Der Bielefelder Sozialpsychologe zu Hamsterkäufen und Solidarität in der Coronakrise
Andreas Zick: „Panik erzeugt einen Wahrnehmungstunnel“

Bielefeld (WB). Warum hamstern Menschen in der Krise? Warum prügeln sie sich um Toilettenpapier? Und was macht es mit der Gesellschaft, wenn die Menschen wochenlang zu Hause sitzen? Professor Andreas Zick spricht im Interview über die sozialen Folgen der Corona-Krise. Der Sozialpsychologe leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Die Fragen stellte Marion Swiergot.

Sonntag, 22.03.2020, 15:52 Uhr aktualisiert: 22.03.2020, 16:06 Uhr
Viele Regale in den Supermärkten sind leer. Foto: dpa
Viele Regale in den Supermärkten sind leer. Foto: dpa

Herr Professor Zick, die Politik betont immer wieder, dass die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln und Hygieneartikeln gesichert ist, und doch kommt es zu Hamsterkäufen. Wie erklären Sie sich das Phänomen?

Andreas Zick: Viele Menschen haben die Informationen über die weltweite Ausbreitung des Virus verunsichert. Menschen, die Hamster- oder Panikkäufe machen, versuchen also Sicherheit zu erlangen, indem sie sich eindecken. Schwer verunsicherte und ängstliche Menschen neigen dazu, nur noch Informationen zu verarbeiten, die in ihr Weltbild passen. Wenn sie fest daran glauben, dass es bald nichts mehr zu kaufen gibt, dann erzeugt die Panik weiteren Stress, und den werden die Menschen los, indem sie Lager anlegen. Dabei fahren sie aber auch ihre Empathie und Solidarität mit anderen herunter und orientieren sich an denen, die ebenfalls Panikkäufe machen. Panik erzeugt einen Wahrnehmungstunnel, und dann orientieren sich panische Menschen an panischen Menschen und Panikinformationen. Statt sich also mit Gegenargumenten auseinanderzusetzen, orientieren sie sich an Menschen, die ihnen ähnlich sind.

 

Gibt es Menschentypen, die eher zu Hamsterkäufen neigen als andere?

Zick: Leider kann ich nicht zuverlässig auf der Grundlage von Forschungen dazu berichten, was ich gerne tun würde. Zu Panikkäufen in Krisensituationen gibt es keine etablierte Forschungstradition. Das wird sich wahrscheinlich nach der Corona-Krisenzeit ändern – wie so vieles. Wie wir aus einigen Studien zu früheren Panikverläufen wissen, kommen solche Käufe aber eher bei Menschen vor, die sich von anderen in ihrer engeren sozialen Umwelt anstecken lassen. Es bilden sich sozusagen kleine Panikgemeinschaften. Wir würden zudem annehmen, dass es Menschen sind, die das gesellschaftliche Miteinander als Verdrängungswettbewerb wahrnehmen. Ihnen kommt es eher darauf an, die Eigeninteressen durchzusetzen. Es geht also mit einem sozialen Egoismus einher. Zudem zeigen Fallanalysen zu sogenannten Preppern – das sind rechtsextreme Gruppen, die sich auf einen angeblichen Bürgerkrieg einrichten –, dass Menschen, die Falschnachrichten aus demokratiefeindlichen Quellen konsumieren, diese verbreiten und andere beeinflussen. Typologien helfen am Ende aber nicht. Es ist ein soziales Phänomen. Wo die einen anderen helfen, versuchen andere ihren eigenen Vorteil zu sichern.

 

Da die Regale nun tatsächlich zeitweise leer sind, fühlen sich viele Hamsterer in ihren Ängsten bestätigt. Ist diese Spirale noch zu stoppen?

Zick: Was hilft, sind zwei Informationen, die ja jetzt auch von Medien und in der Politik hervorgehoben werden: 1. Die Panik ist unsinnig, weil es genügend Güter gibt, 2. alle anderen bekommen das mit. Es gibt wenige, die ungeniert Panikkäufe machen, aber viele, die das heimlich tun, und für die ist es gut, wenn andere signalisieren, dass sie es wahrnehmen. Wer möchte sich schon erwischen lassen? Wenn Menschen dagegen Medien konsumieren, die nur noch Panik schüren und Verschwörungsmythen verbreiten, ist ihnen schwer beizukommen. Hier helfen nur Maßnahmen, die viele Geschäfte jetzt ausführen: einfach keine Panikkäufe zulassen. Viele Angestellte in den Geschäften verhalten sich ziemlich cool und sprechen Panikkäufe als unerwünscht an. Diese Menschen brauchen Unterstützung, weil das sehr unangenehm sein kann.

 

Die Menschen sollen Abstand voneinander halten, um sich vor Ansteckung zu schützen. Trotzdem sind öffentliche Plätze und Parks zum Teil noch gut besucht, junge Leute feiern Corona-Partys. Wie erklären Sie sich diese Phänomene?

Zick: Es ist schon verrückt, weil diese Menschen mit der Freiheit argumentieren, die sie am Ende selbst beschneiden, weil sie ihnen zwangsweise genommen wird. Einerseits sind einige autoritär orientiert, das heißt sie verhalten sich solange ungeniert, bis eine Autorität ihnen das verbietet. Andere unterschätzen immer noch diese zugegebenermaßen schwer einzuschätzende Gefahr. Wir alle haben sie ja unterschätzt, als wir noch vor zehn Tagen nichts unternommen haben. Wieder andere feiern solche Partys, weil sie – psychologisch gesehen – versuchen, die Todesangst damit zu besiegen, dass sie sich besonders gefährlich verhalten. Das ist ein recht überreicher sozialpsychologischer Reflex: Wir verhalten uns bei Gefahr noch gefährlicher, weil wir damit die Suggestion aufrechterhalten, wir könnten die Gefahr besiegen. Und am Ende gilt auch hier: Es ist ein Gruppenphänomen. Wir orientieren uns an anderen. Machen die das auch oder gibt es eine Person in der Gruppe, die Meinungsführung hat, dann verhalten wir uns als Gruppenmenschen und blenden individuelles Wissen und unsere privaten Normen aus.

