Der Bielefelder Petter Börgers erlebt die Ausgangssperre in der Millionenstadt Tirupur
Allein unter Indern

Bielefeld/Tirupur (WB). Die frühere Unbekümmertheit und Neugierde ist Misstrauen gewichen. „Nach der Frage, woher ich komme, folgt nun nicht mehr die Bitte, ob man ein Foto mit mir machen kann, sondern ob ich mich schon habe testen lassen.“ Petter Börgers lebt seit Februar in der südindischen Stadt Tirupur; das Coronavirus hat auch dort, wie fast überall auf der Welt, das Leben verändert. Und auch die Menschen. Unsicher fühlt sich der junge Bielefelder deshalb jedoch nicht. „Auch wenn meine Eltern es gerne hätten, wenn ich jetzt daheim wäre.“

Mittwoch, 15.04.2020, 10:01 Uhr aktualisiert: 15.04.2020, 15:39 Uhr
Leere Straßen in der indischen Millionenstadt Tirupur: Der Bielefelder Petter Börgers auf dem Weg zu einem Supermarkt. Foto:
Leere Straßen in der indischen Millionenstadt Tirupur: Der Bielefelder Petter Börgers auf dem Weg zu einem Supermarkt.

Viel sehen von dem Land, das er eigentlich kennen lernen wollte, kann der 19-Jährige derzeit nicht. Seit drei Wochen herrscht in ganz Indien eine Ausgangssperre, nur zum Lebensmittel- oder Medikamentenkauf darf das Haus verlassen werden. Diese Maßnahme wurde gerade um zwei Wochen verlängert.

Der Bielefelder hatte sich rechtzeitig mit Nudeln und Reis eingedeckt, frische Produkte kann er in kleinen Straßenläden kaufen. „Ich habe das Kochen für mich entdeckt, wobei ich aber eine Spülmaschine schon wirklich vermisse.“

Die Tage in seinem „Zuhause auf Zeit“ verbringt Petter Börgers mit dem Erstellen eines Video-Blogs, mit Online-Schach (er war Bielefelder Mannschafts-Schulmeister 2018 und 2019) oder Hörbüchern und Sport („Ich bin sehr dankbar, dass ich ein Laufband und Trainingsgegenstände zur Verfügung habe“). Doch an den Ostertagen überkam den Bielefelder, der im vergangenen Jahr am Oberstufen-Kolleg sein Abitur gemacht hat, doch etwas Heimweh. „Das waren immer die Tage, die ich mit den Großeltern, der ganzen Familie verbracht habe.“

Ein Bild aus „Vor-Corona-Tagen“: Petter Börgers mit Begleitern nach einer Nachtwanderung am „Velliangiri Andavar Temple“.

Ein Bild aus „Vor-Corona-Tagen“: Petter Börgers mit Begleitern nach einer Nachtwanderung am „Velliangiri Andavar Temple“.

Auslandspraktiukum bei Compass Tex

Börgers absolviert eigentlich ein Auslandspraktikum bei dem Bekleidungshersteller Compass Tex, der unter anderem auch für die Bielefelder Katag AG produziert. „Das ist sehr interessant, weil ich so den Weg des Kleidungsstücks vom Baumwollfeld bis zum Versand nach Deutschland verfolgen kann.“ Jetzt analysiert der Bielefelder im Homeoffice, wie sich beispielsweise der Textilkonsum in Westeuropa verändert. Über das Internet hält Petter Börgers auch Kontakt zu Familie und Freunden. „Vor Kurzem hatte ich mit mehreren Freunden aus Bielefeld, Indien, Peru und auf Helgoland eine gemeinsame Video-Konferenz. Da wurde auch das eine oder andere Bierchen getrunken.“

Im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus geht der indische Staat durchaus nicht zimperlich vor. Die Straßen werden täglich mit Chemikalien abgespritzt, Polizisten patrouillieren in den Straßen. Börgers: „Ich habe selbst zwar noch nicht mitbekommen, dass drakonische Strafen ausgesprochen wurden, aber die Polizei hat in Indien definitiv einen anderen Stellenwert als in Deutschland.“ Bei einer Million Einwohnern gibt es in Tirupur derzeit 78 infizierte Personen (Stand Montag), die Dunkelziffer dürfte aber deutlich höher sein.

Touristen gibt es in Tirupur nicht

Die Zeit vor der Ausgangssperre konnte der Bielefelder nutzen, um besonders an Wochenenden Ausflüge in die Umgebung zu unternehmen. Dabei fiel der Bielefelder auf, denn Touristen gibt es in Tirupur nicht: Die Region gehört nicht gerade zu den attraktivsten Indiens. Mit seinen 1,87 Meter und dem blonden Haar „wirkte ich manchmal wie ein Leuchtturm“, erzählt Petter Börgers. „Ich wurde von vielen fremden Menschen angesprochen oder angeguckt, als wäre ich ein Wunder. Aber ich habe das immer mit Humor genommen.“

Das normale Leben wird jedoch erst einmal zumindest bis Ende April in Indien ruhen, niemand weiß, wie es dann weitergeht. Den Optimismus hat Petter Börgers jedoch noch nicht verloren. Und: „Sollte einmal das Nutella-Glas leer sein, darf ich auch mit meinem Roller zu dem weit entfernten Supermarkt fahren.“ Zumindest das gehe derzeit viel schneller als sonst. Ein kleiner Vorteil der Corona-Zeit.

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