Vergewaltigungsskandal: Weitere Frauen melden sich bei der Kripo – Ein Opfer aus der Klinik Bethel erzählt
„Ich wurde im Krankenhaus zwei Mal betäubt und vergewaltigt“

Bielefeld (WB). Nach Bekanntwerden der Vergewaltigungsvorwürfe gegen einen früheren Neurologen des Evangelischen Klinikums Bethel haben sich weitere Patientinnen bei der Ermittlungskommission „Medicus“ gemeldet. Nach Informationen dieser Zeitung sollen es bis Dienstag etwa zehn Frauen gewesen sein.

Mittwoch, 30.09.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 30.09.2020, 09:06 Uhr
Das Klinikum Bethel. Foto: Bernhard Pierel
Das Klinikum Bethel. Foto: Bernhard Pierel

Ob diese Frauen konkrete Vorwürfe gegen den Arzt erheben oder nur wissen möchten, ob die Polizei ihren Namen in seinen Unterlagen gefunden hat, wollten Staatsanwaltschaft und Polizei nicht sagen. Auch zur Zahl der bisher bekannten mutmaßlichen Opfer schweigen die Ermittler weiter. Wie berichtet, hatte sich der Arzt in der vergangenen Woche kurz nach seiner Inhaftierung in der Zelle das Leben genommen . Er war wegen drei Vergewaltigungen an zwei Frauen in Untersuchungshaft gekommen – Taten, die die Polizei durch entschlüsselte Videos nachweisen konnte . Die Auswertung weiterer Daten dauert noch an.

Juristin kritisiert Klinikum

Bekannt wurde am Dienstag, dass die Videos Vergewaltigungen von Patientinnen ohne Kondom zeigen sollen. Deshalb sollten die mit der Obduktion beauftragten Rechtsmediziner beauftragt worden sein, Untersuchungen im Hinblick auf HIV, Hepatitis und andere Krankheiten zu veranlassen.

Dass der mutmaßliche Serienvergewaltiger aufgeflogen war, ist auf die Anzeige einer heute 36 Jahre alten Patientin zurückzuführen. „Sie hat ihn gestoppt“, sagte ihre Anwältin Stefanie Höke aus Verl. Die Juristin kritisierte das Klinikum, das die Angaben ihrer Mandantin und mindestens einer weiteren Patientin nicht ernstgenommen habe. „Es hat auch sehr lange gedauert, bis wir endlich die vollständige Patientenakte bekommen haben“, sagte Stefanie Höke. Für die Angaben der Klinik, dass man die Frau auf das Betäubungsmittel Propofol untersucht habe, habe sie in der Akte keinen Beleg gefunden. Ihrer Mandantin gehe es nicht um Schmerzensgeld, sondern um eine Aufarbeitung. „Und die fehlt.“

Betroffene ist weit weggezogen

Die Frau, um die es in dieser Geschichte geht, lebt nicht mehr in Ostwestfalen. Sie ist mit ihren Kindern fortgezogen, weit weg. „Die Vorstellung, meine Kinder oder ich könnten irgendwann mal einen Unfall haben und die Sanitäter würden uns ins Evangelische Krankenhaus Bethel bringen, war für mich einfach unerträglich.“

Seit der vergangenen Woche weiß die 36-Jährige, dass sie 2019 im Krankenhaus Bethel von einen Neurologen betäubt und vergewaltigt wurde. Am 28. Juli und am 2. September. Die Ermittlungskommission „Medicus“ hat Videos entschlüsselt, die die Taten zeigen. „Ich habe das ja lange befürchtet“, sagt die Frau. „Aber etwas zu ahnen und die Wahrheit zu kennen – das ist noch mal was ganz anderes. Ich kann nicht mehr schlafen und habe Albträume. Tagsüber versuche ich, an etwas anderes zu denken, aber das funktioniert nicht. Wenn meine Tochter mir was aus der Schule erzählt, kann ich mich nicht darauf konzentrieren.“

Propofol im Bett gefunden

Die Mutter zweier Kinder war in großer Sorge, als sie im Juli 2019 in der Neurologie aufgenommen wurde. „In meinem Gehirn war etwas Verdächtiges, vielleicht ein Tumor. Das sollte geklärt werden.“ Sie habe alleine in ihrem Zimmer gelegen, als der Neurologe Philipp G. gegen 0.15 Uhr hereingekommen sei und sie geweckt habe. „Ich habe mich riesig erschrocken. Er meinte, er müsse mir einen Zugang legen.“ Der Mann sei sehr nervös gewesen und habe drei Versuche gebraucht. Von da an wisse sie nichts mehr.

Im Krankenhaus machte der Vater der Patientin dieses Foto von der Propofol-Flasche, die im Bett der Frau lag.

Im Krankenhaus machte der Vater der Patientin dieses Foto von der Propofol-Flasche, die im Bett der Frau lag. Foto: Christian Althoff

„Ich bin gegen 4 Uhr wach geworden und fühlte mich elendig. Ich hatte Gliederschmerzen und Schüttelfrost.“ Sie habe geklingelt, und eine Schwester habe ihr Decken gebracht. „Um 10 Uhr kam mein Vater zu Besuch. Ich wollte mich aufsetzen und spürte einen Druck im Rücken.“ Die Frau griff unter sich und fand eine Flasche Propofol in ihrem Bett – ein Narkosemittel, das gespritzt oder per Infusion gegeben wird und in Sekunden wirkt.

