Mit einer schlichten Zeremonie in Bielefeld beenden die Briten ihren Abzug aus Deutschland
Time to say goodbye

Bielefeld (WB). Die Zeremonie ist kurz, ganz ohne Pomp und Reden. Ein einsamer Dudelsackspieler steht im kalten Nieselregen, und ein paar versprengte frühere Zivilangestellte halten ihre Handys hoch, einige mit Tränen in den Augen. Dann holen zwei Soldaten, die eigens aus Paderborn-Sennelager gekommen sind, die britische und die deutsche Fahne vor der leeren Kaserne ein.

Sonntag, 23.02.2020, 08:36 Uhr aktualisiert: 24.02.2020, 14:18 Uhr
Die Fahnen sind eingeholt. Zum letzten Mal. Foto: Christian Althoff
Die Fahnen sind eingeholt. Zum letzten Mal. Foto: Christian Althoff

Die Briten haben am Donnerstag in Bielefeld mit der Catterick-Barracks an der Detmolder Straße die letzte von ihnen aufgegebene Kaserne an die Bundesrepublik zurückgegeben. Damit ist ihr vor zehn Jahren begonnener Truppenabzug aus Deutschland beendet. „Heute geht eine Ära zu Ende“, sagt Colonel Anthony Maw, der letzte Bielefelder Stand­ort­kom­mandant.

Erstes Hauptquartier in Bad Oeynhausen

1945 requirierten die britischen Besatzer das Hotel Königshof in Bad Oeynhausen, das sie zum ersten Hauptquartier der britischen Rheinarmee machten. Neben Niedersachsen wurde das Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens zum Schwerpunkt britischer Truppenpräsenz. Lübbecke, Minden, Bünde, Detmold, Lemgo, Bielefeld, Herford, Gütersloh, Paderborn – das waren einige der Städte, in denen die Soldaten Quartier bezogen. Vor allem in den ersten Jahren war das für die Bevölkerung nicht einfach. In Herford etwa mussten Menschen auf dem Stiftberg, wo es auch Kasernen gibt, ihre Häuser innerhalb von vier Tagen räumen. Sie wurden in Notunterkünften untergebracht und durften nur Kleidung und Bettzeug mitnehmen. Bis Ende 1945 sollen in Herford mehr als 6500 Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben worden sein, auch um Wohnraum für Offiziere und ihre Familien zu schaffen. Erst 1957 wurden die Häuser wieder zurückgegeben.

Die Briten in Sieker

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  • Trauerfeier für Oberst Mark Coe, der 1980 in Bielefeld erschossen worden war.

    Foto: Ed Heidmann
  • Ein Transporthubschrauber „Chinook“, wie er häufig bei Manövern zu sehen war.

    Foto: Stefan Hörttrich
  • Britische Soldaten sind sichtlich amüsiert auf Fahrrädern unterwegs.

    Foto: Ed Heidmann

Später wurden die Briten vom Besatzer zum Beschützer. Bis zum Aufbau der Bundeswehr Ende der 50er Jahre war die Rheinarmee einer der Hauptpfeiler der Nato gegen den Warschauer Pakt. „Zu Zeiten des Kalten Krieges hatten wir einschließlich der Airforce mehr als 100.000 Soldaten in Deutschland – plus Familien“, sagt Mike Whitehurst, der Sprecher der britischen Streitkräfte. In den 60ern pendelte sich die Stärke, auch aus Gründen eines desolaten britischen Haushalts, bei etwa 50.000 Mann ein. Um Großbritannien zu helfen, zahlte die Bundesrepublik ab 1971 fünf Jahre lang jeweils 100 Millionen Mark an London.

Die Rheinarmee wurde zum Arbeitgeber zigtausender deutscher Zivilbeschäftigter. Es war die Zeit, in der immer wieder Mitglieder des Königshauses nach Deutschland kamen, um Einheiten zu besuchen, sich in die Goldenen Bücher der Garnisonsstädte einzutragen und einen Hauch von Glamour zu verbreiten.

Rheinarmee vor 26 Jahren aufgelöst

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde die Rheinarmee 1994 aufgelöst, und die Truppenverbände wurden in „British Forces Germany“ umbenannt. Das Hauptquartier hatte seinen Sitz inzwischen in Mönchengladbach. Doch das Engagement in Deutschland war teuer. 2010 verkündete Premierminister David Cameron, bis 2020 die Truppen aus Deutschland abzuziehen und damit 15 Jahre eher als ursprünglich geplant. In den letzten Jahren waren nur noch 20.000 Soldaten mit ihren Familien in Deutschland stationiert – und auch die sind nun fast alle fort, sofern sie nicht der Liebe wegen in Deutschland geblieben sind.

Mike Whitehurst: „Während unseres zehn Jahre dauernden Abzugs hat sich die Sicherheitslage in Europa negativ verändert. Deshalb wurde in London entschieden, zwei Paderborner Kasernen von der Rückgabe an die Bundesrepublik auszunehmen.“ Die Normandy-Barracks und die Athlone-Barracks sind dem Truppenübungsplatz Sennelager zugeordnet, der den Briten als Brückenkopf in Deutschland dienen soll und auf dem nun jedes Jahr tausende von Soldaten aus Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden zum Training erwartet werden.

Die Fahnen sind eingeholt

Zurück in Bielefeld, wo die Soldaten Tobias Wyatt und Alhagie Jammeh die eingeholten Fahnen zusammenfalten. Dann tragen sie sie, begleitet von Dudelsackspieler Glen MacDonald, in die Wache der Catterick-Kaserne – in das einzige noch genutzte Gebäude auf dem 30 Hektar großen Gelände. „Es war eine schöne Zeit“, sagt Klemens Bertram, der hier 40 Jahre für die Briten gearbeitet hat und 1997 in Rente ging. „Ich war für die Technik zuständig. Ich musste sehen, dass in der Küche alles funktionierte, dass die Fahrstühle liefen und die Heizungen.“ 

Der 88-Jährige hat feuchte Augen, als er das Kasernengelände durch das offenstehende Stahltor verlässt – zum allerletzten Mal. Jetzt gehört das riesige Areal der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. „Wir wollen hier alles in Schuss halten, bis klar ist, was daraus werden soll“, sagt Mitarbeiterin Stefanie Meyer. Die Bundespolizei hat bereits Bedarf angemeldet. Sie möchte hier Polizisten ausbilden.

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