OWL könnte von steigendem Inlandstourismus profitieren – Verluste aber nicht mehr aufholbar
Ansturm auf den Teutoburger Wald?

Bielefeld (WB). Mit diesem Satz dürfte Maybrit Illner einem Millionenpublikum am TV-Bildschirm den Teutoburger Wald als touristisches Reiseziel ins Bewusstsein gerückt haben. In Richtung von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sagte die Moderatorin in ihrer Talkshow Ende Mai: „Malen wir uns aus, am Pfingstwochenende wird groß verreist. Viele werden sich in das eigene Auto setzen, man wird wieder im Stau stehen und dann werden Massen den Teutoburger Wald bevölkern.“ Laschet lächelte süffisant. „Der Teutoburger Wald ist immer schön“, sagte er.

Montag, 15.06.2020, 03:08 Uhr aktualisiert: 15.06.2020, 11:00 Uhr
Urlaub in Deutschland oder gleich in der Heimatregion liegt bedingt durch die Corona-Pandemie im Trend. Foto: Andreas Hub
Urlaub in Deutschland oder gleich in der Heimatregion liegt bedingt durch die Corona-Pandemie im Trend. Foto: Andreas Hub

Da spricht der NRW-Landesvater wohl auch Tobias Valentien aus dem Herzen. Der 56-Jährige ist bei der Ostwestfalen-Lippe-GmbH im Fachbereich „Teutoburger Wald Tourismus“ unter anderem für Marktforschung zuständig. Wenn jetzt mehr Deutsche im Inland Urlaub machten und dabei auch die Reize des Teutoburger Waldes kennenlernten, sei das eine „Riesenchance“, die bisherigen Ausfälle in der Branche wenigstens zum Teil zu kompensieren, sagt er.

Wettbewerb zu anderen Mittelgebirgsregionen

Allerdings gibt Valentien im Gespräch mit dieser Zeitung auch zu bedenken, dass Ostwestfalen-Lippe (bzw. das Reisegebiet Teutoburger Wald) im Wettbewerb zu anderen Mittelgebirgsregionen in Deutschland stehe – wie etwa der Eifel, dem Sauerland, dem Westerwald oder auch dem Harz. Um im Werben um potenzielle Besucher oder Touristen nicht ins Hintertreffen zu gelangen, sollen mehrstufige mit zusätzlichen 150.000 Euro finanzierte Werbekampagnen nun die Menschen im Ruhrgebiet und im Rheinland, aber auch im näheren Einzugsbereich dazu bewegen, im Teutoburger Wald zu Wandern, Rad zu fahren oder in den vielen historischen Altstädten auf Entdeckungstour zu gehen. Der in Corona-Zeiten schnell aufgelegte Slogan lautet: „Heimat-Urlaub 2020 im Teutoburger Wald ... aber sicher.“ Valentien betont: „Die Natur ist unsere Attraktion und gerade heute vielen ein besonderes Bedürfnis.“

Ob es dazu kommt, bleibt abzuwarten. „In den Jahren zuvor kamen die Gäste eher im Rahmen eines Kurzurlaubs, also lediglich für ein paar Tage in unsere Region“, erläutert Valentien. „Es wäre natürlich schön, wenn sie nun auch ihren Haupturlaub hier verbringen würden.“ Dabei spielt in diesem Jahr allen deutschen Urlaubsorten in die Karten, dass viele Bürger eine Reise ins Ausland wegen der Unsicherheiten rund um das Thema Corona scheuen. Nach einer Erhebung des ZDF-Politbarometers von Ende Mai wollen 31 Prozent ihren Ur­laub in Deutschland verbringen, nur 13 Prozent im europäischen Ausland. 37 Prozent wollen keinen Urlaub machen.

Umsätze „unwiederbringlich verloren“

So möchte denn auch Tourismus-Experte Valentien nicht allzu große Erwartungen an den bevorstehenden Urlaubssommer stellen. „Es stimmt, dass viele Bürger lieber im Inland bleiben möchten. Aber ich glaube, dass die Reiseintensität insgesamt geringer ausfallen wird. Es fehlt den Menschen zwar nicht an der Lust zum Verreisen“, vermutet Valentien, mitunter könnten sie sich jedoch durch Abstandsregelungen, Hygienemaßnahmen und Kapazitätsbeschränkungen in Hotels, Pensionen und Gaststätten abgeschreckt fühlen. Ferienwohnungen hingegen dürften dieses Jahr sehr gefragt sein, sagt Valentien. Das trifft auch auf Campingplätze zu – beliebt nicht nur bei den Deutschen selbst, sondern auch schon wieder bei vielen Niederländern.

Klar ist: Die Corona-Krise und der achtwöchige Lockdown haben der Branche einen herben Schlag versetzt. Jede vierte Einrichtung sieht sich in ihrer Existenz bedroht, heißt es in einer Umfrage des Sparkassen-Tourismusbarometer Westfalen-Lippe von Anfang Mai.

Nicht erzielte Umsätze der Lockdown-Periode könnten nicht mehr nachgeholt werden. „Sie sind unwiederbringlich verloren“, schreiben die Autoren der Sonderanalyse zur Corona-Krise. Hinzu komme: Krisenbedingte Kreditaufnahmen belasteten die betriebswirtschaftliche Situation der Einrichtungen zusätzlich und könnten langfristig zu einem Investitionsstau führen, da Gewinne in Kreditrückzahlungen statt in Qualität fließen müssten. Nicht zuletzt werde es darauf ankommen, wie lange in der so genannten Recovery-Phase Einschränkungen bezüglich der maximalen Besucherkapazitäten gelten. Daher erwarten die Touristiker zunächst ein Anspringen des Tages-Reisemarktes zusammen mit der Gastronomie und gefolgt von den Kurzreisen.

Zehn Millionen Übernachtungen

Was vielleicht viele überrascht: Der Tourismus in OWL hat wirtschaftlich gesehen eine sehr hohe Bedeutung, ist Valentien zufolge von der Größe her mit der Branche der Autozulieferer zu vergleichen. Verlässliche aktuelle Daten gibt es allerdings nicht. Die letzte offizielle Zahl stammt aus dem Jahr 2011. Damals wurden 2,6 Milliarden Euro umgesetzt. „Heute dürften wir darüber liegen“, sagt Valentien.

Die offizielle Statistik verzeichnet sieben Millionen Übernachtungen. Marktforschungsstudien zufolge dürfte die reale Zahl der Übernachtungen (mit Geschäftsreisen, Kuraufenthalten und Verwandten- und Bekanntenbesuchen) im vergangenen Jahr sogar bei etwa zehn Millionen gelegen haben, darunter 2,5 Millionen Kurgäste und etwa gut eine Million Urlauber. Wirtschaftlich noch bedeutender als mehrtägige Aufenthalte ist aufgrund der angenommenen Besuchermenge der Tagestourismus. Er macht Valentien zufolge rund zwei Drittel der Wertschöpfung aus – das wären dann knapp zwei Milliarden Euro.

Wie auch immer der Sommer aus Sicht der heimischen Tourismuswirtschaft aussehen wird, Valentien jedenfalls betont: „Die Anbieter der Region haben sich für den jetzigen Neustart des Geschäfts gut vorbereitet.“ Eine Million Urlauber wie 2019 dürfte es aber nicht mehr geben. Valentien: „Wenn es gut läuft, erreichen wir in diesem Jahr etwa 50 Prozent davon.“

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