Ein 14-Jähriger nutzt das Handyticket der Bielefelder Verkehrsbetriebe Mobiel und wird zum Schwarzfahrer
Gestrauchelt im Tarifdschungel

Bielefeld (WB). Leander (14) versteht die Welt nicht mehr, als er am 9. März morgens um 6.08 Uhr im Zug 75416 der Nordwestbahn kontrolliert wird. Sein Ticket sei ungültig. Er müsse jetzt ein erhöhtes Beförderungsentgelt zahlen. 61,60 Euro seien fällig. Leander soll ein Schwarzfahrer sein. Erst fast zwei Monate später wendet sich die Geschichte für Leander zum Guten. Die Nordwestbahn erlässt ihm die Strafzahlung. Der Realschüler hat für seine Fahrt zum Betriebspraktikum bei der Firma Gildemeister ein Handyticket der Bielefelder Verkehrsbetriebe Mobiel gebucht und in Stadtbahn und Nahverkehrszug genutzt. Dass das Ticket in der Nordwestbahn aber nicht gilt, erkennt der Laie (also der Fahrgast) erst auf den zweiten Blick.

Montag, 18.05.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 18.05.2020, 09:28 Uhr
In den Zügen der Nordwestbahn gilt nicht das Handyticket der Bielefelder Verkehrsbetriebe Mobiel, obwohl die gleichen Entgelte wie beim Westfalen-Tarif berechnet werden. Das wurde dem 14-jährigen Leander zum Verhängnis. Foto: Bernhard Pierel
In den Zügen der Nordwestbahn gilt nicht das Handyticket der Bielefelder Verkehrsbetriebe Mobiel, obwohl die gleichen Entgelte wie beim Westfalen-Tarif berechnet werden. Das wurde dem 14-jährigen Leander zum Verhängnis. Foto: Bernhard Pierel

Leanders Mutter protestiert

Leanders Mutter Marianne Z. (Name geändert) will denn auch nicht akzeptieren, dass ihr Sohn ein Schwarzfahrer sein soll und schreibt an die Nordwestbahn. Ja, ihr Sohn habe für die Fahrt von Gellershagen nach Sennestadt den Zug als Teilstrecke genutzt. Dafür habe er als Fahrschein ein Online-Ticket “WT-Einzel-Ticket Kinder” in der Preisstufe Bl für 1,60 Euro über Mobiel erworben. Dass das Ticket ungültig sein solle, sei nicht nachvollziehbar, da sowohl in der Fahrplanauskunft von mobiel.de als auch von westfalenfahrplan.de die Preisstufe Bl im Westfalen-Tarif für diese Verbindung angegeben werde.

„Stimmt und stimmt auch wieder nicht“, sagt Karin Punghorst, Sprecherin der Nordwestbahn in Osnabrück. Nach dem Westfalen-Tarif betrage das Entgelt für ein Kinderticket auf dieser Strecke tatsächlich 1,60 Euro. Doch der Westfalen-Tarif könne nicht über das Handyticket gebucht werden, wenn unterwegs auch ein Nahverkehrszug genutzt werden solle. Das habe Mobiel nicht vorgesehen. An dem über Mobiel gebuchten Ticket verdiene die Nordwestbahn deshalb keinen Cent. Der Kontrolleur habe völlig zu Recht ein erhöhtes Beförderungsentgelt verlangt. Das ist für einen normalen Fahrgast nur schwer verständlich. Denn der von Mobiel berechnete Handyticketpreis ist mit dem des Westfalen-Tarifs identisch: besagte 1,60 Euro.

Korrekte Angaben

„Wir bedauern, dass der Sohn von Frau Z. solche Unannehmlichkeiten mit seinem Handyticket hatte“, sagt Mobiel-Sprecherin Birgit Jahnke. Allerdings werde sowohl auf dem Ticket selbst als auch auf der Mobiel-Website unter www.mobiel.de/tickets/handytickets-mobiel-app darauf hingewiesen, dass das Handyticket in Bielefeld nur in Bussen und Stadtbahnen gilt. Auf der Website werde sogar ausdrücklich formuliert: „Handytickets gelten nicht in Nahverkehrszügen.“ Die Fahrplanauskunft, die Marianne Z. anspreche und die ein überregionales Auskunftssystem sei, lasse sich leider nicht so programmieren, dass bei einzelnen, sehr ortsspezifischen Verbindungsauskünften der Hinweis auf das Handyticket von vornherein entfällt.

Mobiel will nachbessern

„Auch wenn Fälle wie der von Frau Z.’s Sohn nach Auskunft unserer Kundenzentren praktisch nie vorkommen, werden wir den Vorfall zum Anlass nehmen zu prüfen, ob und wie wir noch eindeutiger auf den Geltungsbereich des Handytickets hinweisen können“, erklärt die Mobiel-Sprecherin weiter.

Allerdings: Bereits vor drei Jahren berichtete diese Zeitung über den Fall eines Bielefelders, der mit dem Mobiel-Handyticket häufiger mit Nahverkehrszügen der Nordwestbahn zwischen Brackwede und dem Hauptbahnhof unterwegs war. Das Ticket war von den Kontrolleuren akzeptiert worden – bis auch er eines Tages als Schwarzfahrer dastand.

Die Nordwestbahn mutmaßte in ihrer ersten Antwort an Leanders Mutter, ihr Sohn habe fälschlicherweise das vergünstigte Clip-Ticket von Mobiel genutzt, das in den Zügen des Unternehmens ebenfalls nicht gelte. Das erhöhte Beförderungsentgelt wurde „aus Kulanz“ auf 30 Euro reduziert. Aber auch damit war die Mutter nicht einverstanden und stritt weiter bis zum Erlass des Betrags.

Marianne Z. zieht ihr eigenes Fazit: „Im Sinne der Benutzerfreundlichkeit aus Kundensicht wäre Mobiel meiner Meinung nach besser beraten, sich mit der Nordwestbahn über einen finanziellen Ausgleich zu einigen – so wie es auch schon bei den Papiertickets der Fall ist.“ Die ganzen Bemühungen rund um das Westfalenticket, das in allen Verkehrsmitteln im Verkehrsverbund gelten soll, würden mit Hinweisen von Mobiel, dass es als Handyticket nicht gelte, konterkariert.

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