Wie eine zweite Corona-Welle in Bielefeld verhindert werden soll
Covid und die Detektive

Bielefeld (WB). Manchmal dauert die Nachverfolgung eines Kontakts einen halben Tag. Manchmal auch länger. Die Verlobungsfeier, der Fall Tönnies oder zuletzt die zwei betroffenen Kitas haben zum Ausnahmezustand geführt. Gibt es einen Hotspot, arbeiten die städtischen Mitarbeiter meist bis nachts. Unterstützung bekommen sie von vier „Containment-Scouts“ vom Robert-Koch-Institut (RKI). Um eine zweite Corona-Welle in Bielefeld zu verhindern, sollen sie jeden Fall akribisch nachverfolgen.

Donnerstag, 23.07.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 23.07.2020, 06:46 Uhr
Jessica Treek (23) arbeitet im Gesundheitsamt als „Containment-Scout“. Ihre Aufgabe: Infektionsketten nachverfolgen. Foto: Thomas F. Starke
Jessica Treek (23) arbeitet im Gesundheitsamt als „Containment-Scout“. Ihre Aufgabe: Infektionsketten nachverfolgen. Foto: Thomas F. Starke

Ort der Improvisation

Außenstelle des Gesundheitsamts. Dritte Etage, Marktstraße. Blick in improvisierte Büros. Auf den angeklebten, handbeschriebenen Zetteln an den Türen stehen die Namen derer, die täglich darum kämpfen, die Pandemie in Bielefeld in Grenzen zu halten. In jedem Zimmer befindet sich ein Schreibtisch, ein PC, ein Telefon – das war’s. Es ist ein Ort der Improvisation mit gelben Wänden. Hier sollten eigentlich städtische Mitarbeiter die Volkszählung im nächsten Jahr vorbereiten. Die Herausforderung ist seit März eine andere und lautet Covid.

Aufgrund von Corona arbeiten hier auch Jessica Treek (23) und Lilli Wagner (23). Beide würden jetzt eigentlich studieren. Lilli Wagner in Lettland (Medizin) und Jessica Treek an der Uni Bielefeld (Politik und Geschichte). Wegen Covid haben sie das Studium unterbrochen – und sind jetzt Detektive, dem Virus auf der Spur.

„Guten Tag, mein Name ist Jessica Treek. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Test positiv war. Da sie infiziert sind, müssen Sie und alle, die in Ihrem Haushalt leben, sich in eine 14-tägige Quarantäne begeben...“ Und weiter: „Nein, Sie dürfen nicht mit dem Hund Gassi gehen, Sie dürfen nicht Einkaufen, und Sie dürfen auch nicht die Mülltonne an die Straße stellen. Bleiben Sie bitte zu Hause. Sonst drohen Ihnen rechtliche Folgen.“

Wie ein Puzzle

40 solcher oder ähnlicher Telefonate führt die 23-Jährige täglich. Die Gesundheitsämter werden von den Ärzten über positive Testergebnisse informiert. Und dann geht die Arbeit los. Allerdings ist der Fall eines positiven Tests vergleichsweise noch einfach. Schwerer wird es, die Kontaktpersonen aufzuspüren. Mit wem hatten Sie zuletzt zu tun? Wie lange? 15 Minuten in einem geschlossenen Raum? Haben Sie einen Mund-Nase-Schutz getragen? Wo arbeiten Sie? Gab es private Kontakte? Treffen mit Nachbarn, Freunde?

Es ist wie ein Puzzle, das sich am Ende zusammenfügen muss. Wie Privatdetektive kreisen die „Corona-Mitarbeiter“ jeden Fall ein und informieren alle Kontaktpersonen. „Das können manchmal zwei sein oder auch 200“, sagt Jessica Treek. Der Name des oder der Infizierten darf nicht genannt werden. Datenschutz. Wer telefonisch nicht erreicht werden kann, wird von den Containment-Scouts persönlich aufgesucht. Ein Mitarbeiter des Ordnungsamts ist dann meist gleich mit dabei. „Im Fall Tönnies haben wir bei einem Mitarbeiter aus Bielefeld einmal um 23 Uhr an der Haustür geklingelt“, sagt Lilli Wagner. Sprachbarrieren müssen ebenso manchmal überwunden werden – unter Umständen mit Hilfe von Dolmetschern. Zu den Nachverfolgungen hinzu kommen täglich noch weitere 200 E-Mails mit den ganz unterschiedlichsten Fragen der Menschen rund um Covid & Co.

20 Mitarbeiter gesucht

Zeitweise waren beim Gesundheitsamt mehr als 60 Menschen mit der Nachverfolgung befasst, aktuell sind es etwas weniger. Ein zusammengewürfeltes Team. Darunter Mitarbeiter aus der Bibliothek, dem Umweltamt oder auch Beschäftigte aus mancher Kita, die zur Risikogruppe zählen und deshalb ihrem normalen Beruf nicht nachgehen wollen oder können. Hinzu kommen die jungen Menschen wie Jessica Treek, die das RKI eingestellt hatte. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Das Personal wechselt ständig, weil der Betrieb in der Verwaltung nach und nach weiter hochgefahren wird und die Mitarbeiter dort wieder gebraucht werden. Da auch am Wochenende gearbeitet werden muss oder manchmal eben auch nachts, sucht die Stadt 20 weitere Mitarbeiter für die Detektivarbeit. Denn: Aktuell ist das Team des Gesundheitsamts an zwei Standorten massiv damit beschäftigt, die Situation der Urlaubsrückkehrer aus Risikogebieten zu managen. Und der nächste Hotspot wird in Bielefeld kommen.

11.000 Bewerber

Die Nachfrage, als „Containment-Scout“ zu arbeiten, ist riesig. Von den bundesweit 11.000 Bewerbungen hat das RKI knapp 400 meist junge Menschen eingestellt, vier davon in Bielefeld. Gesucht wurden zumeist Studenten für sechs Monate. Einstellungskriterium: Belastbarkeit und Stresstoleranz. Monatsgehalt: 2325 Euro brutto. Soviel verdienten die studentischen Hilfskräfte, die die Stadt mit Zeitvertrag einstellt, allerdings nicht.

Trotzdem eint alle nur ein Ziel: Eine zweite Welle darf es nicht geben. Ende des Gesprächs. Jessica Treek und Lilli Wagner müssen wieder ans Telefon.

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