Fr., 20.03.2020

Wie Kulturakteure und Institutionen in Bielefeld den Stillstand kompensieren Die Krise macht kreativ

Die Corona-Krise macht kreativ: Die Produzentengalerie präsentiert ihre aktuelle Ausstellung „Ge-schichten und Träume“ mit dem Künstler Matthias Hosenfeldt im Internet, um so auf sich aufmerksam zu machen.

Die Corona-Krise macht kreativ: Die Produzentengalerie präsentiert ihre aktuelle Ausstellung „Ge-schichten und Träume“ mit dem Künstler Matthias Hosenfeldt im Internet, um so auf sich aufmerksam zu machen. Foto: Thomas F. Starke

Von Uta Jostwerner

Bielefeld (WB). Kunst und Kultur kommen in der Corona-Krise total zum Erliegen. Nicht nur das Theater Bielefeld, die größte Kulturinstitution der Stadt, musste seine Schauspieler, Tänzer und Sänger nach Hause schicken, auch die zahlreichen musikalischen Gruppen in den Kirchen dürfen nicht mehr zu gemeinsamen Proben zusammen kommen. Die Krise lässt manche Kulturakteure kreativ werden, andere nutzen den erzwungenen Stillstand, um lang aufgeschobene Projekte auf den Weg zu bringen.

So bringen etwa die Mitglieder von Posaunenchören jeden Abend um 18 Uhr auf ihren privaten Balkonen, Terrassen, in ihren Gärten oder an offenen Fenstern ihren Nachbarn ein solistisches Abendständchen. Gespielt werden überwiegend Choräle.

Stadtkantorin Ruth M. Seiler zeigt in der Neustädter Marienkirche, die wie alle anderen Kirchen geöffnet ist, Präsenz und spielt verstärkt dort auf der Eule-Orgel. „Ich nutze die Zeit zum Üben“, sagt Seiler. In Vorbereitung sind auch einige Orgelstücke, die ins Netz gestellt werden soll .

Ihr katholischer Kollege Georg Gusia erstellt derweil ein Notenheft mit einem weltlichen jahreszeitliche Programm. “Es soll über das Erzbistum Paderborn verkauft werden”, sagt der Regionalkantor.

Neues Online-Konzept

Johannes Strzyzewski arbeitet an einem Online-Konzept für den Musiktheorie-Unterricht. „Die Idee dazu hatte ich schon lange. Jetzt komme ich endlich dazu“, sagt der Leiter der Bielefelder Musik- und Kunstschule, der darüber hinaus zuversichtlich ist, dass die Uraufführung der Pop-Oper „van Beethoven“ mit mehreren hundert Akteuren wie geplant zwischen dem 18. und 20. Juni in der Oetkerhalle stattfinden wird. „Aktuell mussten wir zwar alle Probentermine absagen. Sollten wir den Probenbetrieb ab dem 20. April wieder aufnehmen können, würden wir die Produktion auch mit weniger Proben auf die Bühne bringen. Die Musikerinnen und Musiker haben die Noten mitbekommen und können zu Hause üben“, erklärt Strzyzewski.

Nach den Worten von Theaterintendant Michael Heicks haben auch die Schauspieler, Sänger und Tänzer jetzt keine Ferien, sondern arbeiten zu Hause an ihren jeweiligen Partien. „Sollte der Probenbetrieb am 20. April wieder aufgenommen werden, sind alle super vorbereitet“, sagt Heicks. Denn dann gelte es, bis zum Ende der Spielzeit noch vier Premieren auf die Bühne zu bringen. Einzig die Oper „A Quiet Place“ wird auf eine kommende Saison verschoben. Deshalb arbeiten auch die Werkstätten des Theaters weiter. „Natürlich unter Berücksichtigung entsprechender Sicherheitsmaßnahmen. So halten alle Beteiligten ausreichend Abstand zueinander. Besprechungen dauern nur noch maximal 15 Minuten“, so Heicks. Durchgeführt würden jetzt noch technische Wartungsarbeiten und alles, wozu man sonst während des laufenden Betriebs nicht komme. Heicks: „Alle ziehen an einem Strang.“

Künstler brechen die Einnahmen weg

Großes Verständnis brächte auch der überwiegende Teil der Zuschauer auf. Einige würden gar ihre bereits gekaufte Karten dem Theater als Spende zur Verfügung stellen. Gerade im Hinblick auf freischaffende Künstler und Gäste am Haus sei dies wichtig. „Ihnen brechen die Einnahmen weg. Aktuell stehe ich mit den Rotariern in Kontakt, wie man ihnen helfen kann. Und der Deutsche Bühnenverein wird einen Fonds gründen, aus dem freie Künstler bezahlt werden“, sagt Michael Heicks und fügt an: „Ich bin überrascht, wie viel Solidarität es gibt. Das ist das, was eine Gesellschaft braucht. Wenn wir es schaffen, uns wirklich solidarisch zu verhalten, dann würde der ganze Wahnsinn sogar einen Sinn ergeben.“

Auch die heimischen Galerien beginnen, ihre Ausstellungen im Internet zu präsentieren. „Zur letzten Eröffnung kamen nur fünf Personen, und seitdem ist es auch nicht mehr geworden. Wir versuchen zu überleben, sind aber auch optimistisch, dass das gelingt“, erklärt Bernd Ackehurst von der Produzentengalerie. So führt in einem Video der Künstler Matthias Hosenfeldt durch die aktuelle Ausstellung „Ge-schichten und Träume“ mit seinen Arbeiten. Ein Versuch, um „auch in Zeiten einer Pandemie für unsere Besucher erreichbar zu sein“, so Ackehurst.

Heimische Musiker wünschen sich Unterstützung

Mit einem Appell zur Unterstützung der heimischen Musiker hat sich der Bielefelder Saxofonist Andreas Kaling, unterstützt von anderen Musikern, an die Öffentlichkeit gewandt. „Wir arbeiten häufig ohne Rücklagen und ohne Plan B. Konzerthonorare und Unterrichtseinnahmen sorgen für das tägliche Brot, Nebenerwerb sind vielleicht CD-Verkauf und GEMA, aber irgendeine Sicherheit haben wenige von uns. Das wird in Kürze dazu führen, dass erste Mieten nicht mehr bezahlt und Proberäume aufgegeben werden müssen, Raten nicht mehr bezahlt werden können etc. Einen Überbrückungskredit bekommt man als Musiker von keiner Bank“, so Kaling. Er ruft dazu auf, die Musiker direkt zu unterstützen, die Produkte direkt bei den jeweiligen Künstlern zu erwerben. Viele von ihnen hätten beispielsweise ein Konto bei einer fairen Internet-Plattform, bei der sie gut 70 Prozent der Einnahmen behalten dürften, ganz anders als beispielsweise bei den gängigen Streaming- und Videodiensten, wo nur ein verschwindend kleiner Bruchteil tatsächlich bei den Künstlern ankomme. „Sonst gehen bei vielen demnächst die Lichter aus“, befürchtet Kaling und ergänzt: „Wenn jeder auch nur fünf oder zehn Euro ausgibt, ist das schon eine relevante Summe.“

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