 

Wettkampf um Ressourcen

Gerne wird die solidarische Gesellschaft beschworen; sie komme mit solchen Krisen besser zurecht. Sehen Sie noch Solidarität, wenn Sie von Menschen hören, die sich im Supermarkt um Toilettenpapier prügeln?

Zick: Prügel ist Gewalt und das Gegenteil von Solidarität beziehungsweise nur eine Solidarität, die sich auf die eigene Gruppe richtet; die Menschen prügeln sich für ihre Familien oder Cliquen. Die Gewalt, die wir sehen, dient dem Eigeninteresse und versucht das Interesse gegen andere durchzusetzen, die diesem Interesse widersprechen. Solidarität bedarf einer gemeinsamen Identität, die uns verbindet. Die schwindet in dem Moment, wo Güter vermeintlich knapp werden. Dann beginnt ein Wettkampf um Ressourcen. Die Konflikt- und Gewaltforschung rechnet in Krisenzeiten mit solcher Gewalt, die sich vor allem gegen vermeintlich Schwächere richtet. Wir müssen sie ernst nehmen, und sie kann zunehmen, wenn die Krise sich verschärft und die Stresssituation durch die eingeschränkten Freiheiten das Erregungs- und Aggressionsniveau bei jenen steigert, die eh schon aggressiv gestimmt sind. Wir kennen das vom sogenannten Lagerkoller. Wir müssen also raten, genauer hinzusehen. Wie können neben den Einschränkungen auch Möglichkeiten skizziert werden, mit der Langeweile und Enge umzugehen? Da mehren sich gerade die Beispiele im Netz.

 

In China wurden nach der Krise vermehrt Scheidungen eingereicht. Während der Quarantänewochen soll es dreimal mehr Hilferufe wegen häuslicher Gewalt gegeben haben als sonst. Wie beurteilen Sie die Lage für Deutschland?

Zick: Das alles werden wir beobachten, ja. Stress erleichtert Aggression, und die richtet sich gegen Schwächere. Wir müssen endlich lernen, Gewalt als Gewalt zu betrachten und sie kenntlich zu machen. Deshalb müssen wir jetzt auf den Schutz von bedrohten Gruppen achten. Kinder, die eh schon geprügelt und misshandelt werden, Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden, wohnungslose Menschen, Menschen mit Behinderungen sind unter solchen Umständen bedrohter. Aus Überforderung und Freiheitseinengung kann Aggression entstehen, und die trifft Schwächere. Auch in und nach der Wirtschafts- und Finanzkrise stieg nach unseren Analysen die Menschenfeindlichkeit. Wir wissen aus der Forschung, dass im Auslauf der Krisen der Konkurrenzkampf wieder losgeht und dann Gruppen verdrängt werden. Wir nehmen jetzt schon wieder das Elend der Geflüchteten an der griechisch-türkischen Grenze leichter hin. Wir gewöhnen uns vielleicht an härtere Maßnahmen. Wir müssen aufpassen, nicht autoritär und aggressiv zu werden, und das kommt eben teilweise am Ende und im Auslauf der Krise.

 

Welche Auswirkungen auf die Solidarität der Gesellschaft könnte die Pandemie Ihrer Meinung nach haben? Manche sprechen schon davon, dass die sozialen Folgen schlimmer sein könnten als die Folgen des Virus selbst.

Zick: Wir haben eine Gefahr und eine Chance mit dem Blick auf die sozialen Folgen. Kriege, Krisen und Krankheiten erzeugen Konflikte, die in Gewalt münden. Legen wir in diesen Zeiten gute Präventionen an, dann kann die Gesellschaft lernen und sich zum Besseren wandeln. Nach Krisen beginnen neue Konflikte und Wettbewerbe, insbesondere wenn einige gesellschaftliche Gruppen dann meinen, sie wären jetzt an der Reihe. Das wirkt sich auf die Verdrängung von schwächeren Gruppen aus. Das klingt bitter, ist aber in der Forschung nur allzu oft beobachtet worden. Im Moment sind die Hoffnungen groß, weil mitten in der Krise auch klar wird, was gesellschaftlich in starken Demokratien wirklich wichtig ist: Menschen Zugehörigkeit zu geben, Schwächeren zu helfen, gemeinsam empathisch zu sein und Zusammenhalt zu stärken. Aber was ist, wenn die Beschränkungen andauern und danach nicht alles rosiger wird? Bei wachsenden Enttäuschungen besteht immer die Gefahr, dass Gruppen, die eine andere Gesellschaft wollen, stark werden. Im Netz verbreiten sich derzeit allerlei Verschwörungsmythen, eher autoritär geführte Länder verhalten sich schädlicher als andere. In der Wirtschafts- und Finanzkrise damals haben Gruppen Gewinne gemacht, der Rechtspopulismus entwickelte sich und die gesellschaftliche Gewaltbereitschaft gegen schwächere Gruppen stieg. Das Menetekel sollten wir ernst nehmen. Wir sollten die Zeit für Fragen nutzen, die in der gehetzten Gesellschaft, die von Leistungs- und Wettbewerbsgesetzen geprägt ist, liegen geblieben sind. In welcher Gesellschaft wollen wir leben nach der Krise? Was sind wir bereit zu teilen, auch wenn andere nicht teilen und stattdessen Panikkäufe machen?

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