Karstadt-Rettung in Bielefeld am Freitag um 9.30 Uhr mitgeteilt – Jubel bei Mitarbeitern – Filiale wurde kurz geschlossen
„Das ist die schönste Nachricht, die es geben konnte“

Bielefeld (WB). Es ist kurz vor 9 Uhr, als Karstadt-Chefin Elenore Jennes ihr Büro verlässt, um den ersten Termin wahrzunehmen. Auf dem Gang in der 4. Etage kommt ihr der CFO der Warenhaus-Gruppe Galeria Karstadt-Kaufhof, Miguel Müllenbach, entgegen. Er ist aus Essen angereist, um den Mitarbeitern direkt vor Ort die freudige Nachricht persönlich zu übermitteln.

Samstag, 18.07.2020, 06:00 Uhr
Riesenfreude in Bielefeld: Karstadt ist gerettet. Entsprechend hervorragend ist die Stimmung bei den Mitarbeitern und der Unternehmensspitze um Filialgeschäftsführerin Elenore Jennes und dem Betriebsratsvorsitzenden Hans-Walter Zimmer. Foto: Thomas F. Starke
Riesenfreude in Bielefeld: Karstadt ist gerettet. Entsprechend hervorragend ist die Stimmung bei den Mitarbeitern und der Unternehmensspitze um Filialgeschäftsführerin Elenore Jennes und dem Betriebsratsvorsitzenden Hans-Walter Zimmer. Foto: Thomas F. Starke

„Was wollen Sie denn hier?“, fragt ihn Elenore Jennes. Ihre Verwunderung ist groß in diesem Moment – und die von der Zentrale perfekt organisierte Überraschung des Besuchs aus Essen wahrlich gelungen. Um kurz vor 9.30 Uhr wird das Warenhaus für etwa zehn Minuten geschlossen. Im Beisein des Bielefelder Betriebsratsvorsitzenden Hans-Walter Zimmer, des Verbund-Geschäftsführers Thomas Schlich und der Filialchefin Elenore Jennes überbringt Miguel Müllenbach die freudige Nachricht: „Karstadt ist gerettet!“

Freudentränen

Es bricht Riesenjubel unter den 50 anwesenden Mitarbeitern aus. Viele haben Freudentränen in den Augen. Die ganz jungen Mitarbeiter, aber auch die älteren, die zum Teil seit Jahrzehnten bei Karstadt arbeiten. „Das ist die schönste Nachricht, die es geben konnte“, sagt Auszubildende Rabea Fenn (21) dem WESTFALEN-BLATT. „Der große Kampf hat sich gelohnt. Wir sind überglücklich. Viele von uns werden am Wochenende etwas feiern“, ergänzt Thomas Weigmann (52), der seit mehr als 30 Jahren bei Karstadt beschäftigt ist. Die anderen etwa 100 Mitarbeiter werden von der Unternehmensspitze schriftlich informiert.

Entgegenkommen

Die Rettung des Warenhauses hat am Freitagvormittag in ganz Bielefeld und darüber hinaus für große Freude gesorgt: bei der Stadt, dem Handelsverband, bei Kunden und natürlich bei den Mitarbeitern und Freunden des traditionsreichen Warenhauses. In der Filiale blickte man hinter den Coronaschutzmasken nur in strahlende Gesichter der Karstadt-Mitarbeiter.

Die Rettung war aufgrund eines deutlichen Entgegenkommens des Vermieters möglich geworden. Bereits in den vergangenen Tagen hatte die Aachener Grundvermögen signalisiert, in den Gesprächen auf einem guten Weg zu sein. Ähnlich hatte sich zuletzt auch Baudezernent Gregor Moss geäußert.

Eine offizielle Bestätigung von Karstadt und eine Unterschrift unter dem neuen Mietvertrag gibt es zwar immer noch nicht, aber das ist nur noch Formsache.

Über Details des neuen Mietvertrages schwiegen die Verantwortlichen am Freitag beharrlich. Aber Fakt ist, dass die Miete am Standort solide erwirtschaftet werden kann. Das bestätigt Unternehmenssprecherin Sonja Nees und bedeutet: Die Miete ist am Umsatz orientiert. Etwaige Instandsetzungs- und Renovierungsarbeiten müsste der Karstadt-Konzern selbst vornehmen, er hat – branchenüblich – einen sogenannten Triple-Net-Mietvertrag, der dies vorsieht.

