Die Grünen wählen OB-Kandidatin Kerstin Haarmann und ihre Ratsliste
„Bielefeld kann mehr“

Bielefeld (WB). „Ich werd’ mir Mühe geben“, verspricht Kerstin Haarmann und bedankt sich beim Parteitag. Gerade ist sie offiziell zur Oberbürgermeister-Kandidatin der Grünen gewählt worden. Mit einem „grünen“ Ergebnis. 88,5 Prozent der Stimmen, das ist für die Partei ein mehr als ordentliches Resultat. Bei anderen würde da schon der ein oder andere die Stirn runzeln.

Montag, 15.06.2020, 07:30 Uhr
Den grünen Rathaus-Schlüssel hat Kerstin Haarmann (Vierte von links) schon. Zur Kür als OB-Kandidatin gratulieren (von links) Jens Julkowski-Keppler, Schahina Gambir, Britta Haßelmann und Dominic Hallau. Fotos: Bernhard Pierel

Nüchtern und präzise hat Haarmann am Samstag in der Stadthalle dargelegt, worum es ihr geht. „Wir können Bielefeld“, hatte die SPD vor zwei Wochen bei ihrem Wahlparteitag ausgegeben. „Bielefeld kann mehr“, sagt nun Kerstin Haarmann. Was sie damit meint? „Mehr Wohnraum, mehr Energiewende, mehr Verkehrswende“, zählt sie auf.

Corona meistern

Im Gespräch führt Haarmann das aus. Mehr Wohnraum sei drin, ohne dafür unnötig Flächen zu verbrauchen. Photovoltaik ist ihre Energiealternative Nummer eins. Nur 3,4 Prozent der geeigneten Dachflächen würden dafür in Bielefeld genutzt. „Ein Viertel wäre das Ziel.“ In Sachen Verkehrswende sei einiges erreicht. „Aber da geht noch mehr.“ Vor allem mehr Fahrrad.

Man spürt: Die Paderbornerin Haarmann hat sich vertraut gemacht mit der Stadt, in der sie Oberbürgermeisterin werden will. Zwei weitere Punkte sind ihr wichtig: Bielefeld müsse Corona meistern und mehr Mut zur Zukunft haben. Die Pandemie habe Defizite bei der Digitalisierung der Schulen offenbart. Corona meistern heiße, dagegen genauso etwas zu tun wie etwa dafür, dass die Gastronomie wieder in Schwung komme. Und Mut zur Zukunft bedeutet für Haarmann auch eine Stärkung der heimischen Wirtschaft. „Ohne die geht es nicht“, sagt die Grüne. Und ohne neue Gewerbeflächen – „in Maßen“ – auch nicht. Aber: „Erst einmal Lücken schließen.“

Das Team, mit der die mögliche Oberbürgermeisterin Haarmann das ab Herbst im Rat umsetzen möchte, enthält eine Reihe bekannter Gesichter. Die Ratsliste wird angeführt von Christina Osei (54), die als Nachrückerin in den aktuellen Rat kam und als kampagnenfest gilt. Fraktionschef Jens Julkowski-Keppler (65) steht an Nummer zwei. Und der langjährige Fraktionsgeschäftsführer Klaus Rees (61) ist auf Platz zehn gesetzt, kandidiert in der grünen Hochburg am Siggi. Julkowski-Keppler und Rees haben entscheidend für die betont grüne Handschrift im aktuellen Paprika-Bündnis mit SPD, Bürgernähe/Piraten und Lokaldemokraten gesorgt. Auch Hannelore Pfaff (71) tritt wieder (Platz neun) an.

Ein Viertel jünger als 20

Die Altersangaben zeigen: Das grüne Spitzenpersonal ist auch nicht mehr so ganz jung. „Über die Hälfte der Kandidatinnen und Kandidaten auf den ersten 20 Listenplätze kandidieren zum ersten Mal für ein Mandat, ein Viertel ist jünger als 20 Jahre“, hält Grünen-Sprecherin Schahina Gambir dagegen.  „Die immer lauter werdende Jugendbewegung der letzten Monate hat Ihre politische Heimat bei uns.” Zu den „Jüngeren“ zählt auch Parteisprecher Dominic Hallau (39) auf Listenplatz 4. Oder Lisa Brockerhoff (35), die auf Platz drei der Ratsliste kandidiert. Die Kölnerin, die zum Studium nach Bielefeld kam, ist auch Wahlkampfmanagerin. Auf Platz 7 steht Susann Purucker, Sprecherin der Bielefelder Kindergarten-Eltern im Jugendamtselternbeirat. Bei der Kommunalwahl 2014 hatten die Grünen elf Ratsmandate geholt, wurden nach SPD und CDU drittstärkste Kraft.

Die Partei will die Corona-Krise für einen Neustart nutzen. Ein „weiter so“ dürfe es nicht geben, heißt es in der Präambel zum Kommunalwahlprogramm. Darin finden sich aber auch bekannte Ideen und Konzepte, wie, dass die Stadt nicht nur für Autos da sei, der ÖPNV ausgebaut, die Klimaneutralität bei städtischen Gebäuden schnell erreicht werden müsse und wie wichtig es sei, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Der Wahlkampf fällt in Corona-Zeiten garantiert anders aus. Aber jedes Parteimitglied könne jeden Tag fünf Minuten Wahlkampf machen, finden die Grünen. Bei Facebook, Twitter, Youtube und Instagram. Ganz einfach teilen, liken, kommentieren.

Kommentar von Michael Schläger

Noch nie waren die Grünen so nah dran. SPD oder CDU bei der Ratswahl überholen – denkbar. Der Oberbürgermeisterinnen-Sessel – warum nicht? Doch nun könnte es den Bielefelder Grünen so gehen wie denen im Bund. Corona sorgt dafür, dass grüne Themen auf einmal nicht mehr so sehr die Debatten bestimmen wie vor der Pandemie. Vor allem Kerstin Haarmann, die Paderbornerin, die die Grünen zur OB-Kandidatin gemacht haben, hat noch nicht den Bekanntheitsgrad, den es braucht, um zum echten Favoritenschreck zu werden. Aber es sind ja noch drei Monate bis zur Wahl. Da kann viel passieren. Auch das hat Corona gezeigt. Und dass die Grünen auch in den kommenden fünf Jahren weiterhin ein entscheidendes Wörtchen mitreden wollen im Rathaus, daran haben sie bei ihrem Nominierungsparteitag keinen Zweifel gelassen.

 

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