Der Bielefelder Lungenchefarzt Dr. Bertram Ruprecht zur Zahl der Infizierten, Materialengpässen und Sorgen ums Personal
„Wir sind schon jetzt am Limit“

Bielefeld (WB). Jeden Tag kommt der Krisenstab des Klinikums Bielefeld mit den Standorten Mitte, Rosenhöhe und Halle zusammen, um die aktuelle Situation der Corona-Krise zu beurteilen. Im Interview nimmt Dr. Bertram Ruprecht, Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin am Klinikum Mitte, Stellung zur medizinischen Lage. Die Fragen stellte André Best.

Mittwoch, 25.03.2020, 12:01 Uhr aktualisiert: 25.03.2020, 13:26 Uhr
Dr. Bertram Ruprecht, Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin am Klinikum Bielefeld-Mitte, gehört dem Corona-Krisenstab an. Er sagt: Raucher könne das Virus härter treffen. Sein Rat: Sofort mit dem Rauchen aufhören. Foto: Klinikum Bielefeld
Dr. Bertram Ruprecht, Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin am Klinikum Bielefeld-Mitte, gehört dem Corona-Krisenstab an. Er sagt: Raucher könne das Virus härter treffen. Sein Rat: Sofort mit dem Rauchen aufhören. Foto: Klinikum Bielefeld

 

In Bielefeld sind aktuell 104 Personen an Corona erkrankt. Mehr als 1500 Menschen befinden sich in Quarantäne. Die Dunkelziffer der Infizierten ist schätzungsweise sieben bis zehn Mal höher im Vergleich zur aktuellen Statistik. Nach allem, was Sie wissen, sehen und hören: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Zahlen und die Situation in Bielefeld?

Dr. Bertram Ruprecht: Die Zahl der Infizierten im Gebiet der Stadt mag noch relativ niedrig erscheinen. Auf 100.000 Einwohner gerechnet sind es „nur“ knapp 28 Fälle, in Köln zum Beispiel 63 und in Münster sogar gut 77. Aber diese Zahlen dürfen uns nicht täuschen oder gar beruhigen, eben wegen der sehr hohen Dunkelziffer unerkannter Infizierter. Auch in Bielefeld steigen die bestätigten Fallzahlen rasant, nicht langsamer im Bundesschnitt. Ich sehe die Situation hier deswegen kein bisschen weniger kritisch als in anderen Großstädten in NRW.

Derzeit werden nur Menschen getestet, die Kontakt zu einem bestätigten Fall hatten oder aus einem Krisengebiet kommen. Warum können nicht mehr Menschen getestet werden, die selbst glauben, an Corona erkrankt zu ein?

Ruprecht: Die Zahl der verfügbaren Tests ist leider begrenzt , ebenso die Zahl der Tests, die unsere Labore auswerten können. Die Möglichkeiten, mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen Abstriche vorzunehmen, deren Ergebnisse auch aussagekräftig sind, ebenso. Außerdem: Wenn jeder zu jedem Zeitpunkt einen Test durchführen lassen kann, kann dies auch zu einem falschen Sicherheitsgefühl führen, weil es nach der Ansteckung einige Tage dauert, bis der Test positiv wird. Wie lange genau, wissen wir nicht, die Spannbreite scheint ziemlich groß zu sein. In Zeiten solcher knapper Test-Möglichkeiten und weiter stark steigender Fallzahlen müssen wir uns insbesondere auf gezielte und sicher auch häufigere Testungen bei Beschäftigten im Gesundheitssystem konzentrieren. In den Krankenhäusern lernen wir jetzt auch, dass manche Patienten, die eigentlich gar keine Verdachtsfälle nach der Definition des Robert-Koch-Instituts sind, eine COVID-19-Infektion haben können. Diese Patienten haben zwar Atemwegsinfekte, aber mit dem klassischen Bild einer bakteriellen (und nicht viralen) Infektion und außerdem ohne entsprechende Kontakte oder Reisen. Deswegen müssen wir auch vermehrt solche Patienten testen, nicht zu deren eigenem Guten, sondern auch, um eine unkontrollierte Ausbreitung in den Krankenhäusern zu verhindern.

Wie lange können wir die intensive Testung überhaupt noch aufrecht erhalten und wie wird das Test-Prozedere in zwei bis drei Wochen sein?

