Friseure bereiten Wiedereröffnung vor – strenge Hygieneregeln
„Wir hatten Existenzängste“

Bielefeld/Paderborn (WB). „Ja, wir hatten Existenzängste.“ Für Stefan Wessel (50), Mitinhaber des Bielefelder Friseurgeschäfts Sixto, geht Anfang Mai eine Zeit der quälenden Ungewissheit zu Ende. Nach dann rund sechs Wochen dürfen die Friseure wieder Schere und Fön in die Hand nehmen.

Montag, 20.04.2020, 03:10 Uhr aktualisiert: 20.04.2020, 15:12 Uhr
Foto mit Symbolcharakter: Die drei Inhaber des Bielefelder Friseurgeschäftes Sixto – Susanne Krause (links), Stefan Wessel und Sonia Scharpmann – halten sich wegen Corona den Mund bedeckt. Foto:
Foto mit Symbolcharakter: Die drei Inhaber des Bielefelder Friseurgeschäftes Sixto – Susanne Krause (links), Stefan Wessel und Sonia Scharpmann – halten sich wegen Corona den Mund bedeckt.

„Ich freue mich riesig“, sagt auch Sabine Bröer (51), Inhaberin des Paderborner Salons Intercoiffure Bröer. Und doch wird sich ab 4. oder 5. Mai in Folge der Bekämpfung des Coronavirus Vieles im Friseurhandwerk ändern – für Mitarbeiter und Kunden. Womöglich steigen die Preise.

Das geht bereits mit dem Tragen eines Mundschutzes los. „Das wird Pflicht“, sagt Peter Eul, Präsident der Handwerkskammer OWL und selbst Inhaber von zwei Friseursalons. Ebenso dürften künftig pro zehn Quadratmeter Salon nur eine Person im Geschäft sein – bei 80 Quadratmetern also vier Mitarbeiter und vier Kunden.

Hygienevorschriften

Als Kammerpräsident ist Eul bestens in der Branche vernetzt. Erst vergangenen Freitag habe er sich mit dem Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks, Harald Esser, ausgetauscht. Ebenso mit dem Geschäftsführer des Friseur- und Kosmetikverbandes NRW, Marc Ringel. „Es wird ein sehr hohes Maß an Hygienevorschriften geben,“ sagt Eul.

Dazu gehört etwa, dass es künftig wohl für alle Kunden Pflicht sein wird, sich im Salon die Haare waschen zu lassen. Der Trockenhaarschnitt würde damit tabu. „Das wird nicht jedem gefallen“, ahnt Eul. Den Grund dieser Maßnahme erklärt er so: Es könne theoretisch ja sein, dass ein Kunde auf dem Weg zum Frisör von hinten von einem Coronavirus-Infizierten angehustet wird. Um die Viren im Haar gleich zu bekämpfen, sei das Haarewaschen daher „unabdinglich“, betont Eul.

Zudem müsste gewährleistet sein, dass Kunden genügend Abstand zueinander einhalten. In der Praxis werde damit wohl nur jeder zweite Platz besetzt sein können. Auch Wartebereiche würden abgeschafft. Angedacht sei ferner die Nutzung von Einwegumhängen. Kurzfristig, so Eul, solle es ein Positionspapier mit einem entsprechenden Maßnahmenkatalog geben.

„Corona-Frisuren bändigen“

Es kommt damit viel Neues auf Kunden und Mitarbeiter zu. Allein in OWL gibt es nach Angaben der Kammer rund 1800 Friseurbetriebe. In den meisten Salons dürften die Vorbereitungen schon mit Hochdruck angelaufen sein. Oft werden bereits Termine vergeben, um die „Corona-Frisuren zu bändigen“ – wie es Peter Eul auf seinem Anrufbeantworter mit einer Prise Humor formuliert.

Bei Sabine Bröer ist die erste Mai-Woche jedenfalls bereits ausgebucht, wie sie sagt. Sie hat sich in ihrem Salon mit drei Angestellten bereits gut auf die Situation vorbereitet. Haarewaschen, Abstandsregelung, der Einsatz von Desinfektionsmitteln, kein Ausschank von Getränken, Kassenabwicklung nur mit Tragen von Handschuhen – das alles und einiges mehr werde umgesetzt und sei bereits vor der angeordneten Schließung der Frisörgeschäfte am 23. März so beherzigt worden. Auch Gesichtsbehandlungen wie Make-ups wurden nicht mehr ausgeführt. „Wir wollten kein Risiko eingehen“, sagt sie und fügt hinzu: „Masken sind bestellt.“

Die 51-Jährige ist trotz der Umstände froh, bald wieder arbeiten zu dürfen. „Sechs Wochen lang keine Kunden und keine Einnahmen – da hatte ich Existenzängste“, gesteht sie. Zumal der 1929 gegründete Familienbetrieb auf eine lange Tradition zurückblickt. „Unser Geschäft ist in den 90 Jahren noch nie in einer solch schwierigen Situation gewesen.“

Höhere Preise

Das gilt auch für das Friseurgeschäft Sixto, geführt von den drei Inhabern Stefan Wessel, Susanne Krause und Sonia Scharpmann. Sie haben ihren Salon, in dem weitere fünf Angestellte arbeiten, wegen der Corona-Pandemie aufgrund „der Verantwortung für die Allgemeinheit“ bereits drei Tage vor der behördlich verfügten Schließung zugemacht – am 19. März. „Jetzt sind unsere Rücklagen fast aufgebraucht“, sagt Stefan Wessel. Die Soforthilfe des Landes über 15.000 Euro habe man zum Glück erhalten. Und auch der Vermieter habe die April-Miete um 50 Prozent reduziert, ist Wessel dankbar.

Mehrere 1000 Euro hat Sixto investiert, um etwa Plexiglasscheiben zwischen den Plätzen anzubringen. In einem ersten Schritt habe man zudem 150 Masken bestellt. Sixto rechnet damit, künftig rund 20 Prozent weniger Kunden bedienen zu können. Das dürfte den Jahresumsatz um zehn bis 15 Prozent drücken. Aufgrund der erhöhten Hygienevorschriften dürften sich für Kunden die Preise erhöhen. Wessel geht von einer Erhöhung von rund sieben Prozent aus. Sabine Bröer könnte sich pro Kunde ein Euro vorstellen. Sixto-Mitarbeiterin Susanne Krause hofft nun, dass auch die Kunden mitziehen – und geduldig sind. Schließlich sei die Frisur wichtig für das Wohlbefinden. „Wenn die Haare sitzen, ist alles wunderbar.“

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