Glücksspielsucht in Corona-Zeiten – 500.000 Bürger betroffen
Student verzockt 8000 Euro in einer Nacht

Bielefeld (WB). Rund eine halbe Million Menschen pflegen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zufolge hierzulande einen problematischen bis krankhaften Umgang mit Glücksspiel. Ihnen wurde mit Beginn des Corona-Lockdowns Mitte März von jetzt auf gleich der Boden unter den Füßen weggezogen: Alle Wettbüros und Spielhallen mussten zumachen.

Dienstag, 01.09.2020, 04:00 Uhr
Würfel, Karten, Spielmarken – Utensilien des Glücksspiel zeigt dieses Foto. Für manche Glücksspielsüchtige war Corona zunächst ein Segen, weil die Spielotheken schlossen. Viele andere fallen umso tiefer – und verzocken online Geld, das sie nicht haben. Foto: dpa
Würfel, Karten, Spielmarken – Utensilien des Glücksspiel zeigt dieses Foto. Für manche Glücksspielsüchtige war Corona zunächst ein Segen, weil die Spielotheken schlossen. Viele andere fallen umso tiefer – und verzocken online Geld, das sie nicht haben. Foto: dpa

„Für die einen war es ein Segen, weil der soziale Bezugspunkt weggebrochen ist und sie gemerkt haben: Eigentlich brauche ich das gar nicht. Viele andere aber wussten nichts mehr mit sich anzufangen. Sie sind auf die Online-Casinos ausgewichen“, so die Leiterin der NRW-Koordinierungsstelle Glücksspielsucht, Ilona Füchtenschnieder. Es gebe einen bestimmten Typ Spieler, der die Spielhalle als sein zweites Wohnzimmer betrachte, sich dort aufgehoben fühle, sagt ihr Kollege Arne Rüger: „Nicht jeder findet einen Reiz an Online-Casinos.“ Eine Spielerin berichtete, die Zeit des Lockdowns als Befreiung empfunden zu haben, weil sie ohne inneren Kampf an den Spielhallen vorbeigehen konnte.

Viele andere, die Hilfe bei Beraterin Verena Küpperbusch suchen, klagen dagegen, nun noch unkon­trollierter zu spielen als zuvor. Der Gang in die Spielhalle oder das Wettbüro sei noch mit Aufwand verbunden gewesen und es habe eine Art Kontrolle gegeben. Die Online-Casinos hingegen sind jederzeit über das Smartphone zugänglich. „Viele sagen mir: Jetzt bin ich total verloren.“

Online-Casinos boomen

Zahlreiche Sportfans, die sonst auf den Ausgang von Spielen getippt haben, sind ebenfalls zu den Online-Casinos abgewandert. Denn der Sportwettenmarkt ist an reale Wettkämpfe gekoppelt, und die wurden weltweit abgesagt. Zwar entdeckten einige Spieler virtuelle Hunderennen oder Partien der Fußball-Liga in Belarus für sich, viele andere aber tauchten mit nur wenigen Klicks in die Welt von Black Jack und blinkenden Spielautomat-Simulationen ab. Besonders die Menschen, die spielten, um eine Leere in ihrem Innern zu füllen und gegen Einsamkeit ankämpften, hätten in den vergangenen Monaten gelitten, sagt Kathrin Wanninger, die bei der Landesstelle in Prävention und Beratung tätig ist: „Es wurden relativ schnell hohe Summen verspielt.“

300 Euro auf dem Konto, 8000 Euro verzockt

Weil das Geldausgeben mit abstrakten Zahlen auf einem Bildschirm funktioniert, und weil viele Finanzdienstleister wie Paypal es möglich machen, mit Geld zu spielen, das der Spieler gar nicht besitzt. „Neulich rief ein Student an, der hatte in einer Nacht 8000 Euro verzockt, aber nur 300 Euro auf dem Konto“, erzählt Füchtenschnieder. Die Einzahlung von Guthaben wird in der Regel in Echtzeit ausgeführt, die Auszahlung dauert viele Stunden. Wartezeit, in der sich viele Spieler verleiten lassen und ihren Gewinn erneut einsetzen. Darauf spekulieren die Anbieter, sind sich die Suchtberater sicher. Sollen Willkommensboni ausgezahlt werden, müssen sie um ein Vielfaches potenziert werden.

Häufig sind es die Angehörigen, die Hilfe suchen. „Glücksspielsüchtige sind im Gegensatz zu Alkoholikern nicht auf der Straße zu erkennen. Man sieht ihnen nicht an, dass sie alles verloren haben. Aber es ist die Sucht mit der höchsten Suizidrate“, sagt Beraterin Küpperbusch.

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