Ruprecht: Ich bin kein Hellseher. Mein Traum ist natürlich, dass wir es schaffen, die Zahl der Neuinfektionen in den nächsten zwei bis drei Wochen massiv zu reduzieren und gleichzeitig die Möglichkeit bekommen, mehr und schneller zu testen. Dann hätten wir keine Probleme. Die Realität kann leider aber auch sein, dass wir uns mit der Testung irgendwann sehr auf Fälle und Mitarbeiter in Kranken- und Pflegeeinrichtungen konzentrieren müssen, um dort nicht handlungsunfähig zu werden.

 

 

Können Sie etwas zu den Krankheitsverläufen sagen? Gibt es in den Kliniken beispielsweise beatmete Patienten?

Ruprecht: Wir haben insofern Glück, dass wir bisher keine beatmungspflichtigen COVID-19-Patienten haben. Wohl aber schon jemand, der auf der Intensivstation behandelt werden musste. Es gibt sehr viele milde Verläufe mit wenigen bis hin zu (fast) gar keinen Symptomen, gerade bei Jüngeren. In China waren dies etwa 80 Prozent der Infizierten. In Gruppen, wo konsequent Kontaktpersonen auf eine Infektion untersucht wurden, ist dieser Anteil sogar noch viel höher. Von der erwähnten Dunkelziffer-Gruppe haben eben viele keine oder kaum Symptome. Die häufigsten Symptome sind zwar Fieber, Husten und andere Symptome an den Atemwegen. Aber es gibt auch Fälle mit Durchfall und Übelkeit bis hin zum Erbrechen, Schläfrigkeit, Kreislaufproblemen. Kopf-, Gelenk- und Gliederschmerzen sind, wie auch bei der Influenza, ebenfalls nicht selten. Auch von den schweren Verläufen, die mit Luftnot, schlechten Sauerstoffwerten im Blut und Zeichen der Lungenentzündung einhergehen, sind die meisten zum Glück nicht lebensbedrohlich. Die, die leider sterben, sterben nicht nur am Lungenversagen, nicht wenige auch an den Folgen einer Entzündung des Herzmuskels. Unsere Beobachtungen, mit der bisher viel höheren Zahl leichter Infekte, lassen uns hoffen, dass dieser Prozentsatz bei uns niedriger sein könnte.

Wieviele Intensivbetten haben Sie und wieviele sind derzeit belegt?

Ruprecht: Am Klinikum Bielefeld haben wir an unseren drei Standorten zunächst einmal – und nach derzeitigem Stand auch absehbar für die nächste Zeit – ausreichende intensivmedizinische Kapazität und sind mit Hochdruck dabei, weitere in anderen Bereichen der Klinik kurzfristig zu schaffen und mit Gerätschaften und Personal auszustatten. Üblicherweise sind etwa 80 Prozent der Intensivbetten belegt, dies reduzieren wir natürlich durch den Wegfall von planbaren, nicht dringlichen Eingriffen, so dass mehr Platz für COVID-19-Patienten zur Verfügung steht. Aber es wird auch weiterhin Patienten mit Herzinfarkten, nach wichtigen Krebs-Operationen, nach schweren Unfällen und viele andere mehr geben, die natürlich auch weiterhin eine intensivmedizinische Versorgung brauchen. Stand heute sind wir in der guten Situation, dass sich unser einziger intensivpflichtiger COVID-19-Patient erfreulicherweise soweit stabilisiert hat, dass er nicht mehr auf der Intensivstation zu liegen braucht.

Gibt es auch jüngere Patienten mit schweren Verläufen?

Ruprecht: Ja, die gibt es, dass lehrt uns der Blick zum Beispiel nach Italien. Deutlich seltener und auch mit einer deutlich niedrigeren Sterblichkeit, soweit wir es überblicken können. Dies sind insbesondere junge Menschen mit schweren Begleiterkrankungen, zum Beispiel Leukämie, oder mit Herzschädigungen.

In China und insbesondere in Italien sind vorwiegend ältere Männer betroffen, Frauen und Kinder weniger. Experten vermuten, dass das damit zu tun haben könnte, dass in China vorwiegend Männer rauchen und Frauen nicht. In Italien haben Männer von je her viel geraucht. Sie sind Lungenfachmann. Was sagen Sie?

