Uni Bielefeld: Ansteckungsrisiko so hoch wie auf einem Kreuzfahrtschiff
Studie: Flüchtlingsheime können zum Corona-Hotspot werden

Bielefeld (WB/ef/dpa). Beengte Verhältnisse, viele Betten in einem Schlafraum, gemeinsam genutzte Sanitäranlagen und Sammelküche: Kommt es zu einer Corona-Infektion in einer Flüchtlingsunterkunft, ist einer Studie zufolge das Risiko einer Ansteckung im Schnitt etwa so hoch wie auf einem Kreuzfahrtschiff.

Donnerstag, 21.05.2020, 06:01 Uhr aktualisiert: 21.05.2020, 06:20 Uhr
Im ehemaligen Hotel Oldentruper Hof in Bielefeld leben heute rund 260 Flüchtlinge. Foto: Hans-Werner Büscher
Im ehemaligen Hotel Oldentruper Hof in Bielefeld leben heute rund 260 Flüchtlinge. Foto: Hans-Werner Büscher

Das hat eine Untersuchung unter Leitung des Forschers Kayvan Bozorgmehr von der Uni Bielefeld ergeben. Das Virus könne sich rasch ausbreiten, wenn es einmal durch Bewohner oder Personal in die Unterkunft gelangt sei, sagt der Studienleiter am Mittwoch.

Pro Asyl und die Flüchtlingsräte warnen schon länger vor erhöhten Risiken für die Bewohner der Unterkünfte. Zuletzt haben die Fälle von 165 Infizierten in einem Heim in St. Augustin bei Bonn Besorgnis ausgelöst. Zudem wurden am Mittwoch 67 Corona-Fälle in einer Frankfurter Flüchtlingsunterkunft bekannt.

„In allen Bundesländern gibt es große Flüchtlingseinrichtungen. Ob dort die Pandemie ausbricht oder nicht, ist reiner Zufall“, sagt der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkhardt. Es sei wichtig, dass sich nun erstmals eine wissenschaftliche Untersuchung mit den Auswirkungen von Corona auf Flüchtlingsheime befasse.

23 Unterkünfte untersucht

Forscher des Kompetenznetzwerks Public Health Covid-19 hatten unter Bozorgmehrs Leitung 23 Unterkünfte in NRW, Bayern, Brandenburg, Bremen, Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt untersucht. Grundsätzlich sei die Datenbasis auf diesem Feld „prekär“, bundesweite Statistiken zu Corona-Ausbrüchen gebe es nicht, schildert der Bielefelder Experte. Daher habe man die 1367 bestätigten Infektionsfälle in den 23 Einrichtungen zur Grundlage genommen und diese in Bezug gesetzt zu der gesamten Bewohnerzahl – 6083 Personen, Stand am 8. Mai.

Auch die Flüchtlingsunterkunft Oldentruper Hof in Bielefeld – früher ein Hotel – war ein Hotspot von Corona-Infizierten. Im April hatten sich 63 der rund 260 Bewohner sowie zwei Mitarbeiter mit dem Virus angesteckt. Inzwischen hat das Gesundheitsamt die Quarantäne aufgehoben. Aktuell leben dort nach Angaben der Bezirksregierung Detmold 258 Personen – die meisten kommen aus Afghanistan, Syrien, Irak, Türkei und der Russischen Föderation.

Ergebnisse nicht auf alle Unterkünfte übertragbar

Für Empörung hatte im April gesorgt, dass sechs Flüchtlinge die Quarantäne missachtet hatten. Sie hatten die Einrichtung unerlaubt verlassen. Daraufhin wurden sie in die ehemalige Justizvollzugsanstalt Büren – seit fünf Jahren Flüchtlingseinrichtung – abgeschoben. Inzwischen haben die sechs Asylsuchenden laut Bezirksregierung die Einrichtung Büren wieder verlassen, da ihre Testergebnisse negativ waren und die Quarantäne vom Gesundheitsamt aufgehoben werden konnte.

Man könne die Studienergebnisse nicht auf alle Flüchtlingsheime übertragen, betont Bozorgmehr. Es gebe auch viele Unterkünfte ohne Corona-Fälle. „Aber Abstandsgebot und Kontaktauflagen können in den Heimen kaum eingehalten werden.“ Kleine Räume für mehrere Personen, Gemeinschaftsküchen, wenige Toiletten und Duschen für viele Bewohner seien in der Pandemie hochproblematische Lebensbedingungen.

Kettenreaktion

Die Untersuchung zeige: Tritt ein Infektionsfall auf, so stecken sich schnell viele weitere Personen an. Und zwar in vergleichbarer Höhe wie auf Kreuzfahrtschiffen. Dort hatten Corona-Ausbrüche mit teilweise Hunderten Infizierten und einzelnen Todesfällen mehrfach für Aufsehen gesorgt. Die strikte Trennung infizierter Flüchtlinge von Nichtinfizierten sei aus räumlichen Gründen oft nicht möglich, sagt Bozorgmehr.

„Die Gefahr wird völlig unterschätzt“, rügt Pro Asyl: Bund und Länder müssten nun schnell dafür sorgen, dass große Einrichtungen „geleert“ würden und man wegkomme von den Massenunterkünften. Man laufe dort sonst „sehenden Auges in eine Pandemie-Situation hinein, die vermeidbar wäre“, so Burkhardt.

Um das Ansteckungsrisiko zu senken, fordert auch der Flüchtlingsrat NRW eine dezentrale Unterbringung. Vorrangig sollten Menschen aus der Risikogruppe etwa in Ferienwohnungen oder Jugendherbergen untergebracht werden. Geschäftsführerin Birgit Naujoks: „Entzerrung ist das Gebot der Stunde.“

Kommentare

Fragesteller  schrieb: 22.05.2020 20:16
Frage
Und was ist mit dem Risiko der Helfer?
Wer denkt an diese?
1 Kommentare
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