Gütersloh und Bielefeld betroffen
Zwei Filialen von Karstadt sollen in OWL schließen

Bielefeld/Gütersloh/Paderborn (dpa/WB/in). Für den Handel in Ostwestfalen-Lippe ist es ein schwerer Schlag: Unter den 62 Warenhäusern, die der Konzern Galeria Karstadt Kaufhof schließen will, sind mit Bielefeld und Gütersloh auch zwei der drei Standorte in OWL. Einzig Paderborn soll laut Insolvenzplan erhalten bleiben, hieß es am Freitag in Essen. Insgesamt stehen in NRW 18 Filialen vor der Schließung.

Freitag, 19.06.2020, 15:52 Uhr aktualisiert: 19.06.2020, 20:10 Uhr
Karstadt-Filialen in Bielefeld und Gütersloh sollen schließen. Foto: Thomas F. Starke
Karstadt-Filialen in Bielefeld und Gütersloh sollen schließen. Foto: Thomas F. Starke

Aktuell betreibt der Konzern noch 172 Kaufhäuser. Von den Schließungen betroffen sind vermutlich 5317 der insgesamt 28.000 Mitarbeiter. „Wir wissen, was dies für die betroffenen Mitarbeiter bedeutet. Aber dieser Schritt ist ohne Alternative, weil diese Filialen den Gesamtbestand des Unternehmens gefährden“, sagte der Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz nach Bekanntgabe der von der Schließung betroffenen Standorte.

Letztlich gehe es darum, Galeria Karstadt Kaufhof und damit viele tausend Arbeitsplätze zu sichern. Für die Schließungsfilialen bestehe angesichts der Auswirkungen der Corona-Krise keine wirtschaftliche Fortführungsperspektive mehr, betonte Gleiwitz.

Reaktionen aus der Region

Thomas Kunz, Hauptgeschäftsführer des OWL-Handelsverbandes, zeigte sich tief betroffen. Die Schließungen in Bielefeld und Gütersloh seien für den Einzelhandel in beiden Städten ein herber Verlust. Er habe sich nicht vorstellen können, dass der Konzern sich sogar von einem 1A-Standort in Bielefeld verabschieden würde.

Kunz arbeitete selbst 34 Jahre für Karstadt und leitete von 2002 bis zu seinem Wechsel 20009 zum Handelsverband OWL das Haus in Bielefeld. Er fühle darum besonders mit den vom Verlust des Arbeitsplatzes Betroffenen und ihren Familien. Trotz der guten Lage in der Bielefelder City sei ungewiss, ob es für den Standort eine Alternative aus dem Handel geben werde. Wegen der Folgen der Corona-Pandemie seien die Investoren derzeit mehr als vorsichtig.

Kommentar von Bernhard Hertlein

Was waren Kaufhaus-Chefs früher wichtige Leute! Wer wollte, dass in seiner Stadt etwas los ist, der wandte sich an den Leiter des örtlichen Warenhauses von Karstadt, Kaufhof oder Hertie.

Hertie hat sich schon lange vom Markt verabschiedet. Bei Kaufhof und Karstadt dauert die Krise Jahrzehnte. Auch die Fusion der Konzerne brachte keine Rettung – ebenso wenig wie frühere Filialschließungen und Sparwellen.

Vielleicht hätte der jetzige Kahlschlag vermieden werden können, wenn die Kaufhäuser nicht wegen der Pandemie wochenlang geschlossen gewesen wären. Sicher ist das aber nicht. Handel ist Wandel. Während der Essener Konzern sich – mit Ausnahme von Paderborn – fast vollständig aus OWL zurückzieht, kann eine anderer, gemeint ist Amazon, nicht genug Flächen akquirieren, um weitere große Lager zu errichten.

Es gab Managementfehler. Es gab den Größenwahn eines gewissen Thomas Middelhoff. Doch das ist Schnee von gestern. Wie wichtig Warenhäuser für das Leben in der City waren, wird man bald feststellen, wenn sie in nicht mehr da sind. Ob der Amazon-Chef ein offenes Ohr hat, wenn aus Bielefeld und Gütersloh Bitten um Unterstützung an ihn herangetragen werden?

...

Anders als zum Beispiel beim Thema Sonntagöffnung ist sich Kunz bei der Trauer über die Schließungen sogar mit der Leiterin des Fachbereichs Handel bei Verdi in OWL, Ursula Jacob-Reisinger, einig. Auch die Gewerkschafterin arbeitete bei Karstadt, zunächst in München, später in Detmold. Dieser Standort wurde schon früher geschlossen – ebenso wie Höxter und andere in OWL.

Auch Kaufhof-Filialen wurden dicht gemacht, etwa in Herford oder 2015 in Bielefeld. „Die Beschäftigten haben eine lange Leidenszeit hinter sich, in der sie für die angebliche Sanierung des Konzerns immer wieder Verzicht geleistet haben. Es ist bitter, dass sie nun trotzdem ihre Arbeitsplätze verlieren werden“, erklärte Jacob-Reisinger am Freitag.

Auch 25 Reisebüros auf der Liste

Einen Einschnitt wie diesen hat es in der Geschichte des Warenhauses in Deutschland noch nicht gegeben. Die 62 Schließungen treffen 47 Städte. Allein in Berlin sollen sechs der elf vorhandenen Kaufhäuser dicht gemacht werden, in Hamburg vier, in München drei, in Dortmund, Düsseldorf, Essen und Nürnberg zwei Geschäfte. Doch trifft es auch viele kleinere Kommunen. Der Vizepräsident des Deutschen Städtetages, Markus Lewe, sagte: „Mit diesen Kaufhäusern geht ein Ort der Versorgung und Begegnung verloren.“

Neben den Warenhäusern und zwei Schnäppchencentern werden nach Angaben des Gesamtbetriebsrats auch 25 Reisebüros geschlossen. Noch offen ist weiterhin das Schicksal der Karstadt-Sports-Häuser. Hier gelten mehr als zwei Drittel der rund 30 Filialen als gefährdet.

Galeria Karstadt Kaufhof hatte Anfang April wegen der wochenlangen Schließung von Filialen in der Pandemie Rettung in einem Schutzschirmverfahren suchen müssen. Bis Ende 2020 werden Umsatzeinbußen von bis zu 1,4 Milliarden Euro erwartet.

Der vom Unternehmen mit dem Gesamtbetriebsrat und Verdi ausgehandelte Sozialplan sieht unter anderem vor, dass die gekündigten Mitarbeiter für mindestens sechs Monate in eine Transfergesellschaft wechseln können. Der österreichische Eigentümer René Benko habe dafür einen Millionenbetrag zur Verfügung gestellt

Die betroffenen Standorte in NRW

Bielefeld (Karstadt Warenhaus), Bonn (Karstadt Warenhaus), Brühl (Galeria Kaufhof), Dortmund (Galeria Kaufhof), Dortmund (Karstadt Warenhaus), Düsseldorf Schadowstraße (Karstadt Warenhaus), Düsseldorf Wehrhahn (Galeria Kaufhof), Essen (Galeria Kaufhof), Essen (Karstadt Warenhaus), Gummersbach (Karstadt Warenhaus), Gütersloh (Karstadt Warenhaus), Hamm (Galeria Kaufhof), Iserlohn (Karstadt Warenhaus), Köln Weiden (Galeria Kaufhof), Leverkusen (Galeria Kaufhof), Mönchengladbach Rheydt (Karstadt Warenhaus), Neuss (Galeria Kaufhof), Witten (Galeria Kaufhof).

 

 

 

 

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