Vom 1. September an kümmern sich in NRW Spezialkommissariate um Kindesmissbrauch
„Missbrauch ist wie Mord”

Bielefeld (WB). In NRW werden Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs vom 1. September an nicht mehr in den 47 Kreispolizeibehörden bearbeitet, sondern ausschließlich von den 16 sogenannten Kriminalhauptstellen.

Montag, 17.08.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 17.08.2020, 05:04 Uhr
Im Polizeipräsidium Bielefeld gibt es ein Vernehmungszimmer für Kinder. Bild und Ton werden in diesen Nebenraum übertragen und von anderen Polizisten verfolgt. Das Archivbild zeigt Hauptkommissarin Sonja Hubacher, die im Fall Lügde viele Opfer befragt hat. Foto: Althoff
Im Polizeipräsidium Bielefeld gibt es ein Vernehmungszimmer für Kinder. Bild und Ton werden in diesen Nebenraum übertragen und von anderen Polizisten verfolgt. Das Archivbild zeigt Hauptkommissarin Sonja Hubacher, die im Fall Lügde viele Opfer befragt hat. Foto: Althoff

Für Ostwestfalen-Lippe bedeutet das, dass für Missbrauchsermittlungen in den Kreisen Minden-Lübbecke, Herford, Lippe, Gütersloh, Paderborn und Höxter sowie in der Stadt Bielefeld nur noch das Polizeipräsidium Bielefeld zuständig ist – wie das bisher auch schon für Tötungsdelikte vorgeschrieben ist.

„Für mich ist Kindesmissbrauch wie Mord”, sagt NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) . Denn Missbrauch beende oft das Leben von Kindern – nicht körperlich, aber seelisch. Im vergangenen Jahr wurden in NRW 2805 Verfahren eingeleitet, 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Und in Sachen „Kinderpornographie” betrug die Zunahme 67 Prozent.

Deshalb setzt das nordrhein-westfälische Innenministerium den 2019 eingeschlagenen Kurs, diese Ermittlungen zu einem Schwerpunkt der Polizeiarbeit zu machen, mit der Neuorganisation der Zuständigkeiten fort. Reul hatte die Notwendigkeit nach dem Missbrauchsfall Lügde erkannt, der für den jahrelangen, hundertfachen Missbrauch von mehr als 30 Kindern steht, aber auch für Pannen bei Polizei und Jugendämtern.

Sexualdelikte gegen Erwachsene werden weiter in den Kreispolizeibehörden bearbeitet

Sexualdelikte gegen Erwachsene werden weiter in den Kreispolizeibehörden bearbeitet, ebenso Fälle rund um den Besitz und die Verbreitung sogenannter Kinderpornographie. Diese Missbrauchsfotos hatten vor dem Fall Lügde oft nicht im Fokus der Polizei gestanden. Landesweit stapelten sich in Behörden mehrere hundert Durchsuchungsbeschlüsse gegen Verdächtige, die nicht vollstreckt wurden. So konnte sich in Bad Oeynhausen ein Physiotherapeut noch an einer kleinen Patientin vergehen, obwohl die Polizei seit Monaten einen Durchsuchungsbeschluss wegen Kinderpornographie besaß.

Inzwischen hat die Polizei auch in diesem Deliktsbereich aufgerüstet: Das Landeskriminalamt (LKA) unterstützt die 47 Kreispolizeibehörden bei der Auswertung der gewaltigen Datenmengen, die bei Verdächtigen auf Computern, Handys, Tablets und Speichermedien sichergestellt werden. Markus Niesczery, Sprecher im Innenministerium: „Wenn eine Polizeibehörde im Land eine Festplatte sichergestellt hat, wird die kopiert. Das Original bleibt als Beweisstück vor Ort, und die Kopie wird ans Landeskriminalamt geschickt.” Dort filtern Experten mit Computerprogrammen alte Kinderpornofotos, die der Polizei bereits aus anderen Verfahren bekannt sind, heraus. Die neuen, bisher unbekannten Bilder und Videos, werden zurück an die Kreispolizeibehörde geschickt, die die Ermittlungen gegen ihren Verdächtigen weiterführt.

Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen

Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen Foto: Federico Gambarini/dpa

Schon Ende 2018 hatte das LKA 20 zusätzliche Mitarbeiter in der Zentralen Auswertungs- und Sammelstelle Kinderpornographie (ZASt KiPo) eingestellt, um der wachsenden Zahl hunderttausender sichergestellter Fotos und Videos einigermaßen Herr zu werden. Außerdem können alle Kreispolizeibehörden nun auf technische Berater zurückgreifen, die als Bindeglied zum LKA fungieren und zum Beispiel dabei helfen, verschlüsselte Dateien zu öffnen und Datenbeweise zu sichern.

Psychische Belastung für die Mitarbeiter

Weil die psychische Belastung für die Mitarbeiter, die sich die Vergewaltigung von Babys und andere Verbrechen ansehen müssen, enorm ist, wurden außerdem beim Landespersonalamt der Polizei zwei Supervisoren eingestellt, an die sich Betroffene wenden können – wenn sie es denn überhaupt länger aushalten. So wurden im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach im Juni drei Datenauswerter krankgeschrieben, weil sie das Ansehen der Videos nicht mehr ertrugen.

„Insgesamt hat die nordrhein-westfälische Polizei ihr Personal in Sachen Kindesmissbrauch und Kinderpornographie seit 2019 vervierfacht”, sagt Ministeriumssprecher Niesczery. Die Kräfte wurden aus anderen Kommissariaten abgezogen, aber diese Priorisierung im Interesse der Kinder ist gewollt.

In Bielefeld soll zum 1. September das Kriminalkommissariat 12 für die Missbrauchsermittlungen in Ostwestfalen-Lippe zuständig sein. Zu Einzelheiten will sich das Polizeipräsidium nicht äußern. Unbestätigten Informationen zufolge soll das KK 12 etwa 20 Mitarbeiter haben. Zehn Stellen sollen nur für Kindesmissbrauchsverfahren vorgesehen sein, die übrigen für sogenannte Kinderpornographie, Sexualstraftaten gegen Erwachsene und das Landesprogramm KURS (Konzeption zum Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern). Mit diesem Programm behält die Kripo bestimmte Täter, die ihre Strafe verbüßt haben, auf dem Schirm. So kontrollierten Polizisten im Februar den PC eines einschlägig vorbestraften Detmolders und fanden erneut Kinderpornos – der Mann kam in U-Haft.

Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen

Im Moment, so ist aus dem Bielefelder Polizeipräsidium zu hören, soll es noch Schwierigkeiten geben, alle Stellen im Kriminalkommissariat 12 zu besetzen. Ministeriumssprecher Markus Niesczery: „Es ist verständlich, dass da niemand Schlange steht. Vor allem für Kollegen, die kleine Kinder haben, ist es oft nicht möglich, so eine Aufgabe zu übernehmen.” Wohl die wenigsten Beamten seien in der Lage, das mitzubringen, was diese schwierige Arbeit erfordere.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7537449?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
Für Uwe Neuhaus wird es eng
Arminia-Trainer Uwe Neuhaus ist seit Dezember 2018 im Amt.
Nachrichten-Ticker