Krankenhaus sieht sich mit Verdacht konfrontiert, dass Arzt ein Serienvergewaltiger ist
Patientinnen missbraucht: „Große Beweislast“

Bielefeld (WB). Das Statement von Dr. Matthias Ernst vor der Presse war kurz, nicht einmal 90 Sekunden lang. Aber die Worte des Krankenhausgeschäftsführers hatten es in sich, und sie gipfelten in dem Satz: „Die offensichtlich große Beweislast macht uns alle fassungslos.“

Donnerstag, 24.09.2020, 04:30 Uhr
Fragen waren nicht erlaubt, weil die Ermittlungen der Polizei nicht gefährdet werden sollten: Krankenhaus-Geschäftsführer Dr. Matthias Ernst gab am Mittwoch vor dem Krankenhaus ein kurzes Statement zu der mutmaßlichen Serien-Vergewaltigung von Patientinnen ab. Foto: Bernhard Pierel
Fragen waren nicht erlaubt, weil die Ermittlungen der Polizei nicht gefährdet werden sollten: Krankenhaus-Geschäftsführer Dr. Matthias Ernst gab am Mittwoch vor dem Krankenhaus ein kurzes Statement zu der mutmaßlichen Serien-Vergewaltigung von Patientinnen ab. Foto: Bernhard Pierel

Am Dienstag hatten die Ermittlungsbehörden das Evangelische Krankenhaus Bethel darüber informiert, dass gegen einen seiner früheren Assistenzärzte Haftbefehl erlassen worden war – weil der Neurologe in dem Bielefelder Krankenhaus Patientinnen betäubt und vergewaltigt haben soll. In diesem Gespräch erfuhr die Geschäftsführung auch, dass es Videos gibt, die den Arzt während der Taten zeigen sollen.

Kurz zuvor war Mitarbeitern des Kriminalkommissariats 25 im Bielefelder Polizeipräsidium der Durchbruch gelungen. Seit langer Zeit schon beschäftigten sich die IT-Experten mit Datenträgern, die Polizisten im April bei einer Wohnungsdurchsuchung bei dem Arzt sichergestellt hatten. Doch die Auswertung war schwierig, weil viele Dateien gut verschlüsselt waren. Zum Schluss waren die Experten doch noch erfolgreich, und sie konnten erste Videos öffnen, die den Neurologen schwer belasten. Noch längst sind nicht alle Dateien entschlüsselt, aber die jetzt vorliegenden Bilder reichten, um die Haftrichterin am Dienstag zu überzeugen, den Arzt hinter Gitter zu schicken.

Ursprünglich Ermittlungen wegen Körperverletzung

Im Polizeipräsidium sei man selbst von der Wendung des Falls überrascht gewesen, ist zu hören. Denn ursprünglich habe man nur wegen Körperverletzung gegen den Arzt ermittelt. Er soll Frauen, die vor der Untersuchung im MRT ruhiggestellt werden sollten, nicht die dafür vorgesehenen Medikamente gegeben haben, sondern möglicherweise stärkere Betäubungsmittel. Eine vergessene Packung soll im Frühjahr den Verdacht gegen den Arzt aufgebracht haben, und eine Patientin hatte den Mann angezeigt. Jedoch unterstellte offenbar zunächst niemand sexuelle Motive. Der Arzt wurde freigestellt und kündigte wenig später. Er soll danach noch keine neue Stelle als Mediziner gefunden haben.

„Die Kollegen, die ihn kannten, hatten damit gerechnet, dass das Ermittlungsverfahren gegen ihn eingestellt würde. Jetzt sind sie wie vor den Kopf geschlagen. Niemand hätte ihm so etwas zugetraut“, sagte eine Krankenhausmitarbeiterin.

Hilfe für Opfer

Unterstellt, der Arzt ist wirklich ein Serienvergewaltiger – wie konnte das im Krankenhaus so lange unbemerkt bleiben? „Zum einen muss über die Medikamente, die er benutzt haben soll, nicht Buch geführt werden“, sagt Unternehmenssprecherin Sandra Gruß. Und zum anderen habe der Arzt offensichtlich gegen Leitlinien verstoßen, die genau solche Taten verhindern sollen: „Es gibt die Vorschrift, dass sich niemand alleine bei einem betäubten Patienten aufhalten soll. Die hat er wohl missachtet.“

Krankenhausgeschäftsführer Dr. Matthias Ernst sagte, er bedauere, dass es jetzt zwangsläufig bei einigen Patientinnen zu großen Ängsten und Verunsicherungen komme. „Wir werden alles tun, um Opfern zu helfen und in ihrem Sinne zu einer schnellen Aufklärung beizutragen.“ Die Nachricht von den Vergewaltigungsvorwürfen sei am Dienstag „wie eine Schockwelle“ durchs Haus gelaufen.

Polizeisprecherin Sonja Rehmert sagte, Frauen, die möglicherweise befürchteten, ebenfalls Opfer geworden zu sein, könnten sich an die Bielefelder Polizei wenden. „Sie bekommen dann nach Prüfung einen Rückruf von der Ermittlungskommission.“

Die Kommission „Medicus“, die von Hauptkommissarin Jutta Horstkötter geleitet wird, kann nicht auf die Kooperation des Beschuldigten setzen, denn der schweigt auf Anraten seines Verteidigers Dr. Carsten Ernst.

Im Schlaf vergewaltigt?

Zur Zahl der mutmaßlichen Opfer können die Ermittlungsbehörden noch keine Angaben machen. Für den Haftbefehl reichten drei Taten aus, die dem Arzt angeblich problemlos nachzuweisen sein sollen. Dabei geht es um zwei Patientinnen, die von ihm im Juli und September 2019 vergewaltigt worden sein sollen – eine der Frauen zwei Mal. Von den Taten soll es Videos geben, die der Neurologe gemacht haben soll.

Doch die Zahl der Opfer ist möglicherweise höher. Nach unbestätigten Informationen dieser Zeitung soll die Kripo bei einer Durchsuchung Dokumente mit Dutzende Namen von Frauen entdeckt haben. Dazu wollten sich am Mittwoch weder Polizei noch Staatsanwaltschaft äußern.

Deshalb werden die Polizisten in den kommenden Wochen versuchen, mögliche Opfer anhand von Klinikunterlagen und sichergestellten Videodateien und Schriftstücken zu identifizieren. Es wird eine große Herausforderung sein, ahnungslose Frauen möglichst schonend zu informieren, dass sie möglicherweise im Schlaf vergewaltigt wurden.

Über den Neurologen ist bisher nur wenig öffentlich bekannt. Er soll in Heidelberg geboren sein und lebte bis zu seiner Festnahme in der Bielefelder Innenstadt in einer Männer-WG, wo er auch festgenommen wurde. Die Mitbewohner wurden von der Polizei überprüft und haben von dem mutmaßlichen Taten des Arztes nichts geahnt. Sie seien geschockt gewesen, als sie von den Vorwürfen erfahren hätten, heißt es. Der hiesigen Polizei war der Arzt bisher nur wegen kleinerer Drogendelikte aufgefallen.

Die SPD-Landtagsfraktion hat die Landesregierung gebeten, in der Sitzung des Gesundheitsausschusses am 30. September über den Sachstand zu berichten.

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