Sa., 21.03.2020

Wie WESTFALEN-BLATT-Leser auf die Arbeit der Redaktion in der Corona-Krise reagieren Das gibt Kraft!

Hat diese Woche das WESTFALEN-BLATT erreicht: Eine Postkarte wie gemacht für diese Zeit, durch die wir gerade gehen.

Hat diese Woche das WESTFALEN-BLATT erreicht: Eine Postkarte wie gemacht für diese Zeit, durch die wir gerade gehen.

Von Ulrich Windolph

Bielefeld (WB). In normalen Zeiten läuft das für uns Journalisten eigentlich so: Wir schreiben und posten, wir fotografieren, filmen und senden, und Sie als unsere Kunden lesen, schauen zu und machen sich ihren eigenen Reim auf das Ganze. Doch die Zeiten sind gerade nicht normal. Die Corona-Krise hält uns in Atem, und je weiter wir voneinander Abstand halten müssen, umso mehr scheint das Bedürfnis nach Austausch, ja nach Nähe zu wachsen.

Vielleicht ist es so auch zu erklären, dass die Redaktion dieser Tage besonders viele Zuschriften, Mails, Posts und Tweets erreichen, die nicht nur Bezug auf unsere Arbeit, sondern auch auf uns als Menschen nehmen. Lob, Anregungen, Themenvorschläge, aufmunternde Worte – alles ist dabei. Natürlich gibt es auch Kritik. Das Besondere aber: Der Ton scheint ein anderer – nicht immer, aber immer öfter. Ernster und ernsthafter, zugleich auch zugewandter. Und vielen scheint es gerade jetzt wichtig zu sein, einmal „Danke“ zu sagen für unsere Arbeit. Das freut uns natürlich sehr, das gibt uns neue Kraft und spornt uns an – auch wenn wir natürlich wissen, dass die wahren Helden (nicht nur) dieser Tage in den Krankenhäusern und Altenheimen, an den Supermarktkassen und in den Lastwagen sitzen.

„Wir danken Ihnen von Herzen für alle Berichterstattung! Sie machen das hervorragend in diesen Zeiten von Corona!!!”, schreiben unsere Leser G. und B. Michael.

Und dann war da noch eine ganz besondere Zuschrift. Die Autorin hatte, wie sie später im Gespräch erzählte, in schlafloser Nacht einfach mal ihre Gedanken zu Papier gebracht. Auf die Frage, ob wir das nicht drucken könnten, reagierte sie erst perplex. Schließlich stimmte sie zu – wollte aber ihren Namen partout nicht in der Zeitung lesen. Da die Redaktion ihre Identität kennt, willigten wir ausnahmsweise ein. Lesen Sie selbst, ob das eine gute Entscheidung war. Ach ja – die Überschrift lautete ursprünglich anders, diese hier haben wir hinzugefügt:

Ein Virus und das wir

„Was uns verbindet ist die Angst. Angst um die betagten Eltern. Angst um die durch Vorerkrankungen Geschwächten. Angst, sich selbst anzustecken. Angst davor, jetzt zu erkranken und das Gesundheitssystem in Anspruch nehmen zu müssen.

Angst auch vor der Un­vernunft und dem Egoismus anderer. Angst und Trauer, geliebte Menschen, Vater und Mutter, lange Zeit nicht besuchen zu können und sie an Geburtstagen nicht mehr in den Arm nehmen zu können. Angst vor den Bildern aus Italien und dem Grauen, das sich dort in diesem Moment abspielt. Angst vor immer neuen Hiobsbotschaften.

Angst vor dem Zerfall unserer Zivilisation, die letztendlich nur eine hauchdünne Schicht über anarchischem, auf das eigene Überleben ausgerichtetem Verhalten ist. Wie würden die Menschen erst reagieren, wenn die Situation dramatischer wird und es offenkundig um Leben und Tod, sprich um einen Platz an einem Beatmungsgerät für sich oder geliebte Menschen geht, wenn doch der Kampf um die letzten Rollen Toilettenpapier schon so gnadenlos geführt wird?

Wir gehen abends mit dem Gedanken an Corona schlafen und wachen morgens mit dem Gedanken an Corona wieder auf. Und leider können wir uns morgens nicht erleichtert die Augen in dem Wissen reiben, dass alles bloß ein schlimmer Albtraum gewesen ist.

