Mi., 12.02.2020

Bielefeld-Brackwede: IG Metall zieht Angebot zur Stellenstreichung beim Autozulieferer Gestamp zurück Stillstand im Streit um Jobabbau bei Gestamp

Oberbürgermeister Pit Clausen (Mitte) zeigt sich mit den Gestamp-Beschäftigten solidarisch. Bei einer Betriebsversammlung haben die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Ute Herkströter (vorne, Dritte von rechts) und Murat Dogan, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender (vorne, Zweiter von rechts), über den Stand der Verhandlungen zum geplanten Stellenabbau informiert. Im Hintergrund hängt „das letzte Hemd“ symbolisch am Werkszaun, das die Beschäftigten nicht hergeben wollen.

Oberbürgermeister Pit Clausen (Mitte) zeigt sich mit den Gestamp-Beschäftigten solidarisch. Bei einer Betriebsversammlung haben die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Ute Herkströter (vorne, Dritte von rechts) und Murat Dogan, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender (vorne, Zweiter von rechts), über den Stand der Verhandlungen zum geplanten Stellenabbau informiert. Im Hintergrund hängt „das letzte Hemd“ symbolisch am Werkszaun, das die Beschäftigten nicht hergeben wollen. Foto: Peter Bollig

Von Peter Bollig

Bielefeld (WB). Obwohl Betriebsrat und Gewerkschaft zu Zugeständnissen bereit sind, sind beim Autozulieferer Gestamp die Verhandlungen über einen Arbeitsplatzabbau in Bielefeld-Brackwede festgefahren. Einer Reduzierung von 201 Stellen und weiteren Maßnahmen zur Kosteneinsparung hatte die IG Metall zugestimmt. Weil dem Arbeitgeber das nicht reiche, so die Gewerkschaft, habe man das Angebot jetzt zurückgezogen.

Dass man nicht bereit ist, auch noch „das letzte Hemd“ zu geben, zeigten die Beschäftigten des 1400 Mitarbeiter starken Unternehmensstandorts symbolisch am Rande einer Betriebsversammlung, indem sie Hemden an den Gestamp-Zaun an der Gaswerkstraße hängten.

Es geht um 201 Arbeitsplätze, die Gestamp in Brackwede gerne abbauen möchte – aber nicht ohne Zustimmung des Betriebsrates abbauen kann, weil ein 2015 vereinbarter Zukunftstarifvertrag betriebsbedingte Kündigungen bis 2022 ausschließt. Die Belegschaft hatte im Gegenzug seinerzeit Zugeständnisse gemacht, unter anderem unbezahlte Mehrarbeit im Gegenwert von 25 Millionen Euro. Gestamp sollte dafür 90 Millionen Euro in den Standort investieren.

Verzicht auf bezahlte Pausen

Mit Blick auf die angespannte Lage in der Auto-Branche will das spanische Unternehmen Gestamp bei der Vereinbarung jetzt nachbessern, hatte im vergangenen Jahr zu Verhandlungen eingeladen. Ein Abschluss war bislang indes nicht möglich, wie der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Murat Dogan und die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Bielefeld Ute Herkströter am Dienstag bei der Betriebsversammlung mitteilten. Zum Angebot der Beschäftigten gehörten die Zustimmung zum Stellenabbau mit Sozialplan und Interessenausgleich. Mit „viel Ärger im Bauch“ habe man Einsparungen im Umfang von 151 Millionen Euro für fünf Jahre angeboten, etwa durch Verzicht auf bezahlte Pausen und eine Rückkehr zum Flächentarifvertrag erst Ende 2025 statt 2020.

„Das war verhandelt worden, hat Gestamp aber nicht gereicht“, sagt Ute Herkströter. Die Arbeitnehmer wollten ihr Zugeständnis mit Jobgarantien bis 2025 verbinden, forderten weitere Investitionen in den Standort in Höhe von 40 Millionen Euro, die Ausbildung von jährlich 25 Azubis und Übernahme von mindestens 15. Die Geschäftsleitung habe argumentiert, das Werk sei zu teuer im Vergleich mit denen in Haynrode und Ludwigsfelde oder Unternehmen in der Region. Herkströter: „Die Spitze von Gestamp war aber die erste, die an der Spirale gedreht hat, indem sie 2015 heftig eine Tarifabweichung nach unten gefordert hat. Regionale Wettbewerber wie Benteler zogen nach.“ Standorte und Beschäftigte seien gegeneinander ausgespielt worden.

OB Pit Clausen stärkt Belegschaft den Rücken

Die Arbeitnehmer haben jetzt ihr Angebot zurückgezogen, tragen die Streichung von 201 Stellen nicht mehr mit, ebenso nicht mehr den Verzicht auf die bezahlte Pause. In einem neuen Angebot stimmen sie einem Stellenabbau nur noch zu, wenn er auf einem „Freiwilligen-Programm“ basiert, also etwa auf Vorruhestandsregelungen. Der Geschäftsleitung hat die Gewerkschaft eine Frist gesetzt, innerhalb einer Woche die Verhandlungen wieder aufzunehmen.

Dass es trotz der bestehenden Jobgarantie bis 2022 zu einer Einigung kommen sollte, ist aus Ute Herkströters Sicht sinnvoll, um einen größeren Stellenabbau zu vermeiden und längerfristige Regelungen zu treffen. So sei bereits von 477 Jobs die Rede, die Gestamp eigentlich streichen wolle, ebenso von einer Schließung der Ausbildungswerkstatt.

Zur Betriebsversammlung eingeladen war laut Gewerkschaft auch die Gestamp-Geschäftsleitung. Die blieb aber fern. „Ich bin sprachlos, dass die nicht da waren“, sagt Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen, der an der Versammlung teilnahm, um die Beschäftigten mit einer „Solidaritätsadresse“ den Rücken zu stärken und Wertschätzung zu zeigen. „Denn“, sagt Clausen, „bei Gestamp brennt gerade die Hütte.“

Die Gestamp-Geschäftsleitung war für eine Stellungnahme am Dienstag nicht erreichbar.

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