Coronavirus: Bielefelder Kinderarzt Dr. Marcus Heidemann bittet um Augenmaß
„Praxen sind nicht vorbereitet“

Bielefeld (WB). Husten und Fieber gehören in den Wintermonaten zum Alltag vor allem der Kinderärzte. Wenn jetzt noch die Corona-Welle dazukäme – und wahrscheinlich kommt – wäre dem kaum eine Praxis gewachsen. Dr. Marcus Heidemann, Sprecher der Bielefelder Kinder- und Jugendärzte, bittet um Augenmaß.

Freitag, 28.02.2020, 09:00 Uhr aktualisiert: 28.02.2020, 09:28 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa
Symbolbild. Foto: dpa

 

Dr. Heidemann, wenn mein Kind hustet: Soll ich die Kinderarztpraxis meiden oder kommen?

Marcus Heidemann: Wenn ein Kind nur ein bisschen kränkelt, sollte man überlegen, ob einfache Hausmittel nicht reichen. Wenn es so krank ist, dass man glaubt, es sollte besser dem Kinderarzt vorgestellt werden, sollte man das am Telefon der Praxis mitteilen. Und man sollte dann auch sagen, dass möglicherweise eine Infektion mit dem Coronavirus vorliegen könnte, weil man beispielsweise im Urlaub in Italien war oder Kontakt mit Menschen hatte, die aus Italien zurückgekommen sind.

 

Könnten Sie im Zweifel in Ihrer Praxis einen Abstrich für eine Testung vornehmen?

Heidemann: Natürlich können wir grundsätzlich Abstriche entnehmen. Aber auf diesen Fall sind wir nicht vorbereitet, weil das Virus sehr ansteckend ist: Ein einziges krankes Kind könnte unsere Praxis lahmlegen. Ich müsste zum Beispiel als Kontaktperson gegebenenfalls ebenfalls in Quarantäne. Vor allem aber: Bis ein Testergebnis vorläge, könnten womöglich die nächsten Patienten infiziert worden sein.

 

Sie können nicht sicher sein, dass Sie nicht bereits ein mit dem Coronavirus infiziertes Kind in Ihrer Praxis hatten...

Heidemann: Nein, kann ich nicht. Ich hatte allein heute Vormittag – wie vermutlich meine Kollegen auch – 30 bis 40 Kinder mit Husten, Fieber und Erkältungszeichen. Das ist von einer Coronaerkrankung nicht zu unterscheiden.

 

Die Ansteckung kann im Wartezimmer lauern?

Heidemann: Ja, das ist einfach so. Wir wissen noch nicht viel über das Coronavirus, aber eine Infektion scheint für die meisten Menschen vergleichsweise wenig gefährlich sein – anders als etwa Ebola. Der große Unterschied: Ebola ist erst ansteckend, wenn der Patient so krank ist, dass er sich nicht mehr rühren kann. Das ist bei dem Coronavirus völlig anders, es ist schon hochansteckend, wenn der Infizierte noch nichts davon ahnt.

 

Was raten Sie Eltern also?

Heidemann: Noch einmal: Gelassen bleiben und überlegen, ob der Besuch beim Kinderarzt nötig ist. Wir sind dem Ansturm sonst absolut nicht gewachsen. Das gilt im Übrigen auch für Krankenhäuser. Und man sollte sich unbedingt telefonisch anmelden – obwohl ein telefonisches Durchkommen derzeit nicht leicht ist.

 

Wie stecken Kinder eine Infektion mit dem SARS-CoV2 weg?

Heidemann: Sie sind wohl wenig oder nur milde betroffen. Ihr Immunsystem ist auch geübt, mit Infekten umzugehen. Das ist bei älteren oder immungeschwächten Menschen anders. Mit einem fiebernden Kind sollte man also nicht unbedingt die Großeltern oder Kranke besuchen. Für sie kann es ernster werden. Schwierig ist die Situation, wenn man selbst leicht erkrankt ist: Soll man sich zur Arbeit schleppen? Das kann kontraproduktiv sein. Mit jedem Husten Zuhause zu bleiben, geht aber auch nicht.

 

Die Politik sagt, wir seien vorbereitet. Sehen Sie das auch so?

Heidemann: Dass man alles im Griff habe, sagt in der Politik schon niemand mehr. Aber wir sind darauf vorbereitet, dass unsere Kliniken schwerkranke Patienten aufnehmen und isolieren können. Die Arztpraxen sind hingegen null vorbereitet: Es gibt keine Pläne, keine Schutzmasken und keine Schutzkittel. Wie sollte das auch gehen? Ich müsste nach jedem Patientenkontakt meine Kleidung wechseln, damit ich den Virus nicht weitergebe. Bis dahin hat das Kind seine Mutter, die Mutter die Türklinke angefasst...

 

Was könnten die Politik und die Ämter machen?

Heidemann: Schön wäre zum Beispiel eine Information über die Strategie. Wie lange etwa wollen wir jeden einzelnen Erkrankten isolieren? Wo sollen Abstriche entnommen werden? Die Kollegen schwimmen. Und wichtig ist: Auch bei Erster Hilfe muss die Eigensicherung vorgehen. Es nützt nichts, wenn der Arzt noch ausfällt. Darüber hinaus ist er ja auch ein potenzieller Patient und kann gefährdet sein. Was mich ärgert: Bei der Schweinegrippe vor einigen Jahren wurde festgehalten, dass besser kommuniziert werden müsse, dass Ärzte und Berufsverbände eingebunden sein müssten. Das ist nicht passiert.

 

Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen noch gelassen sind?

Heidemann: Die Leute sind bei uns noch total gelassen. Ich befürchte aber, dass die Nervosität steigt.

Zum Abschluss: Wie kann man sich schützen?

Heidemann: Einen absoluten Schutz gibt es nicht. Wichtig ist, etwas Distanz zu wahren und gründlich und oft die Hände zu waschen. Eine handelsübliche Seife reicht in der Regel. Und mit leichten Infekten sollte man vielleicht nicht unbedingt ins Kino oder zum Einkaufen gehen.

 

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7299511?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
SEK-Einsatz in Bad Oeynhausen
Für einen Polizeieinsatz, auch mit Beamten eines SEK, ist das Restaurant „New Orleans“ in der Bad Oeynhausener Innenstadt weiträumig mit Flatterband abgesperrt. Foto: Christian Müller
Nachrichten-Ticker