Eine frühere Planung zeigt, wie die Linie 1 mit weniger Flächenfraß in den Bielefelder Stadtteil Sennestadt kommen könnte
Stadtbahn-Ausbau mit geringeren Konflikten

Bielefeld (WB). Mindestens vier Gebäude, die abgerissen werden müssen, Grundstücke, die beschnitten werden, schmale Radwege, teils eingeklemmt zwischen Stadtbahn und Straße, Umgehungsverkehre in Wohngebieten – die unlängst vorgelegte Planung zur Verlängerung der Stadtbahnlinie 1 verlangt vielen Betroffenen einiges ab. Entsprechend groß ist schon jetzt der Widerstand. Es gibt aber auch eine andere, ebenso weit gereifte Planung, die von Mobiel und Stadt bislang unter Verschluss gehalten wird. Dem WESTFALEN-BLATT liegt sie vor – und sie zeigt: Die wesentlichen Probleme der aktuell diskutierten Planung werden darin vermieden.

Dienstag, 18.02.2020, 18:30 Uhr
Einer der Knackpunkte: Mimmos Pizzahaus muss nach der aktuellen Planung der Stadtbahn weichen, kann in der Ursprungsplanung wohl stehen bleiben. Foto: Peter Bollig
Einer der Knackpunkte: Mimmos Pizzahaus muss nach der aktuellen Planung der Stadtbahn weichen, kann in der Ursprungsplanung wohl stehen bleiben. Foto: Peter Bollig

Diese Ursprungsplanung wurde 2017 in Angriff genommen, als die politischen Beschlüsse für eine Stadtbahnverlängerung entlang der L 756 (Brackweder Straße/Paderborner Straße) von Senne nach Sennestadt gefallen waren. Sie basiert auf der Annahme, dass die Fahrbahnen auf der L 756 neben Rad- und Fußwegen sowie den Stadtbahngleisen nach den so genannten Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen (RASt) gebaut, also schmaler ausgelegt werden dürften.

Die Planer gingen davon aus, dass entweder die Baulastträgerschaft der Straße von der Stadt übernommen und somit ohnehin nach RASt geplant würde, oder aber nach RASt geplant werden dürfe, auch wenn das Land die L 756 behält. Auch Fachleute gehen davon aus, dass das zulässig ist. Entsprechend, so ein Auftrag des Stadtentwicklungsausschusses, sollte OB Pit Clausen mit dem Land verhandeln.

Im Ergebnis kam es bei dem Gespräch zu einer „Abstimmung der Rahmenbedingungen“, wie die Verwaltung im Rat jetzt auf FDP-Anfrage mitteilte. Was bedeutet: Der Landesbetrieb Straßen NRW machte es zur Maßgabe, die Fahrbahnen breiter nach den Vorgaben der so genannten Richtlinien für die Anlage von Landstraßen (RAL) zu bauen. Die alte Planung verschwand somit in der Schublade. Die Planer gingen neu ans Werk und legten jetzt der Öffentlichkeit die so genannten „Konsensplanung“ vor.

Der Konsens, so wurde nach zwei Bürgerinformationsveranstaltungen und der Senner Bezirksvertretersitzung deutlich, besteht dabei allerdings vor allem zwischen den Mobiel-Planern und Straßen NRW. Zumindest in der Senner Politik dürfte es keine Zustimmung geben. Verbände wie Bielefeld Pro Nahverkehr fordern Clausen seit langem auf, erneut mit dem Land über den Ausbaustandard zu verhandeln und auf die alte Planung nach RASt zurückzugreifen.

Denn die schafft offenbar, was der Konsensplanung nicht gelingt: eine weitestgehend konfliktfreie Stadtbahntrasse nach Sennestadt zu bringen, die allen Verkehrsteilnehmern und auch Anliegern weitestgehend gerecht wird.

Betroffene Grundstücke

Laut Konsensplanung müssten unter anderem Mimmos Pizzahaus und die Shell-Tankstelle in Senne abgerissen werden, müssten Verkaufsflächen im Außenbereich des Autohauses an der Buschkampstraße einer Haltestelle weichen. Viele Grundstückseigentümer sollen Flächen abgeben. Insgesamt rund 70 Eigentümer sind betroffen. Mit ihnen müsste über Grundstücksverkäufe verhandelt, notfalls enteignet werden. Das kostet Geld und Zeit, letztlich drohen Klagen – und am Ende steht die Bezirksregierung als Genehmigungsbehörde, die entscheiden muss, ob diese Eingriffe angemessen sind.

