Geistig Beeinträchtigter (36) kämpft um seine Zwillinge (4) – Bethel hilft
„Es kann nicht sein, dass mir die Kinder weggenommen werden“

Bielefeld (WB). Lukas Pordzik liebt seine Kinder über alles. Aber dass er mit den vierjährigen Zwillingen Dirk und Christiane zusammen wohnen darf, ist neu und schon gar nicht selbstverständlich. Obwohl die Mutter der Kinder an einer schweren psychischen Erkrankung leidet, musste er das Sorgerecht vor Gericht erstreiten. Denn der heute 36-Jährige lebt seit frühester Kindheit selbst mit einer geistigen Beeinträchtigung. „Das Jugendamt hatte Lukas die Kinder einfach nicht zugetraut“, erklärt Petra Thöne, Regionalleiterin bei Bethel.

Montag, 17.02.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 17.02.2020, 09:18 Uhr
Familienglück in Ummeln: Mit seinen quirligen Zwillingen Dirk und Christiane (4) testet der alleinerziehende Vater Lukas Pordzik (36) die große Wippe des Kinderspielplatzes an der Eichenstraße. Bethel-Betreuer sind immer in der Nähe. Foto: Markus Poch
Familienglück in Ummeln: Mit seinen quirligen Zwillingen Dirk und Christiane (4) testet der alleinerziehende Vater Lukas Pordzik (36) die große Wippe des Kinderspielplatzes an der Eichenstraße. Bethel-Betreuer sind immer in der Nähe. Foto: Markus Poch

Lukas Pordzik wirkt freundlich, höflich und engagiert; überaus glücklich im Umgang mit seinem Nachwuchs. Er ist einer von nur 120 Menschen in Deutschland, die die Chance erhalten, sich trotz einer geistigen Beeinträchtigung eine Familie aufzubauen. Maßgeblich daran beteiligt sind Bethel und das Programm „Begleitete Elternschaft“. Täglich einmal bekommt der gebürtige Pole Besuch von seinen Bezugsbetreuern Bastian Blüml oder Susanne Becker.

Schwierigkeiten bei Behördengängen

In seiner Wohnung in Ummeln besprechen sie mit ihm dann Alltagssituationen oder Themen, die er allein und ohne Anleitung nur schlecht bewältigen kann. Oder sie sehen nach den beiden gesunden Kindern, wenn die nicht gerade in Brackwede durch die Tagesstätte Wirbelwind toben.

Die Stärken des Familienvaters liegen nicht im Lesen, Schreiben und Rechnen. Mehr als gesunde Menschen hat er Schwierigkeiten bei Behördengängen, mit Bürokratie, Haushalts- und Geldmanagement. „Es macht ihm auch Probleme, auf neuartige Situationen außerhalb einstudierter Rituale zu reagieren“, betont Petra Thöne. Aber er habe sich von einem Sturkopf nach und nach sehr positiv zu einem einsichtigen, kooperativen Menschen entwickelt.

„Ich kämpfe um meine Kinder. Es kann doch nicht sein, dass sie mir weggenommen werden“, stellt Lukas Pordzik klar. Er berichtet von der Schwierigkeit, Mama und Papa in einem zu sein; oder von seinem Anspruch, mal liebevoll und mal streng zu sein, damit seine Kinder ihm vertrauen und ihn auch als Respektsperson schätzen.

Er hat gelernt, sein Schicksal zu akzeptieren. Es war seine Großmutter, die ihn als Kleinkind hat fallen lassen. Seitdem ist verbürgt, dass er wegen eines Hirnschadens nicht so leistungsstark sein kann wie die Menschen, die keinen solchen Unfall hatten. Aber er hat sich vieles selbst erarbeitet, darunter den Hauptschulabschluss, die Ausbildung zum Koch und letztlich sogar das Sorgerecht für seine Zwillinge, die bis Mitte 2018 getrennt voneinander in Pflegefamilien untergebracht waren.

„Ich möchte meinen Kindern auch etwas bieten.“

Im Augenblick laboriert Pordzik an einer langwierigen Schulterverletzung und kann deshalb nicht arbeiten. „Spätestens, wenn Dirk und Christiane in die Schule kommen, muss meine Schulter gesund sein“, sagt er. „Dann will ich wieder als Koch arbeiten und für meine Kinder ein Vorbild sein. „Ich möchte ihnen auch etwas bieten.“ Trotzdem weiß der stolze Vater, dass das Experiment scheitern oder dass es noch Jahre dauern kann, bis Bethel sich aus der Betreuung gänzlich zurückzieht und ihm den großen Traum erfüllt: das unbetreute Wohnen mit seinen Kindern.

Über diese Perspektive für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen berichtete jüngst auch das ZDF in den Sendungen „Volle Kanne“ und „Menschen“. Lukas Pordzik, seine Kinder und Petra Thöne waren dazu sogar Studiogäste in Düsseldorf. Seitdem er auch bei Youtube zu sehen sei, berichtet Pordzik, habe er gut eine Million Likes auf Facebook erhalten.

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