Branche fordert Lockerung – gegen Auflagen und soweit es die Gesundheit zulässt
Warum darf die Boutique nicht öffnen?

Bielefeld (WB). Im Handel gibt es zunehmend Kritik an den Erlassen der Bundes- und der nordrhein-westfälischen Landesregierung zur Sperrung vieler Geschäfte. Wie Thomas Kunz, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes OWL bestätigt, wollen vor allem viele Betreiber von Boutiquen, Modehäusern und Schuhgeschäfte nicht verstehen, dass ihre Läden zur Eindämmung des gefährlichen Coronavirus nicht öffnen dürfen. Gleichzeitig dürfen aber neben den Onlineshops etwa auch Verbrauchermärkte weiter Bekleidung anbieten.

Donnerstag, 02.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 02.04.2020, 10:36 Uhr
Wie hier auf der Düsseldorfer Königsallee sind in vielerorts fast alle Läden geschlossen. Ausnahmen sind Geschäfte für Lebensmittel und Tierbedarf, Drogerien, Bau- und Gartenmärkte. Foto: dpa
Wie hier auf der Düsseldorfer Königsallee sind in vielerorts fast alle Läden geschlossen. Ausnahmen sind Geschäfte für Lebensmittel und Tierbedarf, Drogerien, Bau- und Gartenmärkte. Foto: dpa

Besonders die Modehäuser sitzen derzeit auf Bergen von Ware, die irgendwann kaum noch verkäuflich sein wird. Nach Berechnungen der Handelsverbände Textil (BTE), Schuhe (BDSE) und Lederwaren (BLE) gehen an normalen Verkaufstagen in Deutschland im Durchschnitt täglich mehr als zehn Millionen Hosen, Shirts, Schuhe und Taschen über die Ladentheke. Kunz geht davon aus, dass im Hintergrund bereits Gespräche stattfinden, damit die Einschränkungen in diesem Punkt ab dem 20. April – so lange gilt die gegenwärtige Verordnung – erleichtert werden.

Der Schutz von Mitarbeitern und Kunden könne auch anders als durch eine komplette Schließung sichergestellt werden. „Wie ich es sehe, hält sich der größte Teil der Käufer an die Auflagen”, erklärt der Sprecher des Handelsverbandes. Warum also sollten die Distanzregeln nicht auch auf Modegeschäfte übertragen werden können?

Personal Shopping: ein Mitarbeiter, ein Kunde

Konkret wandte sich jetzt Dennis Bußian, Geschäftsführer des Cooper Textilvertriebs in Herford und damit einiger „Magic“-Modeläden in OWL, an den Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld. In einem Brief beantragte der stellvertretende Vorsitzende der Altstadt-Kaufmannschaft ein „Personal-Shopping“, in dem ein Mitarbeiter stets nur einen Kunden berdiene. Sicherer gehe es nicht. Schließlich gehe es bei Kleidung auch um ein Grundbedürfnis.

Die häufig gestellte Verbraucherfrage, warum Bau- und Gartencenter von der Schließung ausgenommen sind, erklärt sich Kunz zufolge aus Paragraf 5 der Verordnung in NRW: Danach dient der Betrieb eigentlich zur Versorgung von Gewerbetreibenden und Handwerkern. Anderen Personen dürfe der Zutritt nur gestattet werden, wenn „zum Schutz vor Infektionen geeignete Vorkehrungen getroffen sind“. Gemeint seien damit insbesondere Maßnahmen zur Sicherstellung von Mindestabständen und Schutzvorrichtungen für das Kassenpersonal.

Separate Einkaufszeiten für Risikogruppen?

In der Praxis bedeutet dies, dass nur ein Kunde pro zehn Quadratmeter Verkaufsfläche im Markt aufhalten darf. Einige Händler lasen die Kunden zählen: „Andere, und das finde ich kreativer, schreiben die Nutzung eines Einkaufswagens vor und limitieren auf diese Art den Zugang“ sagt Kunz. Aus Österreich kommt die Idee, separate Einkaufszeiten für Angehörige von Risikogruppen einzuführen, also vor allem für Ältere. Inzwischen solle es auch in OWL erste Versuche dafür geben.

Die Frage, ob Kunden und Mitarbeitern im Einzelhandel zusätzlich ein Mundschutz vorgeschrieben werden soll, wollte sich Kunz nicht äußern: „Das zu entscheiden ist Sache der Virologen. Die Gesundheit sollte in diesen Zeiten immer Vorrang haben.” Andererseits müsse aber das, was an Lockerung möglich sei, auch umgesetzt werden.

Verdi: „Im Lebensmittelhandel laufen sich die Mitarbeiter einen Wolf”

Unterstützung für die Forderung von Teilen des Handels nach Änderung der Verordnung erhält die Branche von der Gewerkschaft Verdi. „In den Lebensmittelgeschäften laufen sich die Kolleginnen und Kollegen einen Wolf, und in anderen Branchen sitzen sie wegen Kurzarbeit zu Hause: Das kann nicht gesund sein“, erklärte am Mittwoch Ursula Jacob-Reisinger, Verdi-Gewerkschaftssekretärin für den Fachbereich Handel in Ostwestfalen-Lippe. Unter der Voraussetzung, dass die von den Virologen vorgeschlagenen Maßnahmen eingehalten werden, sei gegen eine Öffnung von Modehäusern, Buchläden und anderen Geschäften nichts einzuwenden.

Ursula Jacob-Reisinger

Ursula Jacob-Reisinger

Probleme gab es jüngst zwischen Teilen des Handels und der Gewerkschaft, weil sich einige Häuser nach Aussage von Jacob-Reisinger nicht an die tarifvertraglich festgelegten zeitlichen Vorgaben für die Anmeldung von Kurzarbeit gehalten haben. Am Dienstag habe man sich verständigt, dass, wer die Vier-Wochen-Frist nicht eingehalten habe, den betroffenen Beschäftigten als Ausgleich mehr Geld bezahle. Statt der tarifvertraglich festgelegten Aufstockung des von den Arbeitsagenturen bezahlten Anteils von 60 bzw. 67 Prozent des wegfallenden Lohns erhalten die Verkäufer Jacob-Reisinger zufolge bis 30. Juni 100 Prozent. Danach gälten für alle wieder die Vier-Wochen-Frist und tariflich festgelegte Aufstockung auf 90 Prozent.

Kommentare

Kollateralbarde  schrieb: 02.04.2020 19:06
Darum darf die Boutique nicht öffnen:
Die Boutique darf nicht öffnen, weil "Hosen, Shirts, Schuhe und Taschen" im Gegensatz zu Lebensmitteln - zumindest für ein paar Wochen - nicht lebenswichtig sind.
Die 1,5-2m Abstand, die derzeit gefordert werden, sind wohl auch nicht ein absolut sicherer Abstand, sondern ein Kompromis. Und der Abstand wird in den Supermärkten auch nicht eingehalten, soweit ich das mitbekomme, weil nicht genug Platz ist, und weil die wenigsten Leute die Entfernung richtig einschätzen, und weil auf 10 Vernünftige ein Dummer kommt, der sich doch mal eben dazwischendrängt.
Also ist schon der Lebensmitteleinkauf individuell gefährlich und in der Gesamtlage ein Problem - wo haben sich denn die 56 neuen Bielefelder Fälle der letzten 7 Tage wohl angesteckt? Aber Lebensmitteleinkauf ist eben lebensnotwendig. Handtaschen nicht, und T-Shirts auch nicht.
1 Kommentare
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