Fr., 27.03.2020

Spargel- und Erdbeerbauern aus Bielefeld fehlen nach Einreiseverbot nun doch die Erntehelfer „Das wird eine katastrophale Saison“

Den Spargelbauern in Bielefeld fehlen die Erntehelfer aus Osteuropa.

Den Spargelbauern in Bielefeld fehlen die Erntehelfer aus Osteuropa. Foto: Bernhard Pierel

Von Kerstin Sewöster

Bielefeld (WB). Das Gefühl der Erleichterung währte nicht lange: Gerade am 20. März gab es grünes Licht, dass die Saisonarbeiter aus Osteuropa trotz Corona-Pandemie einreisen und bei der Spargel- und Erdbeerernte helfen dürfen. Keine Woche später stoppte das Bundesinnenministerium jeglichen Grenzverkehr für Saisonarbeiter. Punkt 17 Uhr am 25. März waren die Grenzen dicht für die Erntehelfer aus Rumänien, Tschechien und Polen.

„Das ist ein Wechselbad der Gefühle“, meint Landwirt Kai Steinkröger entnervt. Für seinen Betrieb in Senne benötigt er ein gutes Dutzend Leute. Drei Polen haben es gerade noch rechtzeitig geschafft. Auf ein paar erfahrene Kräfte aus Bielefeld kann er zudem zählen. Die Container, in denen seine Saisonarbeiter normalerweise während der Erntezeit leben, wurden gerade geliefert. „Die brauche ich jetzt wohl gar nicht“, sagt der Landwirt.

Ratlos

Den Rest seines Teams muss Kai Steinkröger mit ungelernten Kräften besetzen. Die Nachfrage ist bereits groß. „Es melden sich Menschen, die vorher in der Gastronomie oder in Firmen gearbeitet haben und jetzt in Kurzarbeit sind“, sagt Steinkröger. Er freut sich über die Solidarität, aber hat auch Zweifel: „Was ist, wenn die strengen Auflagen nicht mehr gelten, die Kurzarbeit wieder abgeschafft wird und die Leute wieder an ihren Arbeitsplatz oder an die Uni gehen?“

Auch bei Miriam Aschentrup steht das Telefon nicht still. Beim gleichnamigen Erdbeerhof an der Erpestraße wollen ebenfalls viele Menschen arbeiten, die zwangsweise in Kurzarbeit geschickt wurden. „Die meisten wollen sofort arbeiten und dann bis zum 20. April, aber was kommt danach? Bei uns fängt die Saison erst dann richtig an“, sagt Miriam Aschentrup: „Im Moment sind wird wirklich ratlos.“

Erster Spargel

Andere Arbeitswillige böten ihre Arbeitskraft auf 450-Euro-Basis an einigen Tagen in der Woche an. „Aber der Spargel wächst an sieben Tagen in der Woche, uns nützt das nichts.“ Ein weiteres Problem: Die Neueinsteiger müssen angelernt werden und sind dann meistens viel langsamer als die erfahrenen Helfer, die seit vielen Jahren in jeder Saison auf dem Hof arbeiten.

Mittlerweile sucht Miriam Aschentrup über Onlinebörsen der Landwirtschaftskammer NRW oder zum Beispiel des Bundesinnenministeriums nach Mitarbeitern. 170 Helfer für die Spargel- und Erdbeerernte benötigt der Erdbeerhof in einer Saison. Die Zeit drängt, am Wochenende soll es den ersten eigenen Spargel geben.

Bodenfrost

Am Mittwoch haben es gerade noch vier Polen nach Ummeln geschafft. Sie haben sich sofort an die Spargelreihen gemacht. Unterstützt werden sie von den Helfern, die eigentlich die Erdbeerernte vorbereiten sollen, und die schon seit einiger Zeit im Einsatz sind. Gerade in diesen Tagen gibt es laut Miriam Aschentrup viel zu tun: Aufgrund des Bodenfrosts müssen die Erdbeeren abends mit Folie abgedeckt und morgens wieder aufgedeckt werden, und auch die Himbeerpflanzen in den großen Folientunneln müssen geschützt werden. Ein Dutzend Helfer für die Erdbeerernte sind bereits aktuell im Einsatz. Wenn die Erdbeerzeit richtig los geht, beschäftigt Hof Aschentrup neben 60 Pflückern noch etwa 25 Menschen, die das Drumherum organisieren: Die Feldarbeit, die Bewässerung, das Ausfahren der Früchte, den Aufbau der 30 Verkaufshäuschen und mehr. Da die vorwiegend aus Rumänien stammenden Erntehelfer schon vor Tagen Österreich nicht mehr passieren durften, haben Miriam Aschentrup und ihr Mann Andreas 3500 Euro in Flugtickets investiert, um die Pflücker nach Deutschland holen zu können. Aber das ist nach dem neuen Beschluss nicht mehr möglich, auf den Kosten bleiben die Aschentrups sitzen.

Dass das Einreiseverbot helfen soll, die Infektionskette zu unterbinden, macht für Miriam Aschentrup keinen Sinn. Sie hätten die Erntehelfer zeitig auf ihren Hof geholt und Quarantäneschleusen eingerichtet, erzählt sie. Da die Mitarbeiter ausschließlich zum Arbeiten nach Deutschland kämen und unter sich blieben, eine homogene Truppe bildeten, schätze sie das Infektionsrisiko sehr gering ein. Viel geringer auf jeden Fall, als wenn landwirtschaftliche Betriebe auf Helfer zurückgreifen müssten, die aus ganz Deutschland zusammengesucht würden.

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