Medizinische Experten sehen Bielefelder (59) als „tickende Zeitbombe“
Nachbarin erwürgt: Täter soll in Psychiatrie

Bielefeld (WB). Der psychisch kranke Bielefelder (59), der sich an der blinkenden Weihnachtsbeleuchtung seiner Nachbarin gestört und deswegen am vierten Advent in einem großen Mietshaus an der Bremer Straße eine 34-Jährige in ihrer Wohnung erwürgt haben soll, soll auf Dauer in die geschlossene Psychiatrie. Das fordern sowohl Staatsanwalt Moritz Kutkuhn als auch Verteidiger Torsten Giesecke. Das Schwurgericht (10. Große Strafkammer) will am kommenden Montagvormittag das Urteil verkünden.

Freitag, 26.06.2020, 18:00 Uhr aktualisiert: 30.06.2020, 18:40 Uhr
Das Schwurgericht will am Montag das Urteil für den Angeklagten (rechts) verkünden. Links Verteidiger Torsten Giesecke. Foto: Bernhard Pierel
Das Schwurgericht will am Montag das Urteil für den Angeklagten (rechts) verkünden. Links Verteidiger Torsten Giesecke. Foto: Bernhard Pierel

Staatsanwalt fordert zusätzlich zur Psychiatrie sieben Jahre Haft

Nicht einig sind sich der Staatsanwalt und der Verteidiger jedoch über den Umfang der Schuldunfähigkeit des seit Jahrzehnten an einer paranoiden Psychose leidenden Angeklagten. Während Staatsanwalt Kutkuhn von einer nur verminderten Schuldfähigkeit ausgeht und neben der Einweisung in die geschlossene Psychiatrie zusätzlich sieben Jahre Strafhaft fordert, sieht Verteidiger Giesecke seinen Mandanten als komplett schuldunfähig an. Mit Blick auf die psychische Krankheit fordert der Rechtsanwalt einen Freispruch von der Mordanklage und die Einweisung seines Mandanten aus der aktuellen U-Haft im Bielefelder Gefängnis direkt in eine geschlossene Fachklinik.

Nach Informationen dieser Zeitung ist der Bielefelder wegen seiner Erkrankung seit dem 21. Lebensjahr Frührentner. Mediziner stufen den Mann als „tickende Zeitbombe“ mit einem „grundaggressivem Verhalten“ ein. Die vergangenen Jahrzehnte soll der Frührentner die Hälfte seiner Lebenszeit in psychiatrischen Kliniken verbracht haben.

Angeklagter streit im letzten Wort ab, psychisch krank zu sein

In seinem Plädoyer schilderte der Verteidiger noch mal die Vorgeschichte des Angeklagten. Die letzte Behandlung des 59-Jährigen habe zwölf Jahre lang gedauert, sagte der Anwalt. Nach 168 Sitzungen bei einem Psychiater brach der Bielefelder dann aber seine Therapie ab, entzog sich der Betreuung und nahm auch seine Medikamente nicht mehr. „Im Jahr 2017 folgte der Rückzug aus allem“, sagte der Verteidiger, das der 59-Jährige als Sonderling galt und ein Leben wie ein Eremit in seiner verwahrlosten Wohnung an der Bremer Straße führte.

Im letzten Wort, dass jedem Angeklagten vor der Urteilsverkündung zusteht, machte der Bielefelder klar, warum er seit Jahren fachlichen Rat strikt verweigert. „Ich sehe es nicht so, dass ich psychisch erkrankt bin“, sagte der Mann zu den fünf Richtern des Schwurgerichtes.

Dabei erzählt das Vorleben des 59-Jährigen eine andere Geschichte. Der ehemalige Medizinstudent und Bhagwan-Jünger wurde im August 2010 wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten verurteilt, weil er seine damalige Betreuerin angegriffen und mit einem Messer bedroht hatte. „Das war ein Warnschuss. Er ist knapp einer Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus entgangen“, sagte Verteidiger Giesecke.

Weil es beim Einkauf zu laut war: Angeklagter stellte Kassiererin nach

Außerdem ist noch eine andere Geschichte vom Angeklagten aktenkundig. Bevor er seine Nachbarin wegen deren blinkender Weihnachtsbeleuchtung erwürgt haben soll, stellte der Mann einer Kassiererin eines bekannten Supermarktes in Baumheide nach. Grund: Die Frau soll bei einem Einkauf des Bielefelders aus seiner Sicht zu laut die Klappe ihrer Kasse geschlossen haben.

Das Geräusch fasste der psychisch Kranke als eine Art Angriff gegen sich auf und verfolgte die Kassiererin, um sie zur Rede zu stellen.

Kommentare

Walter Neuschitzer  schrieb: 01.07.2020 11:27
Die klassische Psychiatrie war wie immer nutzlos und vermutlich schädlich
Der Täter hatte laut dem Artikel mindestens 168 Sitzungen bei einem Psychiater. Geholfen hat es offensichtlich nichts. Es mag sein, dass die verordneten Psychopharmaka ihn eine Zeit lang ruhig gestellt haben, aber geheilt oder auch nur verbessert haben sie ihn offensichtlich nicht. Dass er jetzt zum Mörder geworden ist, ist nur allzu typisch. Einige Psychopharmaka erhöhen die Neigung zu Mord (und Selbstmord).
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