befinden sich in Vietnam und in Indonesien. Hinzu kommt ein Joint Venture in Bangladesch.

In Deutschland beschäftigt das Unternehmen 500 Mitarbeiter, davon noch 200 am Stammsitz in Bielefeld.

 

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