Ruprecht: In der Tat scheinen Raucher häufiger und heftiger von der Erkrankung betroffen zu sein. Ob die Tatsache, dass in Deutschland relativ mehr Frauen rauchen, als in vielen anderen der stark betroffenen Länder, der Grund dafür ist, dass der Unterschied zwischen Frauen und Männern bei den Infizierten hier geringer ist als im internationalen Durchschnitt, lässt sich natürlich nicht beweisen. Unsere Atemwege sind mit Flimmerhärchen ausgekleidet, die für die Selbstreinigung der Atemwege sorgen. Durch das Rauchen werden sie geschädigt. Das könnte dafür sorgen, dass die Viren es deutlich leichter haben, über die Lunge in den Körper einzudringen und sich dann weiter zu verbreiten. Vor allem für Menschen, die noch zusätzliche Risikofaktoren wie Herzerkrankungen oder eine Diabetes haben, könnte das Rauchen damit zu einem zusätzlichen Risikofaktor werden. Mein Rat als Lungenarzt ist daher eindeutig: Direkt mit dem Rauchen aufhören.

Viele Experten rechnen mit dem Schlimmsten. Nämlich, dass unser Gesundheitssystem in die Knie gehen könnte. Sie auch, bezogen auf die Versorgung des Großraums Bielefeld?

Ruprecht: Ich bin überzeugt davon, dass wir das noch selber in der Hand haben. Zum einen, da wir uns als Gesundheitssystem in Bielefeld, ob im ambulanten Bereich oder an den verschiedenen Krankenhäusern der Stadt, jetzt und schon seit einiger Zeit mit Hochdruck darauf vorbereiten, mehr und schwerer kranke Patienten versorgen zu können. Ganz besonders liegt das aber daran, dass wir es schaffen, durch absolut konsequente Einhaltung der angeordneten und empfohlenen Maßnahmen die Ausbreitung der Erkrankung deutlich einzuschränken. Das haben leider viel zu viele Personen immer noch nicht begriffen.

Wie nutzen die Kliniken in Bielefeld jetzt die Zeit, die wir noch haben, um Vorbereitungen zu treffen und welche sind das?

Ruprecht: Was die Intensiv- und Beatmungs-Kapazitäten betrifft, habe ich ja bereits erwähnt. Aber die Vorbereitungen betreffen alle Bereiche des Krankenhauses. Die Schaffung von Einheiten, in denen wir möglichst viele COVID-19-Patienten ohne Gefährdung von nicht-infizierten Mitpatienten und Personal separiert sicher behandeln können. Die Organisation an vielen Punkten im Krankenhaus, um Infektionsrisiken für Patienten und Personal so weit wie möglich zu reduzieren. Die Schulung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Diagnostik und Behandlung solcher Patienten, zum Beispiel auch an Beatmungsmaschinen. Die Beschaffung von ausreichender Schutzausrüstung und anderen für die Behandlung benötigten Materialien und Medikamenten. Die Liste ließe sich schier endlos fortsetzen.

 

Was fehlt derzeit in den Kliniken am meisten?

Ruprecht: Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir noch keine größeren Engpässe haben. Aber wenn der Nachschub ausbleiben sollte, wird auch uns irgendwann Schutzausrüstung ausgehen. Die Klinken haben schon vor dieser Krise zu wenig Personal gehabt. Wenn jetzt krankheitsbedingt noch mehr ausfällt oder in Quarantäne gehen muss, kann das zu einem Problem werden. Wir müssen es also schaffen, schnell weiteres Personal rekrutieren und schulen zu können.

Machen Sie sich Sorgen um die Gesundheit des medizinischen Personals?

Ruprecht: Unbedingt. Durch eine Infektion genauso wie durch physische und psychische Überlastung in dieser Krise. Ganz viele von denen arbeiteten schon bisher am Limit und werden jetzt noch mehr belastet.

Wenn in der Familie oder in einer Arbeitsgruppe ein Teilnehmer in Corona-Verdacht gerät oder infiziert ist, löst sich die Gruppe auf. Im Krankenhaus funktioniert im medizinischen Bereich und der Pflege kein Home-Office. Wie gehen die Kliniken damit um?

