So., 23.02.2020

Erhan Köken aus Bielefeld hält seit zehn Jahren eine vom Aussterben bedrohte Kunstform am Leben Ein Meister des Schattenspiels

Das türkische Schattentheater, dessen Protagonist Karagöz heißt, war vor allem im Osmanischen Reich eine beliebte Unterhaltung. Hauptfiguren sind Karagöz, ein derber und bauernschlauer Mann aus dem Volk, und sein hochnäsiger Nachbar Hacivat.

Das türkische Schattentheater, dessen Protagonist Karagöz heißt, war vor allem im Osmanischen Reich eine beliebte Unterhaltung. Hauptfiguren sind Karagöz, ein derber und bauernschlauer Mann aus dem Volk, und sein hochnäsiger Nachbar Hacivat. Foto: dpa

Von Georg Löwen

Bielefeld (WB). Der Karagöz-Meister Erhan Köken braucht für eine Aufführung lediglich eine Leinwand, seine farbenprächtigen Figuren, Licht und natürlich ein Publikum. 2010 ist er für ein Studium der Rechtswissenschaften nach Bielefeld gezogen. Doch bewahrt Erhan Köken neben dem Studium mit durchschnittlich zwei Auftritten pro Monat die vom Aussterben bedrohte Kunst des Karagöz – des türkischen Schattentheaters. Weltweit finden sich weniger als 20 Künstler, die sie praktizieren.

Das Theaterspielen hat in der Familie des 29-Jährigen einen festen Platz. „Mein Vater ist Theaterregisseur. Somit ist es mir in die Wiege gelegt worden.“ Zum ersten Mal stand der gebürtige Grevenbroicher mit sechs Jahren auf der Bühne. „Mein Vater hatte zu der Zeit ein Theaterkollektiv“, erinnert sich Köken. Es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit, aber „irgendwann konnte ich mich durchsetzen und schon in jungen Jahren Theater spielen.“

Ausbildung beim Vater

Die Ausbildung zum Karagöz-Meister absolvierte der Wahl-Bielefelder bei seinem Vater Ali Köken, der seinerseits das türkische Schattenspiel seit 25 Jahren in Deutschland betreibt. Ein echter Karagöz-Meister zeichnet sich dadurch aus, dass er alles selbst macht. Köken hat seine Figuren selbst hergestellt und gestaltet, kümmert sich um das Bühnenbild und spielt seine Stücke alleine. Damit das gelingt, muss der Schattenspieler die Stimmen und Dialekte all seiner Figuren beherrschen.

Erhan Köken ist einer der letzten Karagöz-Meister. Foto: Löwen

Erhan Kökens Vater schreibt die Stücke auf Türkisch und adressiert damit natürlicherweise ein türkischsprachiges Publikum. Erhan Köken fing aber im Zuge seiner Ausbildung an, Texte und Stücke auf Deutsch zu verfassen, um das Karagöz-Theater auch einem deutschen Publikum näher zu bringen. Ihm gehe es dabei auch darum, die Vielschichtigkeit der türkischen Kultur zu verdeutlichen. „Ich möchte zeigen, dass die türkische Kultur aus mehr besteht als aus schönen Hochzeiten, leckerem Essen und lauter Musik“, sagt der Jurastudent schmunzelnd.

Im Zentrum des Karagöz-Theaters stehen immer die beiden Figuren Karagöz und Hacivat. Karagöz, ein einfacher Bauarbeiter, ist naiv und bauernschlau zugleich. Hacivat hingegen gehört der gebildeten Obrigkeit an. Er ist weltgewandt, freundlich und fürsorglich. Nicht selten scherzen die beiden übereinander und manövrieren sich in skurrile Situationen. Wichtig sei es, so Köken, dass die Figuren am Ende eines jeden Stücks eine Lehre transportierten.

Auch politische Inhalte

In der Türkei hat das Schattentheater eine lange, von einigen Ursprungslegenden umrankte Tradition. Im Osmanischen Reich übten Karagöz-Meister auch Kritik am Sultan und nahmen die Obrigkeit auf den Arm. Diese Form der Obrigkeits- und Politikkritik stieß aber nicht immer auf Wohlwollen. So wurde das Karagöz-Theater häufig verboten und dann wieder legalisiert.

Seit den 1970er Jahren ist das türkische Schattenspiel ein Unterhaltungsangebot für Kinder. Köken ist es trotzdem wichtig, auch politische Inhalte in seine Stücke einzuweben. „Wir haben es geschafft, unter dem Deckmantel des Kindertheaters politische Themen zu verarbeiten, aber ohne Moralkeule.“ Dabei thematisieren Kökens Werke auch häufig Themen wie Mitmenschlichkeit, Zusammenleben und Integration. „In einigen meiner Stücke geht es um den Spracherwerb.“ Allen Stücken gemein ist eine feste Struktur, inhaltlich aber passt der Karagöz-Meister sie auch an das Tagesgeschehen an, flicht Aktuelles ein. „Dafür sind sie flexibel genug.”

Neben dem Spaß am Spielen motiviert Erhan Köken besonders das Unterwegssein. „Ich wollte immer auf Tour gehen“, betont er. In Bielefeld selbst hatte er allerdings erst wenige Aufführungen. Das liege unter anderem daran, dass das Kulturangebot in der Stadt ohnehin groß sei. „Es gibt hier Stadttheater, Puppentheater, einige private Theater und universitäre Gruppen. Deswegen ist vielleicht das Interesse an dem, was ich mache, nicht so groß.“

Trotzdem: Als Lokalmatador hofft er natürlich, bald auch in Bielefeld wieder eine Bühne zu betreten.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7280403?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F