Stimmung in Handel und Dienstleistung in Ostwestfalen wegen der Pandemie im Keller
Krise trifft selbst die IT-Branche

Bielefeld (WB). Wie sehr der Handel – außer Lebensmittelhandel und Baumärkte – sowie die Gastronomie unter den coronabedingten Einschränkungen leiden, ist weitgehend bekannt. Auch dass der Shutdown und die zeitweisen Grenzschließungen bei vielen Industriebetrieben zu massiven Einbußen geführt haben, kann man sich vorstellen. Nun aber trifft die Krise am Ende auch Branchen und Unternehmen, von denen gemutmaßt worden war, sie kämen relativ gut durch die Pandemie.

Samstag, 27.06.2020, 03:28 Uhr aktualisiert: 27.06.2020, 05:00 Uhr
Bei manchen Modehändlern geht es um die Existenz. Foto: dpa
Bei manchen Modehändlern geht es um die Existenz. Foto: dpa

Als ein Beispiel nannte Oliver Flaskämper, Vize-Präsident der IHK Ostwestfalen, am Freitag bei der Vorstellung der jüngsten regionalen Konjunkturumfrage die IT-Dienstleister. Seit vielen Jahren eher auf Wolke 7 schwebend, bezeichneten jetzt nur noch 22 Prozent ihre Geschäftslage als „gut“. Dazu zählen Flaskämper zufolge insbesondere kleine Firmen, die E-Commerce-Shops einrichten. Andere litten dagegen darunter, dass Unternehmen geplante größere IT-Projekte verschieben oder erst einmal ganz absagen. Das führe dazu, dass in einer Branche, die bisher stets über Fachkräftemangel geklagt hat, nur noch 12 Prozent der Betriebe Personal einstellen, 15 Prozent aber reduzieren wollen.

Arbeitnehmerüberlassung

Noch wesentlich schlechter haben sich Flaskämper zufolge in der Krise aber die Geschäfte der Personaldienstleister und Zeitarbeitsfirmen entwickelt. Nur zwei von 100 Unternehmen dieser Branche in Ostwestfalen sprechen noch von einer guten Geschäftslage. Dass sie sich in den kommenden Monaten bessern wird, erwartete bei der Umfrage, die zwischen dem 18. Mai und 8. Juni durchgeführt wurde, überhaupt niemand. 41 Prozent gehen davon aus, dass sie Personal abbauen müssen.

Geldwirtschaft

Übertroffen werden die Zeitarbeitsfirmen noch von der Finanzbranche. 44 Prozent wollen Stellen abbauen, kein einziges Unternehmen im Kreditgewerbe plant in Ostwestfalen Neueinstellungen.

Logistik

Auch in der Logistik überwiegen laut der IHK-Konjunkturumfrage die negativen Einschätzungen zur aktuellen Lage und zur Entwicklung deutlich. Das liegt, wie Flaskämper erläuterte, vor allem an dem Güterkraftverkehr. Grenzen wurden geschlossen, Container stapelten sich in den Häfen. Dagegen profitierten viele Paketzusteller von den Zuwächsen im Onlinehandel. Allerdings ist auch hier nicht nur Sonnenschein: Amazon hat begonnen, selbst Pakete auszuliefern – zum Leidwesen derer, die bisher davon profitierten, sagte Flaskämper.

Konjunkturklimaindex

Nach dem Vorbild des Münchener Ifo-Instituts ermittelt die IHK seit vielen Jahren in repräsentativen Umfragen in Ostwestfalen einen sogenannten „Konjunkturklimaindex“. Er speist sich zu gleichen Teilen aus der Einschätzung der Unternehmer ihrer gegenwärtigen Lage wie ihrer Zukunftserwartung. 100 Punkte stehen dafür, dass sich Optimisten und Pessimisten die Waage halten.

Über alle Branche hinweg sackte der Index nach Angaben des stellvertretenden IHK-Hauptgeschäftsführers Harald Grefe binnen weniger Wochen von 109 auf 63 in den Keller. Im Bereich der Dienstleistungsunternehmen fiel er von 112 auf 76. Noch tiefer war der Einbruch im Handel, wo der Index von 122 auf 69 abrutschte.

Einzelhandel

Dabei, so Rainer Döring, Vorsitzender des IHK-Handelsausschusses, hätte man eigentlich erwarten können, dass die Betriebe nach der schrittweisen Lockerung des Lockdowns zumindest etwas optimistischer in die Zukunft blickten. Das Gegenteil sei richtig: 45 Prozent erwarten sogar eine weitere Verschlechterung.

Das hänge damit zusammen, dass die Hoffnung vieler Einzelhändler, die Bürger würden versäumte Einkäufe jetzt schnell nachholen, sich – von Ausnahmen abgesehen – bisher nicht erfüllten. Zu den Ausnahmen zählten – mit Einschränkung – der Möbelhandel und die Unterhaltungselektronik. Zwar stünden die Kunden auch hier nicht gerade Schlange; aber sie kauften gezielter als vor der Pandemie ein, erklärte Döring. Im Übrigen gebe es mit dem Lebensmittelhandel und den Baumärkten auch zwei Branchen, die, weil als systemrelevant eingestuft, in der Krise keine Einbußen erlitten hätten.

Autohandel

Auf dem „Nullpunkt“ sei dagegen die Stimmung in den Kfz-Werkstätten und im Kfz-Handel. Deren Ausgangslage sei schon vor Corona nicht rosig gewesen. Die Diskussion um Klimaschutz und alternative Antriebe habe viele Kunden verunsichert. Nun sei alles noch viel schlimmer gekommen. Da der Autohandel trotz Mehrwertsteuersenkung auch keine Besserung erwarte, stünden 42 Prozent vor einem teils deutlichen Stellenabbau.

Konsumlust

Ein Shoppinggefühl wird Döring zufolge bei den Kunden schon wegen der Maskenpflicht wohl noch einige Zeit nicht aufkommen. Auch Kurzarbeit und die Sorgen von Arbeitnehmern um ihren Arbeitsplatz dämpften die Konsumlust. Der Staat habe durch das Konjunkturpaket und die Soforthilfe zu Beginn die größte Not gelindert. Die zum 1. Juli in Kraft tretende Mehrwertsteuersenkung sein ein Signal der Politik, stelle aber die Betriebe wegen der zeitlichen Begrenzung vor Herausforderungen. In seinem eigenen Betrieb, der Unterhaltungselektronik anbietet, wird Döring alle Produkte sukzessive auf den realen niedrigeren Preis umetikettieren. Wo dies nicht rechtzeitig geschehen könne, habe er wie manche anderen Händler an den Kassen Rabatttasten einrichten lassen, die den niedrigeren Preis ausrechnen.

Karstadt Galeria Kaufhof

Als „herben Schlag für Bielefeld und Gütersloh“ bezeichnete Döring die bevorstehende Schließung von zwei Warenhäusern der Karstadt Galeria Kaufhof. Darüber dürfe aber nicht vergessen werden, dass auch viele mittelständische Händler schwere Zeiten durchleben. Viele Leerstände auch in Ostwestfalen sprächen Bände. Politik und Verwaltung seien gefordert, stadtprägende Konzepte für die Flächen zu entwickeln.

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