Wir, die wir uns sonst in den kleinen Alltagschwierigkeiten verlieren, uns über Nichtigkeiten aufregen, die in der jetzigen Situation geradezu lächerlich erscheinen. Wir, die wir so sehr gewöhnt sind an Sicherheit, haben das Gefühl, die Kontrolle über unser Leben zu verlieren. Dieses unverdiente Glück von großer Sicherheit macht es uns jetzt gerade besonders schwer. Denn anders als Millionen Menschen in der Welt sind wir glücklicherweise schon so lange weder Krieg noch Hunger oder großen Naturkatastrophen ausgesetzt gewesen. Jetzt aber wissen wir wieder, dass es keine Sicherheit gibt – und dass es sie auch vor Corona noch nie gab. Aber das haben wir immer sehr erfolgreich verdrängt.

Welche Bewältigungsstrategien hat denn nun unsere Seele zur Verfügung? Was hilft?

Glücklich sind die, die sich in die Arbeit stürzen, sich mit anderen Dingen beschäftigen, den Gedankenfluss umlenken und damit ihre Sorgen nicht ständig im Bewusstsein haben. Ablenken kann man sich auch mit Lesen, guten Filmen und gemeinsamen Spielen. Wann haben wir das eigentlich das letzte Mal gemacht? Damit ist unsere Seele eine Weile beschäftigt und verliert sich nicht in ständig wiederkehrenden Gedankenschleifen.

Im Augenblick leben? So wie der Zenmönch, der am Abhang hängend, über sich einen Tiger, die Erdbeere genießt, die vor ihm wächst?

Der Situation auch etwas Positives abgewinnen? Ja, die Entschleunigung tut uns sicher gut, aber eben nicht unter diesen Umständen.

Hilfreich ist es, sich mit anderen Menschen auszutauschen, beieinander zu bleiben oder wieder zueinander zu kommen, wenn auch nur virtuell oder am Telefon. Menschliche Nähe, Verständnis, ein paar nette Worte, miteinander lachen, auch wenn einem das Lachen beinahe im Halse stecken bleibt. Die Angst ist das Band, was uns alle verbindet – Reiche und Arme, Neonazis und Flüchtlinge.

Auch in diesen Tagen dankbar zu sein, für die kleinen Dinge, dankbar dafür, dass die Supermarktregale eben doch nachgefüllt werden, dass wir in Deutschland eines der besten Medizinsysteme haben, vielleicht auch dankbar für die erzwungene Pause, Zeit zu haben zum Innehalten in unserem sonst so hektischen Alltag. Dankbar für Menschen, die sich engagieren und an ihrem Ar­beitsplatz für uns die „Stellung halten“. Dankbar, dass sich der Frühling so unbeirrt Bahn bricht. Dankbar für das liebevolle Päckchen, das eine Freundin meiner Tochter heute vor die Haustür gelegt hat.

Schließlich bleiben nur Glaube, Hoffnung und Liebe. Glaube und Vertrauen, sich fallenlassen in das eigene Schicksal, welches so völlig außerhalb unserer Kontrolle liegt, akzeptieren und hinnehmen, Ängste zulassen – auch Traurigkeit.

Hoffnung haben darauf, dass diese Krise irgendwann vorbei ist, dass es Medikamente und einen Impfstoff geben wird. Hoffnung bewahren darauf, dass wir irgendwann unser gutes altes Leben zurückhaben werden, auch wenn es nicht mehr das alte sein wird.

Und Liebe, die von uns fordert, Rücksicht zu nehmen, solidarisch zu sein, Abstand zu halten. Achtsam mit sich und dem Nächsten umzugehen, freundlich und respektvoll zu bleiben. Es sind diese alten Werte. Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Liebe ist bekanntermaßen die größte von allen.“

 

Kommentare

Ein Virus und das Wir

Sehr schön, dass Sie die Autorin davon überzeugen konnten, ihren Brief veröffentlichen zu dürfen. Sie hat sehr einfühlsam beschrieben, wie die neue Situation unser Verhalten verändern wird.
Es ist erst zwei Wochen her, dass die Entwicklung der Fallzahlen positiv getesteter Menschen den Kreis Paderborn erreichte; seitdem überschlagen sich die Nachrichten.

1 Kommentare

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