Kein Weiter so

Wie wichtig die Rettung für Bielefeld ist, sagt Jörg Beyer, Geschäftsführer des Handelsverbandes Ostwestfalen-Lippe. „Wenn Karstadt gegangen wäre, hätte das womöglich einen Leerstand in der Bahnhofstraße nicht nur für Wochen oder Monate, sondern für Jahre bedeuten können – mit allen Konsequenzen. „Auf Anhieb fällt mir niemand ein, der diese Fläche besetzt hätte.“

Karstadt, so Beyer, könne sich nun besinnen, aber auch die Stadt und der Handel insgesamt müssten dazu beitragen, dass Bielefeld insgesamt als Oberzentrum attraktiv bleibt. „Ein einfaches ‘Weiter so’ wird nicht genügen.“ Zumal, ergänzt Beyer, die Corona-Pandemie noch nicht ausgestanden sei. Aufenthaltsqualität sei ein Stichwort, die Digitalisierung ein anderes: Für den Handel sei es wichtig, sich auch digital darzustellen und auffindbar zu sein. „Junge Leute informieren sich online, suchen gezielt Marken und wollen dann Treffer haben.“

Stimmen zur Karstadt-Rettung

Ralf Nettelstroth , Ratsmitglied und CDU-Oberbürgermeisterkandidat: „Wir sind erleichtert. Ein großes Problem ist damit zumindest vorerst gelöst worden. Jedoch nur vorerst, wir müssen hier weiterhin dranbleiben. Ein Leerstand in so zentraler Lage der Innenstadt hätte nicht nur optische Folgen gehabt, sondern auch das Kaufverhalten ... maßgeblich beeinflussen können, worunter der gesamte Einzelhandel gelitten hätte. Ein großer Dank für diese glimpfliche Entwicklung gilt insbesondere der CDU-NRW-Ministerin für Kommunales, Ina Scharrenbach, sowie dem CDU-Baudezernenten Gregor Moss, die mit der Karstadt-Konzernleitung eine Lösung finden konnten. Die Verhandlungen waren intensiv und langwierig, umso besser ist das Ergebnis. Beruhigend ist die Nachricht insbesondere für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ... um ihre Existenz fürchten mussten.“

Wirtschaftsdezernent Gregor Moss : „Wir freuen uns mit den Beschäftigten des Karstadt-Hauses über die gute Nachricht, dass es hier und an fünf weiteren Standorten in Deutschland weitergehen soll. Die Stadt Bielefeld bedankt sich bei allen Vertragspartnern für deren Bereitschaft, den Standort erhalten und fortführen zu wollen... In den vergangenen Wochen sind bei uns zahlreiche Unterstützungsangebote eingegangen. Sie alle dokumentieren, wie viele Bürgerinnen und Bürger aus Bielefeld und der Umgebung sich mit dem Karstadt-Haus identifizieren.“

Ursula Jacob-Reisinger , Dienstleistungsgewerkschaft Verdi: „Super! Ich habe, ehrlich gesagt, auch Hoffnung gehabt. An der Schließungsabsicht festzuhalten, wäre auch nur schwer nachvollziehbar gewesen, nachdem der Vermieter Gesprächsbereitschaft signalisiert hatte.“

Frederik Suchla , SPD-Vorsitzender Bielefeld Mitte: „Ich freue mich sehr für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter... Ein Leerstand in der Größenordnung und der Lage wäre eine mittelschwere Katastrophe gewesen. Nun bleibt abzuwarten, wie lange der Burgfrieden hält; der Sanierungsstau und die angeschlagene Situation von Karstadt sind damit ja noch nicht vom Tisch. Besonders beeindruckt hat mich das Engagement einzelner, die zum Beispiel mit Petitionen eine Schließung verhindern wollten. Der Einzelhandel hat insbesondere dann eine Zukunft, wenn wir alle unser Kaufverhalten überdenken. Nicht jedes Teil muss man im Internet kaufen, Bielefeld ist reich an tollen Geschäften.“

 

Strahlende Gesichter hinter der Maske: die Karstadt-Mitarbeiter Rabea Fenn und Thomas Weigmann freuen sich über die Rettung.

Strahlende Gesichter hinter der Maske: die Karstadt-Mitarbeiter Rabea Fenn und Thomas Weigmann freuen sich über die Rettung. Foto: Thomas F. Starke

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