Die alte Planung nach RASt kommt aufgrund der schmaleren Fahrbahnbreiten mit dem vorhandenen Straßenraum aus. Lediglich an der Buschkamp- und der Eikelmannkreuzung würden private Flächen gebraucht.

Die Verkehrsaufteilung

Einer der größten Kritikpunkte an der Konsensplanung: Die Radwege – einer je Fahrtrichtung – liegen überwiegend auf Fahrbahnhöhe ohne Trennung vom motorisierten Verkehr und sind nur zwei Meter breit. Richtung Innenstadt wären Radler zwischen Stadtbahn und Auto- beziehungsweise Lkw-Verkehr unterwegs – und das bei Tempo 70.

In der ursprünglichen Planung ist nur ein einziger Radweg vorgesehen, auf dem Radler in beide Richtungen unterwegs sind. Dieser Radweg ist mindestens drei Meter breit und liegt in Nordlage neben den Stadtbahngleisen, also abseits des Autoverkehrs. Über mehrere hundert Meter ist ein mindestens vier Meter breiter Geh-/Radweg geplant, wo in der Konsensplanung zwei 2,5 Meter breite Rad- und Gehwege vorgesehen sind. Fußgänger laufen in der früheren Planung auf beiden Seiten der Straße auf zwei bis zweieinhalb Meter breiten Wegen. Für Autos und Lkw blieben bei zwei Fahrspuren 6,50 Meter statt den 7 Meter in der Konsensplanung beziehungsweise im vierspurigen Abschnitt zwischen Buschkamp- und Eikelmann-Kreuzung sieben statt 8,50 Meter für jeweils zwei Spuren.

Ortslage Sennestadt

Große Unterschiede gibt es in den beiden Varianten auch bei der Gestaltung im Zentrum Senne­stadts. Am Sennestadtteich soll an der Einmündung Jadeweg ein kleiner Busbahnhof den Busverkehr an die Stadtbahn anbinden. In der Konsensplanung wird der Jadeweg direkt vor den Combimarkt verlegt. Die Straße würde dann den Markt von seinem Parkplatz trennen. Kunden müssten also mit ihren Einkäufen die Straße überqueren, um zum Auto zu gelangen. Die Konsensplanung verbietet außerdem die so genannte Landschaftsklammer: ein baumbestandener Übergang, der den nördlichen mit dem südlichen Teil Sennestadts über die Paderborner Straße attraktiv verbinden würde.

In der früheren Stadtbahnplanung ist dieser Übergang in Höhe der Kreuzkirche vorhanden. In der Konsensplanung können Fußgänger die Paderborner Straße über eine Ampel queren, müssten dann aber auch noch den Busbahnhof und die Zufahrt zum Sennestadtring überwinden. Das gilt als unattraktiv.

Kritiker wie Bielefeld Pro Nahverkehr sehen hier den großen Widerspruch in der harten Haltung von Straßen NRW: Das Land hat das Insek-Förderprogramm aufgrund dieser Ursprungsplanung mit Landschaftsklammer und Rückbau der Paderborner Straße beschlossen. Dann könne das Land nicht gleichzeitig verlangen, auf diesen Rückbau zu verzichten.

Abbiegen

Besonders kritisch sehen Senner Politiker und Bürger, dass in der aktuellen Planung an mehreren Stellen aus Platzgründen das Links- beziehungsweise Rechtsabbiegen in Seitenstraßen unterbunden wird, etwa am Spiegelsberger Weg, an der Bretonischen Straße und am Hafnerweg. Wer stadteinwärts fährt und das Lebensmittelgeschäft Buschmann oder den Netto-Markt ansteuern möchte, muss durch Nebenstraßen an einer Grundschule und einem Kindergarten vorbeifahren.

Auch das würde die frühere, beiseite gelegte Planung vermeiden: Die Abbiegebeziehungen blieben erhalten.

Aus den politischen Beratungen und Bürgerveranstaltungen wurde deutlich, dass gerade bei den fehlenden Abbiegemöglichkeiten in der Konsensplanung nachgebessert werden soll, ebenso bei den Radwegbreiten. Die Folge wäre, so die Planer von Mobiel, dass noch mehr auf private Grundstücke zugegriffen werden müsste.

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