Beschuldigter nimmt sich das Leben – Kripo ermittelt vorerst weiter
Patientinnen missbraucht: Erster Verdacht schon 2016

Bielefeld (WB). Der Neurologe, der im Evangelischen Krankenhaus Bethel Patientinnen betäubt und vergewaltigt haben soll, ist tot. Beamte der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede fanden den 32-Jährigen am Donnerstag gegen 6.10 Uhr leblos in seiner Zelle. Er soll mehrere Abschiedsbriefe hinterlassen haben. Die Kripo Bielefeld untersucht des Todesfall. Nach einer ersten Einschätzung hat sich der Arzt erstickt.

Freitag, 25.09.2020, 03:40 Uhr aktualisiert: 25.09.2020, 11:02 Uhr
Luftansicht des Evangelischen Krankenhaus Bethel. Hier war der Beschuldigte beschäftigt. Foto: Thomas F. Starke
Luftansicht des Evangelischen Krankenhaus Bethel. Hier war der Beschuldigte beschäftigt. Foto: Thomas F. Starke

Der Beschuldigte war erst seit Dienstag im Gefängnis. JVA-Leiter Uwe Nelle-Cornelsen sagte, es habe keinen Anlass gegeben, den Untersuchungshäftling engmaschig zu überwachen. „Alle, die bei uns Kontakt zu ihm hatten, empfanden ihn als selbstbewusst und nach vorne gewandt. Es gab nicht den kleinsten Hinweis auf Suizid-Gedanken.“ Dagegen sagte Rechtsanwalt Dr. Carsten Ernst, für ihn sei es unverständlich, dass jemand, der unter einem so ungeheuren Verdacht stehe wie sein Mandant, nicht häufiger in der Zelle kontrolliert werde.

Tagebuch gefunden und entschlüsselt

Mit dem Tod eines Beschuldigten wird das Verfahren gegen ihn eingestellt. Allerdings kann es in manchen Kriminalfällen Umstände geben, die die Kripo zum Weiterermitteln veranlassen, um noch relevante Fragen zu klären. Auch im vorliegenden Fall wird die Ermittlungskommission „Medicus“ die Akte nicht sofort schließen. Wie weit sie mit ihren Ermittlungen nach dem Tod des Beschuldigten noch gehen wird, ist allerdings noch nicht zwischen Staatsanwaltschaft und Polizei besprochen. Denn es gäbe noch viel zu klären: IT-Experten der Bielefelder Polizei sollen eine Art Tagebuch des Arztes entschlüsselt haben, in dem es Aufzeichnungen über die mutmaßlichen Verbrechen geben soll. Ist es sinnvoll, die dort genannten mutmaßlichen Opfer aufzusuchen und sie mit dem Verdacht zu konfrontieren?

Selbst für Fachleute ist diese Frage nicht eindeutig zu beantworten. Rechtsanwältin Anja Brauckmann aus Paderborn, die viele Opfer von Sexualstraftaten vertreten hat: „Man muss sich gut überlegen, ob man einer ahnungslosen Frau offenbart, dass sie möglicherweise vergewaltigt wurde. Sinnvoller erscheint mir, dass sich Patientinnen, die vielleicht ein vages Gefühl haben, dass im Krankenhaus etwas war, direkt an die Kripo wenden. So können sie Klarheit bekommen, wenn sie das denn wollen.“

Am Donnerstag sickerte durch, dass der Mediziner nicht zum ersten Mal unter dem Verdacht stand, sich an Patientinnen vergangen zu haben. „Wir haben 2016 ein Ermittlungsverfahren gegen ihn geführt, das eingestellt wurde“, bestätigte Oberstaatsanwalt Axel Stahl von der Staatsanwaltschaft Krefeld.

Patientin erhebt Vorwürfe

2016 war der Mann noch Medizinstudent und absolvierte sein praktisches Jahr in einem Krankenhaus in Kempen im Rheinland. Im August 2016 informierte der dortige Chefarzt die Polizei, weil eine Patientin schwere Vorwürfe gegen den Medizinstudenten erhoben hatte. Die Frau gab an, er habe ihr mit einer Spritze eine Flüssigkeit in den Venenzugang gespritzt. Sie sei dann weggetreten, habe aber gespürt, dass sie am ganzen Körper angefasst worden sei. Und sie habe das Gefühl gehabt, ein Geschlechtsteil auf ihrem Gesicht zu spüren. Die Staatsanwaltschaft veranlasste eine entsprechende DNA-Untersuchung der Gesichtshaut, und tatsächlich wurde DNA des Beschuldigten entdeckt. Allerdings konnte die auch durch bloßes Anfassen dort hingekommen sein. Später nahm die Frau ihre Aussage aus ungeklärten Gründen zurück und sagte, vielleicht habe sie auch nur geträumt. „Das Verfahren wurde dann wegen mangelnden Tatverdachts im Oktober 2017 eingestellt“, sagte Oberstaatsanwalt Stahl. Der Arzt konnte daraufhin in Bielefeld seine neue Arbeitsstelle mit weißer Weste antreten.

Sven Wolf, der justizpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, sagte, auch nach der Einstellung des Verfahrens müsse die Betreuung der bekannten und bereits informierten Opfer weitergehen. Zum Tod des Untersuchungshäftlings erklärte er, es sei immer tragisch, wenn sich jemand in der Obhut des Staates das Leben nehme, aber das könne nicht immer verhindert werden. „NRW wird demnächst einen Pilotversuch starten, bei dem Häftlinge permanent mit Kameras überwacht werden, die über künstliche Intelligenz verfügen. Erst wenn ein Häftling Bewegungen macht, die auf einen Suizid schließen lassen, wird ein Bild an die Vollzugsbeamten übertragen.“

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7600837?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
Komiker Karl Dall im Alter von 79 Jahren gestorben
Karl Dall ist tot.
Nachrichten-Ticker