Am Regenrückhaltebecken an der Ravensberger Straße in Bielefeld sind Spezialtaucher im Einsatz
Vier-Stunden-Schichten bei Null Sicht

Bielefeld (WB). Sicht: Null. Temperatur: geschätzte zwölf Grad. Und die einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein Strang aus Versorgungsleitungen. Einen härteren Job dürfte es in Bielefeld derzeit kaum geben. Auf der Baustelle für das Regenrückhaltebecken an der Ravensberger Straße sind seit dieser Woche Spezialtaucher im aktuell vier Meter tiefen und schlammtrüben Wasser im Einsatz, um den Boden des künftigen Beckens von Schlamm zu befreien.

Samstag, 11.07.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 13.07.2020, 07:40 Uhr
Vor dem Einsatz unter Wasser kontrollieren die Taucher sorgfältig ihre Ausrüstung. Foto: Bernhard Pierel
Vor dem Einsatz unter Wasser kontrollieren die Taucher sorgfältig ihre Ausrüstung. Foto: Bernhard Pierel
Die Taucher abeiten von einem Ponton aus.

Die Taucher abeiten von einem Ponton aus. Foto: Bernhard Pierel

„Der Taucher hat trotzdem den trockensten Arbeitsplatz“, sagt Martin Krietemeier augenzwinkernd am Freitagvormittag am Rande der Baugrube des künftigen Beckens, als ein kräftiger Schauer niederprasselt. Denn der Taucher, den seine Kollegen währenddessen auf einem Schwimmponton ausrüsten, trägt einen Trockenanzug, durch den – anders als bei den Neoprenanzügen von Hobbytauchern, die in wärmeren Gewässern unterwegs sind – kein Wasser dringt.

Extrem anspruchsvoll ist die Arbeit unter Wasser dennoch, erklärt Krietemeier. Er weiß, wovon er spricht: Bevor er beim Umweltbetrieb angefangen hat, war er selbst 15 Jahre lang Berufstaucher. „Dort unten sieht man überhaupt nichts“, sagt er und zeigt auf die schlammig-trübe Wasseroberfläche. „Wo keine Sicht ist, ist fühlen keine Schande“, erklärt er, wie die Taucher ihre Arbeit erledigen.

Ein Trockenanzug schützt den Taucher vor dem kühlen Wasser.

Ein Trockenanzug schützt den Taucher vor dem kühlen Wasser. Foto: Bernhard Pierel

Auf dem Bauch liegend müssen sie sich auf dem Grund der Baugrube entlangtasten, orientieren sich vor allem anhand der Anweisungen, die sie vom Team an der Oberfläche über die Telefonkabel erhalten. Mit dabei haben die Taucher eine Art überdimensionierten „Staub“sauger, mit dem sie den Schlamm vom Boden der Baugrube saugen. Über eine Schlauchleitung wird das Schlamm-Wasser-Gemisch dann in große Container gepumpt und gefiltert, so dass schließlich klares Wasser zurück in die Grube fließen kann.

Warum der Einsatz der Taucher überhaupt notwendig ist, erklärt Mathias Brei, beim Umweltbetrieb stellvertretender Projektleiter für das Regenrückhaltebecken: Dicht unter der Baugrube befindet sich eine Grundwasser führende Schicht. „Es besteht daher die Gefahr, dass es zu einem hydraulischen Grundbruch kommt, wenn wir diese Schicht ankratzen“, so Brei. Das wiederum könnte die umliegenden Gebäude gefährden.

Der Taucher ist mit einer Versorgungsleitung mit der Oberfäche verbunden.

Der Taucher ist mit einer Versorgungsleitung mit der Oberfäche verbunden. Foto: Bernhard Pierel

Deshalb ist die Baugrube etwa vier Meter hoch mit Wasser geflutet: Es erzeugt einen Gegendruck. Auf der festen Erdschicht am Grund der Baugrube gibt es jedoch eine weiche und unebene Schlammschicht. Und diese, erklärt Brei, muss entfernt werden, bevor die Beckensohle aus Beton gegossen werden kann. Diese wird einen Meter stark und aus einem speziellen Beton sein, der auch unter Wasser abbindet.

Deshalb sind nun die Taucher im Einsatz, um den Schlamm abzusaugen. Meter für Meter kämpfen sie sich dabei unter Wasser vor. Etwa 2100 Quadratmeter groß ist die Grundfläche der Baugrube, die sie absaugen müssen. Vier Wochen sollen die Arbeiten dauern.

Das Wasser zwischen den Spundwänden ist etwa vier Meter tief.

Das Wasser zwischen den Spundwänden ist etwa vier Meter tief. Foto: Bernhard Pierel

Engagiert hat das Bauunternehmen, das den Auftrag für das Regenrückhaltebecken erhalten hat, dafür ein Spezialunternehmen aus dem sauerländischen Brilon. Drei Taucher sind im Einsatz – jeweils einer unter Wasser, während zwei vom Ponton aus die Kommunikation und die Versorgung mit Atemluft sichern. Jeweils etwa vier Stunden bleibt ein Taucher unter Wasser. Begrenzender Faktor, so Krietemeier, ist dabei die Anstrengung und nicht – wie in größeren Tiefen – Dekompressionszeiten, die beachtet werden müssen.

Dass Taucher auf einer Baustelle im Einsatz sind, komme nur äußerst selten vor, sagt Martin Krietemeier. „Bislang hatten wir das hin und wieder mal bei der Entschlammung des Obersees oder bei Reparaturarbeiten an Kläranlagen.“

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