Schaustellerfamilie Scorziello trotzt Corona mit Straßenverkauf
Jahrmarkt-Flair an der Hauptstraße in Brackwede

Bielefeld (WB). Es sind schlechte Zeiten für Jahrmarkt-Fans. Corona-bedingt fallen Stadtfeste und Traditionskirmes wie Schweinemarkt und Stiftsmarkt aus. Auf traditionelles Zuckerwerk muss jedoch nicht verzichtet werden. Auf dem Taxbäume-Platz in Brackwede hat die Schausteller-Familie Scorziello ihren Kirmeswagen aufgebaut und verkauft alles, was das Herz begehrt – von Zuckerwatte, Lebkuchenherzen, Schokofrüchten bis hin zu Liebesäpfeln und natürlich gebrannten Mandeln – an sieben Tagen in der Woche von 11 bis 20 Uhr.

Sonntag, 19.07.2020, 17:00 Uhr aktualisiert: 20.07.2020, 08:22 Uhr
Daheim bleiben ist nichts für die Julia Scorziello, Inge Schweinefuß-Scorziello und Pasquale Scorziello (von links). Seit vier Generationen verkauft die Familie Liebesäpfel, Zuckerwatte und Co. auf Jahrmärkten. In Corona-Zeiten trotzen sie dem Lockdown an der Hauptstraße. Foto: Kerstin Sewöster
Daheim bleiben ist nichts für die Julia Scorziello, Inge Schweinefuß-Scorziello und Pasquale Scorziello (von links). Seit vier Generationen verkauft die Familie Liebesäpfel, Zuckerwatte und Co. auf Jahrmärkten. In Corona-Zeiten trotzen sie dem Lockdown an der Hauptstraße. Foto: Kerstin Sewöster

Dass sie nun endlich wieder in dem kunterbunten Verkaufswagen stehen kann, lässt Inge Schweinefuß-Scorziello trotz der schweren Zeiten lächeln. „Normalerweise haben wir mehr als 30 Veranstaltungen, in diesem Jahr waren es gerade mal zwei“, erzählt sie. Tochter Julia, die mit ihrer Schwester Lara die Familientradition fortsetzt und die vierte Schausteller-Generation stellt, feierte in diesem Jahr zum ersten Mal in ihrem Leben das Osterfest zuhause, weil die ganze Familie sonst bei der Kirmes auf der Radrennbahn schafft. „Ich habe meinen Freund erst einmal gefragt, was man Ostern eigentlich macht“, erzählt sie mit einem Augenzwinkern.

„Wir haben sehr viel Unterstützung erfahren“

Die kirmesfreie Zeit nutzt die 45-Jährige für ein neues Betätigungsfeld. „Ich bin jetzt auch Influencerin und werbe in den sozialen Medien für unseren Stand“, lacht sie. Der Erfolg stellte sich prompt ein. „Eine Stammkundin aus Wolfhagen bei Kassel kam gleich mit einer Kühltasche, weil sie unsere Schokofrüchte so gerne isst“, erzählt Julia Scorziello. Und auch andere schätzen das süße Angebot.

„Eine Kundin kommt jeden Tag vorbei und holt sich ein kleines Tütchen Erdbeeren“, erzählt Inge Schweinefuß-Scorziello. Die Idee, mit ihren Wagen Bielefeld zu verlassen, um vielleicht in einem Bundesland mit lockereren Corona-Regeln zu verkaufen, kam ihr nie. „Das hier ist meine Familie“, sagt sie und weist mit einer weiten Armbewegung die Hauptstraße entlang.

Gleich zu Beginn der Virus-Krise sei ihr der Gedanke gekommen, einen der beiden Wagen in Eigenregie in Brackwede aufzustellen. Ein erster Antrag wurde von der Stadt Bielefeld noch abgelehnt, weil Inge Schweinefuß-Scorziello den Wagen quer zur Hauptstraße stellen wollte. Man einigte sich schließlich auf den Platz an der Gastwirtschaft Vier Taxbäume, direkt gegenüber der Eisediele. „Wir haben sehr viel Unterstützung erfahren“, betont die Schaustellerin und hebt besonders Karl-Uwe Eggert von der Werbe- und Interessengemeinschaft hervor und den Brackweder Politiker Vincenzo Copertin0 hervor. Letzter sei sogar persönlich mit Zollstock zum Nachmessen gekommen.

Große Hoffnungen auf den Bielefelder Weihnachtsmarkt

Dass sie nun zumindest ein kleines Gefühl von Normalität leben kann, macht Inge Schweinefuß-Scorziello froh, auch wenn die Existenzängste trotz der einmaligen Soforthilfe von 9000 Euro geblieben sind. „Wir haben den Drang rauszugehen. Zu Hause ist man eingesperrt“, erzählt die Brackwederin, die mit 67 Jahren eigentlich schon an die Rente denken darf. Ihr Motto lautet: „Lieber weniger verdienen als gar nichts“. Und laufende Kosten wie Berufsgenossenschaft und Versicherung müssen weiter gezahlt werden.

Vor allem aber wollen Inge Schweinefuß-Scorziello und ihr Mann Pasquale der nächsten Generation einen gut laufenden Betrieb übergeben. Die Töchter Julia (45) und Lara (32) sind längst im Boot beziehungsweise im Kirmesstand und haben das Marktleben zu ihrem Lebensmotto gemacht. „Am meisten habe ich die leuchtenden Kinderaugen vermisst“, sagt Julia Scorziello.

Die Familie setzt ihre Hoffnungen jetzt auf den Weihnachtsmarkt im Bielefelder Zentrum. Dort verkaufen sie ihr Zuckerwerk natürlich nicht im Kirmeswagen, sondern in der Weihnachts-Holzbude. Bis dahin kommen Naschkatzen an der Hauptstraße auf ihre Kosten – bis zum 31. August ist der Verkauf genehmigt. „Ich hoffe, dass wir bis zum 31. Oktober verlängern können“, meint Inge Schweinefuß-Scorziello.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7500148?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
„Zuversicht und Vorsicht“
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
Nachrichten-Ticker