Das Bielefelder Beweidungsprojekt wird 25 Jahre alt – mit Video
Schafe grasen für den Naturschutz

Bielefeld (WB). 250 zumeist braune Lämmer stehen bei ihren Müttern im Stall der von Bodelschwinghschen Stiftungen, haben dort in den vergangenen Wochen das Licht der Welt erblickt – Nachwuchs auch für den Naturschutz in Bielefeld. Denn die Bethel-Herde und Schäfer Andreas Eisenbarth sind die wesentlichen Akteure des Schafbeweidungsprojektes Bielefeld, das in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert.

Donnerstag, 16.04.2020, 07:25 Uhr aktualisiert: 17.04.2020, 14:18 Uhr
Bethel-Schäfer Andreas Eisenbarth (61) hütet die Tiere seit 20 Jahren. Im Stall am Schillingshof sind vor wenigen Wochen die letzten Lämmer dieses Winters zur Welt gekommen. Am 15. April dürfen die genügsamen Coburger Fuchsschafe wieder raus auf die Weide. Foto: Bernhard Pierel
Bethel-Schäfer Andreas Eisenbarth (61) hütet die Tiere seit 20 Jahren. Im Stall am Schillingshof sind vor wenigen Wochen die letzten Lämmer dieses Winters zur Welt gekommen. Am 15. April dürfen die genügsamen Coburger Fuchsschafe wieder raus auf die Weide.

Die inzwischen 700 Muttertiere starke Herde verlässt Mitte April wieder den Bethel-Stall am Schillingshof in Senne, um bis zum Herbst von Weide zu Weide zu ziehen und sich für den Landschaftsschutz durchzufuttern. Auf insgesamt rund 230 Hektar sorgen die Coburger Fuchsschafe dafür, dass die Landschaft nicht verbuscht und dass den Böden Nährstoffe entzogen werden. Damit bereiten sie den Weg für eine vielfältigere Flora und Fauna, lassen, je nach Landschaft, Sand- und Kalkmagerrasen sowie Feuchtwiesen als Biotope entstehen.

Lehrgeld bezahlt

„Wir wollten damals Heideflächen entwickeln, unter anderem auf dem Flugplatz Windelsbleiche“, blickt Dietmar Althaus vom Umweltamt der Stadt Bielefeld zurück, der das Projekt von Beginn an begleitet. Diese Flächen seien damals verbuscht gewesen. Die Heide habe es schwer gehabt, sich gegen andere Arten durchzusetzen. Sehr personalintensiv habe man zuvor per Hand die Flächen freigeschnitten. Mit der Folge, „dass das die Verbuschung eher förderte“, sagt Althaus. „Wir haben uns dann umgeschaut: Was machen andere, etwa auf dem Truppenübungsplatz in Senne.“ Dort gab es bereits eine Beweidung.

Und so suchte die Stadt Bielefeld einen Schäfer als Vertragspartner für ihr Beweidungsprojekt. 1995 engagierte sie eine Herde aus Göttingen. 300 bis 400 Graue Gehörnte Heidschnucken, erinnert sich Dietmar Althaus, standen dann auf den Weiden, wurden im Frühjahr gebracht und zum Winter wieder abgeholt. „Wir haben damals auch Lehrgeld bezahlt“, räumt Althaus ein. Weil die Herde zu groß, die Fläche zu klein war, seien die Böden zu intensiv beweidet worden. Gelegentlich seien die hungrigen Heidschnucken auf Nachbarflächen ausgebüxt, und nicht immer sei der Schäfer dann erreichbar gewesen, weil er noch andere Herden weit weg betreute. Es gab tierschutzrechtliche Bedenken, „und wir wollen den Tierschutz nicht gegen den Naturschutz ausspielen“. 1997 wurde somit der Vertrag mit dem Schäfer nicht verlängert.

Stall auf Hof Ramsbrock

Damals brachte sich Bethel ins Spiel. Jörg Ermshausen, bis heute Leiter der Forstwirtschaft der von Bodelschwinghschen Stiftungen, betreute bereits eine Schafherde der Einrichtung in Freistatt. Man wurde sich einig, und ab 1998 schickte Bethel eine Herde jeweils für die Saison nach Bielefeld. „Weil zugefüttert werden musste, die Flächen und somit auch die Herde wuchsen, suchten wir schließlich einen Stall in Bielefeld“, erzählt Dietmar Althaus im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT. Den richtete die Stadt auf dem eigenen Hof Ramsbrock ein. Im Winter 2000/2001 kamen dort die ersten Lämmer zur Welt. Die Einweihung mit NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn war zugleich Auftakt für den Apfeltag, der alle zwei Jahre auf Hof Ramsbrock stattfindet.

Der Hof hielt dem Erfolg des Beweidungsprojektes allerdings nicht stand: Weil mit den bewirtschafteten Flächen die Herde wuchs, baute Bethel auf dem Schillinghof einen neuen Schafstall, der 2005 eingeweiht wurde. Zu den Weiden gehören neben dem Flugplatz unter anderem der Behrendsgrund in Senne, Areale am Hof Ramsbrock, am Quellenhofweg und auf dem Ubbedisser Berg. Finanziert wird das Projekt aus Mitteln der EU, des Landes und der Stadt. Auch Landwirte, deren private Flächen neben den städtischen ebenfalls beweidet werden, profitierten, weil sie dafür Fördergelder bekämen. Für die Stadt sei das ein günstiges Projekt, in das Althaus zufolge zuletzt gerade Mal 1400 Euro pro Jahr gesteckt werden mussten.

Fest muss ausfallen

Mit im Boot sind bei dem Projekt auch die beiden Biostationen Gütersloh-Bielefeld und Paderborn-Senne, die die Entwicklung der Flächen dokumentieren. „Es ist einiges an Arten dazugekommen“, fasst Althaus den Erfolg zusammen. Dazu gehören verschiedene Enziane und die Heidenelke als Gewächse. „Die Feldgrille ist neu in Bielefeld“, und auch die Zauneidechsenpopulation habe sich flächendeckend ausbreiten können. Dabei schaffen Schafe etwas, was Mähmaschinen nicht können: Sie lassen nicht nur wichtige Pflanzen stehen, weil sie sie nicht mögen, sondern sind auch Vehikel für andere Tiere und Pflanzen, die sie auf ihrem Zug durch die Landschaft im Fell oder in ihrem Körper mitführen und so verbreiten. Und: „Schafe und Schäfer sind ein tolles Aushängeschild für den Naturschutz in Bielefeld und ein gutes Mittel zur Öffentlichkeitsarbeit“, freut sich Dietmar Althaus.

Weniger groß ist seine Freude darüber, dass das geplante Fest zum Jubiläum der Schafbeweidung auf dem Hof Ramsbrock am 2. Mai aufgrund der Corona-Krise ausfallen muss. Wenn möglich, soll es dort mit dem Apfeltag am 3. Oktober verbunden werden.

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