Die erste Corona-Woche in Bielefeld – Sozialdezernat, Ordnungs- und Gesundheitsamt ziehen Bilanz – mit Video
Eine Stadt im Krisenmodus

Bielefeld (WB). Seit einer Woche dreht sich alles um Corona. Mit dem vorrangigen Ziel, die Zahl der Neuinfektionen zu verlangsamen, wurden rigide Maßnahmen beschlossen und umgesetzt. Am Freitag zogen Sozialdezernat, Gesundheits- und Ordnungsamt sowie die Feuerwehr eine erste Bilanz.

Freitag, 20.03.2020, 19:15 Uhr aktualisiert: 20.03.2020, 19:39 Uhr
Der Krisenstab aus Feuerwehrchef Hans-Dieter Mühlenweg (von links), Gesundheitsamtsleiter Dr. Peter Schmid, Sozialdezernent Ingo Nürnberger und Christiane Krumb­holz, stellvertretende Leiterin des Ordnungsamtes, ziehen eine erste Bilanz . Viele Maßnahmen wurden reibungslos umgesetzt. Foto: Thomas F. Starke
Der Krisenstab aus Feuerwehrchef Hans-Dieter Mühlenweg (von links), Gesundheitsamtsleiter Dr. Peter Schmid, Sozialdezernent Ingo Nürnberger und Christiane Krumb­holz, stellvertretende Leiterin des Ordnungsamtes, ziehen eine erste Bilanz . Viele Maßnahmen wurden reibungslos umgesetzt. Foto: Thomas F. Starke

Verbote und Schließungen

„Veranstaltungsverbote sowie die Schließung von Schulen und Kitas wurde aus unserer Sicht sowohl von den Institutionen als auch den Eltern gut umgesetzt. Es gab weniger Probleme als befürchtet“, dankt Sozialdezernent Ingo Nürnberger allen Beteiligten.

Hamsterkäufe

Probleme, so der Dezernent, bereiten weiterhin unvernünftige Bürgerinnen und Bürger in den Supermärkten . Sei es, dass sie den Sicherheitsabstand nicht einhielten, sei es, dass sie Lebensmittel horteten. Nürnberger: „Ich hoffe, dass die Leute irgendwann kapieren, dass wir keine Versorgungsengpässe haben.“ Sollte sich die Lage indes weiter zuspitzen, könnte die Stadt den Zugang zu Supermärkten regeln. „Dann würden wir festlegen, wer wie oft und wie viel einkaufen darf. Das wäre dann wie nach dem Krieg“, appelliert der Dezernent an die Vernunft.

Corona-Partys

Nicht erlaubt sind so genannte Corona-Partys, wie sie von Jugendlichen mehrfach in der Stadt gefeiert wurden. Hotspots, so erzählt Christiane Krumb­holz (Ordnungsamt), waren der Kesselbrink, das Gelände an der Universität und Fachhochschule, der Treppenplatz in Brackwede, einige Schulhöfe sowie der Georg Rotgießer Platz neben dem Tor 6 Theaterhaus. „Dort wurden sogar Mixgetränke von Mund zu Mund gereicht. Wir haben die Party sofort aufgelöst und 15 Platzverweise erteilt. Die Leute waren einsichtig“, erzählt Krumb­holz. Weniger einsichtig waren die Jugendlichen, die am Montag den Kesselbrink zur Party-Zone erklärten. „Wir haben die Gruppe sechs Mal aufgelöst, aber die sind immer wieder gekommen, sobald unsere Mitarbeiter abgezogen waren“, berichtet die stellvertretende Leiterin des Ordnungsamtes.

Um die korrekte Umsetzung von Maßnahmen zu kontrollieren, wurde die Zahl der Mitarbeiter im Streifendienst von elf auf 30 aufgestockt. Verstöße im Bereich von Restaurants und Cafés lagen im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Bereich, so Krumb­holz.

