Kommentar zur möglichen Rettung des Warenhauses in Bielefeld
Vom weißen Rauch bei Karstadt

Die Ostwestfalen sind ja bisweilen bekannt dafür, nicht gleich in Euphorie zu verfallen. Das macht sie nicht nur sympathisch, sondern zeugt auch von Realitätssinn. Es ist sehr erfreulich, dass es neue Hoffnung für das traditionsreiche Warenhaus Karstadt in Bielefeld gibt.

Samstag, 11.07.2020, 07:15 Uhr aktualisiert: 11.07.2020, 09:44 Uhr
Das Warenhaus in Bielefeld steht offenbar kurz vor der Rettung. Foto: Bernhard Pierel
Das Warenhaus in Bielefeld steht offenbar kurz vor der Rettung. Foto: Bernhard Pierel

Baudezernent Gregor Moss kommt zwar als gebürtiger Bonner nicht aus Bielefeld und hat viel im Rheinland gewirkt. Aber dennoch neigt er nicht dazu, gleich auf den Tischen zu tanzen. Auch wenn – wie im Fall Karstadt – weißer Rauch aufzuziehen scheint. Ostwestfälisch ausgedrückt spricht Moss davon, vorsichtig optimistisch zu sein. Möchte man die Botschaft etwas positiv zuspitzen, heißt das nichts anderes wie: Die Sache scheint so gut wie klar.

Aber so weit ist es offenbar noch nicht. Es müssen noch ein paar Detailfragen geklärt werden, heißt es, die Verhandlungspartner dem vorgelegten Rettungsplan noch zustimmen. Kaum zu glauben, dass dies nicht erfolgt und somit nicht nur 120 betroffene Mitarbeiter/innen möglicherweise ihren Arbeitsplatz verlieren, sondern Karstadt aus der Stadt verschwinden muss.

Zuletzt war das befürchtete Aus in der öffentlichen Diskussion aufgrund von anderen, ebenso wichtigen Themen wie dem Fall Tönnies, Corona allgemein und dem Arminia-Aufstieg scheinbar etwas in den Hintergrund geraten. Der Verbleib des Warenhauses ist aber viel zu bedeutend für die Stadt. Somit gehört das Thema auf Platz 1 der Wichtigkeit – und zwar aller Beteiligten. Es sollte mehr Priorität haben als beispielsweise manche vermeintliche Lieblingsprojekte einiger wie der Jahnplatzausbau oder die Verkehrswende im Hauruckverfahren. Nicht zuletzt deshalb, weil die 120 Karstadt-Mitarbeiter/innen um ihre Arbeitsplätze bangen und sich viele Bielefelder auch deshalb einen Verbleib wünschen. Und auch, weil viele Menschen dort ganz einfach sehr gerne einkaufen.

Manches in die Jahre gekommene Warenhaus entspricht angeblich nicht mehr den modernen Ansprüchen einer attraktiven Stadt. Das ist sicher nicht ganz falsch. Und auch wenn Experten grundsätzlich das Ende des Geschäftsmodells Warenhaus beschwören, wäre ein Verlust dieses Magneten mit dieser Geschichte, an diesem Standort, zu diesem Zeitpunkt, mitten in der Innenstadt eine Katastrophe.

Zumal manche Träumereien von etwas Neuem dort in 1a-Lage, das erstens modernsten architektonischen Erwartungen entspricht, zweitens keinen Warenhaus-Charakter hat, drittens nicht zu Loom-ähnlich ist und viertens ein fantastisches Einkaufserlebnis bietet, zwar schön sein mögen, aber angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen unrealistisch erscheinen. Wenn es überhaupt jemanden gäbe, müsste dieser schon Millionensummen mitbringen, damit sich dort etwas Vernünftiges realisieren ließe. Kaum möglich.

Bei einem Karstadt-Aus droht ein Leerstand über Monate oder gar Jahre. Dann wäre dieser Teil der City fortan ein Schandfleck. So weit darf es nicht kommen.

Aus Bielefelder Sicht muss somit die Rettung gelingen – verbunden hoffentlich mit einem Schritt in Richtung mehr Einkaufsvergnügen, mit mehr emotionalen Erlebnissen beim Shoppen statt nur dem ganz praktischen und nüchternen Kauf.

Karstadt gibt es seit fast sechs Jahrzehnten in Bielefeld. Das mehrstöckige Gebäude in der City hat eine Verkaufsfläche von 30.920 Quadratmetern. Nächste Woche könnte es eine Entscheidung geben. Es gibt weißen Rauch – jetzt fehlt nur noch die offizielle Nachricht.

Zum Bericht: Hoffnung für Karstadt in Bielefeld.

Kommentare

Ulrich B.  schrieb: 12.07.2020 20:29
Ein Blick in Nachbarkommunen kann hilfreich sein
Ein Blick nach Minden macht deutlich, dass Kaufhäuser durchaus rentabel sein können.
Es handelt sich um die Firma Hagemeyer. Dort hat man es geschafft, den Kunden ein attraktives Einkaufserlebnis zu vermitteln. Der Kundenzuspruch ist enorm und widerlegt, dass sich das Geschäftsmodell "Warenhaus" überlebt hat. Hagemeyer wäre in Bielefeld ein voller Erfolg und ein wohltuender Kontrast zum Loom. Denn dort weiß man als Mittdreißiger nicht mehr, was man kaufen soll. Für mich ausnahmslos etwas fürsehr junge Leute und somit ein absoluter Flop. Das Geld haben nämlich die anderen.
Dexter  schrieb: 11.07.2020 08:19
Seit 1964. Nicht seit 64 Jahren.
Trotzdem guter Kommentar.
Ich hatte mich auch schon mit Schaudern gefragt, was aus dem riesigen Komplex werden soll, wenn nicht eine Ruine: unten auf einem Bruchteil der Verkaufsfläche ein Ramsch-Outlet, bis auch das wieder verschwindet und der Kotten leersteht. Kennt man aus Herford, Hamm, ...
Als wenn, obwohl 1a-Lage, daraus jemand etwas Besonderes zaubern könnte... Wem will man es denn alles recht machen? Nicht zu bombastisch, nicht zu klein, kein Konsumtempel, aber trotzdem mit Anziehungskraft? Funktioniert nicht.
2 Kommentare
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