Wegen Corona: Frauenhilfseinrichtungen in Bielefeld rechnen mit Zunahme von häuslicher Gewalt
„Wir können vor Ort nicht reagieren“

Bielefeld (WB). Millionen Menschen werden infolge des Corona-Virus in den nächsten Wochen auf engstem Raum zusammensitzen. Viele haben vielleicht schon ihren Arbeitsplatz verloren und bangen um ihre Existenz. Andere sind in Quarantäne und leiden unter der Isolation. Familiäre Konflikte sind da programmiert. Auch in Bielefeld warnen deshalb die Frauenhilfseinrichtungen: Es sei mit einem deutlichen Zuwachs der Gewalt gegen Frauen und Kinder zu rechnen.

Donnerstag, 26.03.2020, 12:00 Uhr
Experten warnen: Die häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder könnte angesichts der Corona-Krise deutlich zunehmen. Foto: dpa
Experten warnen: Die häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder könnte angesichts der Corona-Krise deutlich zunehmen. Foto: dpa

„Wir haben schon seit Wochen Bauchschmerzen, weil wir sofort geahnt haben, was da auf uns zukommen kann.“ Cornelia Neumann von der Psychologischen Frauenberatung verweist auf die Zahlen aus China: Während der Quarantänewochen dort gingen bei den Frauenorganisationen dreimal mehr Hilferufe wegen häuslicher Gewalt ein als sonst. Direkt danach stiegen die Scheidungszahlen sprunghaft an. Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) rechnet angesichts der Ausgangsbeschränkungen wegen der Corona-Krise mit einer Zunahme an häuslicher Gewalt.

„Alles ist weiter im Aufbau“

Cornelia Neumann und ihre Kolleginnen setzten sich umgehend an die Planungen, denn die Frauenberatung ist auch Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Seitdem wird das Angebot schrittweise an die Krisensituation angepasst. Neumann: „Alles ist weiter im Aufbau. Mit unseren Klientinnen sind wir dabei, persönliche Gespräche auf telefonische und auf Online-Kontakte umzustellen. Und das auch in verschiedenen Sprachen.“ So sei gewährleistet, dass eingehende Hilfeanrufe noch am gleichen Tag bearbeitet werden könnten.

Beatrice Tappmeier vom Autonomen Frauenhaus erklärt, was in den Familien gerade passiert: „Den Lagerkoller, den kennen wir ja alle, wenn Sport, Freunde oder Gespräche außerhalb der Beziehung wegfallen. Dann wird man halt mal pampig, und gut.“ In Beziehungen aber, in denen sowieso schon Gewalt unter der Oberfläche brodle und die Hemmung zuzuschlagen geringer sei, treffe es Frauen und Kinder.

Stressfaktoren, die Gewalt begünstigen

Ein weiterer Aspekt sei, dass viele Frauenberufe krisensicher sind: „Es sind die systemrelevanten Berufe, ob nun in der Pflege, in Krankenhäusern oder sozialen Einrichtungen.“ So komme es, dass im Moment viele Frauen zur Arbeit gehen und das Geld verdienen, die Männer aber – zusätzlich zur eigenen Angst um den Arbeitsplatz – noch die Kinder und den Haushalt am Hals hätten. „Die klassischen Rollenbilder können da stark ins Wanken geraten“, fasst Tappmeier zusammen. „Das alles sind Stressfaktoren, die Gewalt begünstigen.“

Ihre Kollegin Karin Boye Toledo benennt ein Dilemma, das die Fachfrauen sowieso schon seit Jahren begleitet: „Das wird schwieriger werden, und wir können vor Ort nicht reagieren“. Die Sozialarbeiterin ist Leiterin des AWO-Frauenhauses, und das ist ebenso voll belegt wie das Autonome Frauenhaus und alle anderen Häuser in NRW. Am vergangenen Freitag gingen die letzten zwei freien Plätze weg.

Selbst wenn eine Frau derzeit aufgenommen würde, könnte sie Virusträgerin sein und die Bewohnerinnen oder Mitarbeiterinnen anstecken – „und dann können wir dichtmachen“, befürchtet Boye Toledo. Beatrice Tappmeier bestätigt: „Wir müssen erst einmal unsere Frauen absichern, die schon hier sind, und das System stabil halten.“

Neue Herausforderungen

Auch in der Beratung gibt es neue Herausforderungen. Cornelia Neumanns größte Sorge ist, dass bedrohte Frauen gar nicht zu den Helferinnen durchkommen: „Für Frauen in kontrollierenden Beziehungen ist es bei der räumlichen Enge schwieriger, mit uns in Kontakt zu treten.“ Sie hätten dann einfach keinen Raum, um ungestört telefonieren zu können. Für alle Expertinnen ist es eine schreckliche Vorstellung, dass misshandelte Frauen und Kinder durch die Ausgangsbeschränkungen nun gezwungen sind, so viel Zeit auf engstem Raum mit ihrem Peiniger zu verbringen.

Auf einen weiteren Aspekt weist Melanie Rosendahl vom Frauennotruf hin, der bei sexualisierter Gewalterfahrung berät. Hier sei zu befürchten, „dass Trennungssituationen durch Quarantäne und Isolationsmaßnahmen erschwert werden“. Das könne das Risiko für sexualisierte Gewalt erhöhen, weil es hier ja um Macht und Kontrolle gehe.

Zusätzliche Unsicherheit und Unruhe

Doch auch den Frauen, die schon im Hilfenetzwerk angekommen sind, mache die aktuelle Situation zu schaffen, vor allem traumatisierten Frauen, die sich gerade ein bisschen stabilisiert haben. Wenn jetzt die persönlichen Gespräche und Gruppenangebote in den Beratungsstellen wegfielen, breche ihre Tagesstruktur zusammen und sie seien völlig isoliert.

Die täglichen Meldungen über das Corona-Virus sorgen zusätzlich für Unsicherheit und Unruhe, da niemand weiß, wie es weitergeht. Bei vielen Frauen werden dadurch alte Erfahrungen von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein getriggert. Auch ein Gefühl des Eingesperrtseins trete bei manchen Klientinnen auf, erläutert Rosendahl. Das alles trage zur Destabilisierung bei.

Bei allen Hilfeeinrichtungen in Bielefeld läuft deshalb der Betrieb auf jeden Fall weiter. Die Frauenhäuser sind rund um die Uhr erreichbar, die Beratungsstellen haben zum Teil ihre telefonischen Sprechzeiten aufgestockt. Hier oder auch im Mädchenhaus läuft außerhalb der Sprechzeiten zudem ein Anrufbeantworter, es kann dann um zeitnahen Rückruf gebeten werden. Viele Stellen bieten auch Online-Beratung und Chats an.

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