Ausgangssperre

Bezüglich einer drohenden Ausgangssperre tritt am kommenden Montag um 10 Uhr der Krisenstab der Stadt zusammen. „Da Bayern eine Beschränkung erlassen hat, steigt jetzt der Druck auf die anderen Landesregierungen. Wenn sich die Menschen an die Regeln halten würden, bräuchten wir keine Ausgangssperre. Deshalb habe ich keinerlei Verständnis für Jugendliche, die Corona-Partys feiern“, betont Ingo Nürnberger.

Quarantäne

Wer hingegen gegen Quarantäne-Auflagen verstoße, mache sich strafbar. Verstöße werden mit bis zu zwei Jahren Gefängnis oder einer Geldstrafe geahndet. Quarantäne heißt Häuslichkeit. „Wer sich auf seinen Balkon stellt, weil ihm die Decke auf den Kopf fällt, kann das machen, solange er nicht runterspuckt oder sich stundenlang nach unten mit jemandem unterhält. Der gesunde Menschenverstand hilft“, so der Beigeordnete. Er rät Bielefeldern, die etwa einen Nachbarn beim Regelverstoß beobachten, diesen persönlich anzusprechen und nicht gleich beim Ordnungsamt zu denunzieren. Gleichwohl, berichtet Christiane Krumbholz, komme es vor, dass Leute anonym anriefen, weil ihre Nachbarn ihre Kinder zu den Großeltern gebracht hätten. „Das ist zwar nicht wünschenswert, aber erlaubt“, betont Krumbholz.

Erkrankungen

Das Gesundheitsamt hat seinen Stab von drei auf 20 Mitarbeiter aufgestockt. „Sie sind überwiegend beratend im Infektionsschutz tätig, beantworten E-Mails oder erstellen Kontaktverfolgungsbögen“, sagt Dr. Peter Schmid, Leiter des Gesundheitsamtes. Die Zahl der Neuerkrankten in Bielefeld entspricht dem Bundesdurchschnitt. „Die Zahl verdoppelt sich alle vier Tage“, sagt Schmidt. In stationärer Behandlung waren bis Freitag drei Personen, alle über 60 Jahre alt. Beatmet werden musste von ihnen niemand. Ein Erkrankter konnte das Krankenhaus am Freitag wieder verlassen. Schmid geht davon aus, dass die Zahl der stationären Patienten in den kommenden Wochen weiter ansteigen wird. Derzeit werde mit Hochdruck an einer Extrastationären Bettenversorgung gearbeitet.

Dr. Peter Schmid räumt ein, dass die Dunkelziffer der am Coronavirus Erkrankten höher liegt als die offiziell bestätigten Fälle. Denn, nicht jeder, der sich krank fühle, würde auch getestet. Anspruch darauf habe nur, wer Kontakt zu einer positiv getesteten Person hatte oder aus einem Risikogebiet komme. Schmid: „Unsere Ressourcen sind begrenzt. Und die Rate an negativ Getesteten ist relativ hoch. Deshalb gilt: Wer sich krank fühlt, hat sich zuhause aufzuhalten“, so Dr. Schmid.

Regelung für Friseure

Wie künftig mit Berufsgruppen, die engen Kontakt zu ihren Kunden pflegen, umzugehen ist, bleibt abzuwarten. Wieso Friseure , Masseure, Tattoo- und Nagelstudios öffnen dürfen, während etwa die Fitnesscenter schließen mussten, ist für viele Menschen nicht nachvollziehbar. Ingo Nürnberger: „Es läuft eine Anfrage bei der Bezirksregierung, wie wir künftig damit umgehen.“

Wohnungslose

Neben älteren und vorerkrankten Menschen gehört die Gruppe der Wohnungslosen und Suchtkranken zu einer besonders gefährdeten Gruppe. „Wir sind mit der konzeptionellen Arbeit beschäftigt, wie wir ihnen helfen können. Dazu werden wir jede Menge ehrenamtliches Engagement, aber auch hauptamtliche Unterstützung benötigen“, so der Sozialdezernent.

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