Bielefelder Einzelhandel bereitet sich auf den Neustart vor
Im Einbahnverkehr durchs Geschäft

Bielefeld (WB). Unter etlichen Hygiene-Auflagen dürfen viele Bielefelder Einzelhändler von diesem Montag an ihre Geschäfte wieder öffnen. Bei aller Vorfreude auf den Neustart nach vierwöchiger Corona-Zwangspause verspüren sie aber auch eine große Portion Unsicherheit: Wie viel Fingerspitzengefühl zeigt wohl das Ordnungsamt im Umgang mit den meistens improvisierten Schutzmaßnahmen zu Gunsten von Kunden und Mitarbeitern?

Montag, 20.04.2020, 08:00 Uhr
Da geht’s lang: Geschäftsführerin Sandra Rathert (46) und ihre Schaufensterpuppe Annegret zeigen den Weg durch den Fahrradladen Feine Räder in der Obernstraße. Mit Hilfe der Einbahnregelung sollen sich Kunden so wenig wie möglich begegnen. Foto: Markus Poch
Da geht’s lang: Geschäftsführerin Sandra Rathert (46) und ihre Schaufensterpuppe Annegret zeigen den Weg durch den Fahrradladen Feine Räder in der Obernstraße. Mit Hilfe der Einbahnregelung sollen sich Kunden so wenig wie möglich begegnen. Foto: Markus Poch

„Unter den Kollegen herrscht Verunsicherung“, bestätigt Henner Zimmat, Vorsitzender der Kaufmannschaft Altstadt. „Die einzelnen Maßnahmen sind von der Landesregierung nicht optimal kommuniziert worden.“ Deshalb „wühlten“ die Kaufleute in ihren Läden herum und versuchten, irgendwie Lösungen für die unklar formulierten Hygiene-Anforderungen zu finden.

Im Fahrradladen Feine Räder, Obernstraße 42, soll, passend zur Branche, eine ausgeschilderte Einbahnstraße den Kontakt zwischen Kunden minimieren helfen. Schaufensterpuppe Annegret weist den Weg: „Man geht rechts rein bis zum Tresen und dann linksherum wieder raus“, erklärt Geschäftsführerin Sandra Rathert (46). „Aber die Räder müssen erst mal draußen bleiben, damit wir im Laden keinen Stau haben.“ Wer zur Werkstatt wolle, werde einzeln reingeholt. Eine aus dem Keller reaktivierte Plexiglasscheibe soll sich als Spuckschutz an der Kasse bewähren, genau wie die Idee mit den roten Abstandspfeilen auf dem Fußboden.

Helm-Beratung aus der Distanz

Aktuell sind von den zehn Mitarbeitern sieben in Geschäft und Werkstatt tätig. Zwei kommen gerade aus der Kurzarbeit. Das Personal verwendet Schutzmasken, sofern es Kundenkontakt hat. Den maximal acht Kunden, die sich gleichzeitig im Laden aufhalten dürfen, steht ein Spender mit Desinfektionsmittel zur Verfügung. Eine Fahrradhelm-Beratung sei derzeit nur aus der Distanz möglich. Interessenten werden gebeten, leichte Mützen mitzubringen, damit Helme nicht permanent desinfiziert werden müssen und dadurch verschleißen.

„Wir wissen nicht, ob all diese Maßnahmen ausreichen, aber wir haben versucht, uns so gut es geht zu behelfen“, versichert Sandra Rathert. „Hoffentlich macht uns das Ordnungsamt keinen Ärger.“

Auf die korrekte Einhaltung der Abstandsregeln achtet auch die Jürmker Bücherstube in Jöllenbeck. Dazu bringt Geschäftsführer Hartwig Bögeholz (67) vor dem Laden an der Amtsstraße Aufsteller in Position, die das Prozedere erklären. Über Pflastermarkierungen will er zudem erreichen, dass wartende Kunden sich rechts anstellen, damit bediente Kunden das Geschäft links verlassen können. Im Laden herrscht ebenfalls „Einbahnverkehr“. Nur zwei Kunden gleichzeitig sind erlaubt.

Die drei Angestellten Sandra Ohlinger, Dagmar Dopheide und Claudia Lander, die in den vergangenen vier Wochen „erfreulich viele Bestellungen“ online abwickeln und persönlich zustellen konnten, tragen Gesichtsmasken. Zum Kassieren „verschanzen“ sie sich hinter einem Spuckschutz aus Plexiglas. Kunden werden gebeten, den Laden möglichst nur mit Maske zu betreten. Die Desinfektion gibt’s vom Haus.

Kleiner Vorrat an Masken

„Wir wollen alles tun, um eine Infektion bei uns zu vermeiden“, beteuert Bögeholz. Deshalb hat er sich einen kleinen Vorrat an Masken zugelegt, aus dem bei Bedarf alte Kundschaft bedient werden soll, die ohne kommt. Stammkunden dürfen sich außerdem auf Schokoladentäfelchen freuen.

Einen Schritt weiter als die meisten Einzelhändler ist Axel Deppe, Inhaber des Coffee Stores am Alten Markt. Er durfte seinen Laden bereits vor einer Woche öffnen, nachdem er dem Ordnungsamt klar gemacht hatte, dass er sich am Beispiel der Eisdielen orientieren könnte. Seitdem verkauft er mit Zweierteams – unter Einhaltung sämtlicher Abstands- und Hygieneregeln – Kaffee und Snacks ausschließlich „to go“, hat damit wenigstens 20 bis 30 Prozent seiner üblichen Einnahmen. „Das hilft zwar“, sagt der 50-Jährige. Es sei aber bei weitem nicht das, was er bräuchte, um alle 25 Mitarbeiter zu finanzieren, die sich in Kurzarbeit befänden.

Viel Kundenlob heimst Deppe für den übersichtlich angelegten Einbahnverkehr durch sein Geschäft ein und für die Spuckschutz-Spezialanfertigung der Firma 52&8 Event Design. Er sagt: „Das Ding erfüllt seinen Zweck, sieht gut aus, kommt gut an und wird uns wohl für längere Zeit begleiten – vielleicht für immer.“

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