Birgit Kahle lässt ihre Mutter aus der Perspektive einer Sechsjährigen ihre Flucht 1944 erzählen
Ein deutsches Schicksal

Bielefeld (WB). „So millionenfach das Leid, so zahlreich sind auch die Blickwinkel auf Krieg und Flucht“, schreibt Birgit Kahle (59) im Nachwort zu ihrer dokumentarischen Erzählung „Schau nicht hin, schau nur geradeaus“. Sie lässt darin ihre Großmutter Elisabeth und ihre Mutter Gerlinde erzählen – angefangen im Jahr 1944 in einem kleinen Dorf in Vorpommern.

Donnerstag, 27.08.2020, 13:46 Uhr aktualisiert: 27.08.2020, 15:12 Uhr
Birgit Kahle hat in einer dokumentarischen Erzählung die Geschichte der Flucht von Mutter und Großmutter 1944 geschildert. Das Buch mit dem Titel „Schau nicht hin, schau nur geradeaus“ ist ab sofort im Buchhandel zu haben. Foto: Thomas F. Starke
Birgit Kahle hat in einer dokumentarischen Erzählung die Geschichte der Flucht von Mutter und Großmutter 1944 geschildert. Das Buch mit dem Titel „Schau nicht hin, schau nur geradeaus“ ist ab sofort im Buchhandel zu haben. Foto: Thomas F. Starke

Ihre Quellen: das Tagebuch der Großmutter und mehr als 50 Stunden Tonaufzeichnungen, in denen ihre Mutter Gerlinde, 1944 sechs Jahre alt, erzählt. Birgit Kahle, die in Bielefeld und Berlin lebt: „Ihr Schicksal steht für das von Millionen anderen, die den Krieg erlebt haben.“

Und die selten bis nie darüber geredet haben. Denn das ist Birgit Kahles zweites Thema: die Sprachlosigkeit, die, wie sie sagt, „Zwangsnormalität im Wirtschaftswunder“, die Traumata, die sich entwickelt und auch an die Kinder der Kriegskinder in vielen Fällen weiter gegeben worden seien.

Familie flieht über die vereiste Oder

Birgit Kahle, lange in der Unternehmens-Kommunikation tätig: „Das alles hat die deutsche Gesellschaft geprägt.“ Sie selbst empfinde die Familiengeschichte als Belastung, vor allem aber als Auftrag: „Die Erfahrungen aus beiden Weltkriegen hat uns Deutschen auch die Kraft gegeben, sich faschistischen Tendenzen entgegen zu stemmen.“ Das werde überall in der Welt anerkannt, in Deutschland selbst aber nicht so gesehen.

Therapeutin und Autorin Ingrid Meyer-Legrand, die selbst ein Buch über „Die Kraft der Kriegsenkel“ geschrieben hat, sagt im Vorwort von Birgit Kahles Buch: „Unsere Identität schlummert nicht einfach in uns, sie ist das Ergebnis von Resonanzen, von Schwingungen, die von Generation zu Generation übertragen werden.“ Birgit Kahle sagt, ihr sei vor allem auch wichtig, wertfrei und ohne Schuldzuweisungen über das Schicksal ihrer Familie zu schreiben.

Gelungen ist ihr eine berührende und spannende Geschichte, die ansetzt, als das Leben noch beinah in Ordnung ist. Vater Bernhard ist als Soldat in Frankreich, die Brüder gehen zur Schule wie immer, die kleine Gerlinde spielt mit ihrer Puppe und mit ihrer besten Freundin. Von den Sorgen der Mutter, Elisabeth, spürt sie nichts. In der Nacht des Heiligabend 1944 flieht die Familie über die vereiste Oder, ohne jemandem Bescheid zu sagen.

Vier Monate sind Elisabeth und ihre drei Kinder mit einem Treck Richtung Westen unterwegs, bis die Kapitulation kommt. Die Familie ist in Bitterfeld angekommen und entschließt sich, zurückzukehren. Sie wird schon nicht so schlimm sein, die Rote Armee. Und außerdem: Wie soll Vater Bernhard sie denn finden, wenn sie nicht zu Hause sind? Die Rückkehr in den Oderbruch wird zu einer Reise in den Hunger, die Gewalt, den Verlust der Heimat. Denn ihr Dorf bleibt unerreichbar.

Für die Mutter war der Verlust der Heimat das Schlimmste

Gerlinde erzählt aus der Perspektive eines Kindes, von dem verlangt wird, einfach zu funktionieren, das zu tun, was ihm gesagt wird. Für ihre Mutter, so Birgit Kahle, sei heute noch der Verlust der Heimat das Schlimmste: „Weil es für sie einfach so schön war, dort aufzuwachsen.“

Vater Bernhard findet seine Familie, er hat die Zusage, als Lehrer in Schleswig-Holstein arbeiten zu dürfen und so machen sich alle erneut auf den Weg in den Westen.

Die Männer kommen in der Erzählung eher als Randfiguren vor, sind nicht die, die handeln, die Verantwortung übernehmen. Birgit Kahle: „Ich beschreibe das Schicksal der Frauen, ihre große Überlebensarbeit.“ Der Titel des Buches ist ein Zitat aus einem, wie Birgit Kahle sagt, „Durchhalte- und Verdrängungsschlager“ von Marika Rökk aus dem Jahr 1944: „Ein Hohn.“

Sie wünscht sich, dass ihr Buch Menschen lesen, „die überlebt haben und darin ihren eigenen Schmerz wiederfinden“, aber auch junge Menschen, denen sie helfen möchte zu verstehen, warum die Eltern und Großeltern „so sind wie sie sind“. Die Namen im Buch sind die echten, denn, so Birgit Kahle,: „Ich habe keinen Grund für Verfremdungen gesehen.“

Das Buch „Schau nicht hin, schau nur geradeaus“ ist seit Wochenbeginn im Buchhandel erhältlich (Editiondia, 16 Euro)

Kommentare

Frank B. aus D.  schrieb: 27.08.2020 19:50
Bitte nie wieder Krieg
Dass die alten Leute nicht viel vom Krieg erzählt haben, dürfte daran gelegen haben, dass man sie nicht danach gefragt hat. Meine Oma konnte noch von beiden Weltkriegen berichten. Aber sie tat es eben nur, wenn ich sie danach befragte. Mir ist nur aufgefallen, dass meine Großeltern dann nicht den Faschismus thematisierten, sondern den Krieg. Sie litten unter den Folgen des Krieges. Unter anderem, weil sie viele Freunde und Bekannte verloren hatten. Heute ärgern sich viele Leute, dass sie die Alten sterben ließen, ohne sie vorher sorgfältig ausgefragt zu haben. Und irgendwann werden alle früheren Erfahrungen wieder vergessen sein, und ein neuer Weltkrieg in seinen Startlöchern stehen.
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