Ruprecht: Wirklich keine einfache Situation für uns. Auch wir müssen dann zum Beispiel Pflege- oder Ärzteteams neu zusammensetzen, bisher getrennte Bereiche zusammen versorgen. Die Qualifikationen des Personals sind zum Glück recht breit gestreut. Noch funktioniert das deswegen recht gut – auch, weil geplante medizinische Maßnahmen ausfallen und noch nicht so viel COVID-19-Patienten bei uns liegen.

Sie sind Teil des Krisenstabs. Wie oft trifft dieser sich? Was wird besprochen?

Ruprecht: Wir haben einen kleinen und einen großen Krisenstab, die sich jeweils einmal werktäglich treffen. Die Mitglieder des kleinen Krisenstabs stehen zudem über elektronische Medien im ständigen Kontakt, auch am Wochenende, so dass wir auch dann zügig informiert sind und reagieren können. Zur Tätigkeit der Krisenstäbe: Wir planen und beschließen dort die erforderlichen Maßnahmen im Hause und deren konkrete Umsetzung, lassen uns über die Situation berichten und versuchen Lösungen zu finden.

Was sagen Sie Menschen, die sich in Gruppen zum Trinken treffen, während Sie und Ihre Mitarbeiter darum kämpfen, das Schlimmste zu vermeiden?

Ruprecht: Am liebsten möchte ich denen in aller Deutlichkeit sagen: „Seid Ihr den vollkommen bekloppt? Euer Verhalten ist gemeingefährlich, Ihr seid es, die das Virus ungehemmt verbreiten. Wenn Ihr so weiter macht, gefährdet Ihr damit unser ganzes Gesundheits- und Sozialsystem!“

 

 

Unabhängig von Corona-Partys und solchen falschen Verhaltensweisen: Was können Menschen tun, um einen Beitrag zu leisten über die bereits bekannten Maßnahmen wie #stayathome hinaus?

Ruprecht: Solidarität zeigen. Wo gibt es Menschen, die auf irgendeine Art meine Hilfe brauchen könnten? Wie kann ich diese geben, ohne mich und andere zu gefährden? Wir haben ja glücklicherweise viele Wege heute, mit Hilfe neuer Medien zu kommunizieren. Bei denen, die jetzt nicht mehr arbeiten können beziehungsweise dürfen: Haben Sie vielleicht irgendwelche Qualifikationen, mit denen Sie uns im Gesundheitssystem unterstützen könnten? Dann melden Sie sich ruhig bei den Personalabteilungen unserer Krankenhäuser.

Ganz persönlich: Haben Sie Familie, Eltern, ältere Verwandte und Bekannte? Machen Sie sich selbst Sorgen um Ihre Lieben?

Ruprecht: Ja, natürlich. Ich mache mir ganz große Sorgen um meine hochbetagten Eltern und meine Schwiegermutter, die alle zu Hochrisikogruppen zählen, ebenso um chronisch Erkrankte in meiner Familie und in der meiner Frau.

 

Zur Person Dr. Bertram Ruprecht

Dr. Bertram Ruprecht ist seit 2016 Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin am Klinikum Bielefeld-Mitte. Die Pneumologie hat Dr. Ruprecht in seiner damaligen Funktion als leitender Oberarzt seit 2010 unter chefärztlicher Leitung von Dr. Joachim Feldkamp aufgebaut. In der Pneumologie werden alle akuten und chronischen, bösartigen und gutartigen Lungen- und Atemwegserkrankungen sowie Erkrankungen des Brustkorbs und des Rippen- und Lungenfells diagnostiziert und behandelt. Ein Schwerpunkt ist auch die Behandlung von Infektionserkrankungen. Ruprecht kam nach Stationen in Hannover, Hildesheim, Hamburg, Stralsund, Flensburg, Borstel, Herford und Halle Mitte 2015 nach Bielefeld. Er wuchs in Göttingen auf und ist verheiratet.

Kommentare

Thomas Krämer  schrieb: 26.03.2020 01:39
Genau falsch
Genau falsch, wenn man herausfinden möchte, ob unser Gesundheitssytem noch funktioniert.
Sie geben Menschen Informationen, die falsche Reaktionen auslösen!
Töten kann dieses Virus Jeden, oder?

Für mich ist soerwas zwar informativ, aber für alle Menschen!

Gruß Tom_K
1 Kommentare
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