Vater macht ein Foto

„Mein Vater hat sofort ein Foto gemacht, und wir haben eine Schwester gerufen. Ich habe ihr gesagt, dass ich mich hundeelend fühle und dieses Mittel in meinem Bett lag. Die Schwester nahm die Flasche. Sie schien erschrocken und hat noch mal gefragt, ob die wirklich in meinem Bett war.“

Bis heute ist nicht bekannt, was aus der Flasche geworden ist und wer damals im Krankenhaus informiert wurde. Die Patientin fragte damals nicht mehr nach. „Du liegst da als Mutter mit Verdacht auf einen Tumor und hast zwei Kinder zu Hause – da hast du andere Dinge im Kopf.“

Die zweite Vergewaltigung geschah nach Ermittlungen der EK „Medicus“ fünf Wochen später, als die Frau erneut untersucht werden sollte. „Diesmal lag ich mit einer Patientin in einem Zweibettzimmer. Der Arzt kam gegen 22.15 herein und sagte, er müsse uns Zugänge legen. wir brauchten Flüssigkeit.“ Sofort nach dem Anschließen der Infusion habe sich der Kleiderschrank gedreht. „Ich habe noch gefragt: Was haben Sie mir da gegeben? Dann war ich auch schon weg.“

Bettnachbarin betäubt

Auch die Bettnachbarin wurde betäubt, davon geht die Polizei aus. „Am nächsten Morgen waren wir wie gerädert. Meine Bettnachbarin hatte Kopfschmerzen und Schüttelfrost, und wir hatten beide nur noch eingeschränkte Erinnerungen. Ich habe ihr dann von dem Propofol-Fund im Juli erzählt. Sie war vom Fach und kannte das Mittel. Da wussten wir beide: Hier stimmt was nicht!“

Sie hätten eine Schwester gerufen, die gesagt habe, das müsse sofort der Oberarzt erfahren. „Der kam dann zu uns und war echt geschockt. Er hat sich das Propofol-Foto angesehen und meinte, nachts Zugänge zu legen entspreche nicht dem Klinikablauf. Er würde mit dem Chefarzt sprechen.“ Vielleicht 30 Minuten später sei der Oberarzt wiedergekommen – mit dem Neurologen Philipp G. „Das war ein Schlag für uns. Den Mann wollten wir eigentlich nie wiedersehen.“ Der Oberarzt sei wie verwandelt gewesen. „Die beiden nahmen uns nicht ernst. Sie hatten keine Antworten auf unsere Fragen und suchten Ausflüchte. Als meine Bettnachbarin sagte, ich sei ja schließlich bewusstlos geworden, bezweifelte einer der beiden ihre Beobachtung und sagte, sie sei um die Uhrzeit doch bestimmt schon sehr müde gewesen.“ Die Bewusstlosigkeit der Patientin wurde in ihrer Akte später als „Verdacht auf Kreislaufreaktion“ nach der Gabe von Kochsalzlösung vermerkt.

Als Opfer nicht ernstgenommen

Die Frau sagt, dass sie als Opfer nicht ernstgenommen worden sei, sei für sie eine der verletzendsten Erfahrungen ihres Lebens gewesen. „Ich habe mich noch am selben Tag aus dem Krankenhaus entlassen. Ich wusste ja, dass ich da nicht mehr sicher war.“ Einen Tag später ging sie zur Polizei. „Der Kriminalbeamte in Bielefeld hat mir geglaubt. Der hat mich sofort ernstgenommen, da fühlte ich mich verstanden.“

Ihre Behandlung setzte die heute 36-Jährige – sie hatte offenbar einen nicht entdeckten Schlaganfall – in einem Paderborner Krankenhaus fort. „Die waren verständnisvoll. Sie haben meine Erlebnisse nicht bezweifelt und dafür gesorgt, dass ich nur von Ärztinnen untersucht wurde.“

Nachdem die Polizei im April 2020 die Wohnung von Philipp G. durchsucht hatte, erfuhr die Frau von der Kripo, dass ihr Verdacht offenbar richtig gewesen war. Die codierten Vergewaltigungsvideos hatten Polizisten da aber noch nicht entschlüsselt, davon erfuhr das Opfer erst jetzt. „Ich hatte nach einer der Taten eine kleine Verletzung am Mund. Ich weiß jetzt, warum.“ Die Videos ansehen wird sich die 36-Jährige auf Anraten ihrer Anwältin Stefanie Höke aber nicht. „Es ist schlimm genug, zu wissen, dass es diese Filme gibt.“

Suche nach Therapieplatz

Bis heute, sagt die Frau, habe sich Bethel nicht bei ihr gemeldet. „Das verstehe ich nicht. Ich bin ja nicht in irgendeiner Bahnhofsgasse vergewaltigt worden, sondern von deren Arzt auf deren Station. Wenn die die Propofol-Geschichte ernstgenommen hätten – wer weiß, was dann alles nicht passiert wäre?“ Ihr habe sich der Magen umgedreht, als der Krankenhausgeschäftsführer vergangene Woche im Fernsehen gesagt habe, man werde alles für die Opfer tun.

Dass sich der Arzt in der U-Haft das Leben genommen hat, findet die 36-Jährige feige. „Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass er vor Gericht gekommen wäre.“

Frauennotruf

Der Frauennotruf Bielefeld e.V. bietet Opfern Hilfe unter 0521/124248, persönlich und im Internet unter www.frauennotruf-bielefeld.de

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Die Frau sucht jetzt mit Hilfe ihrer Anwältin einen Therapieplatz, um halbwegs in ihr Leben zurückzufinden. „Meine Familie und mein Freund sind mir eine riesige Stütze. Aber natürlich gibt es auch Dinge, die man nicht mit einem Angehörigen besprechen kann.“ Ihrer zwölfjährigen Tochter habe sie im Groben erzählt, was passiert sei. „Bevor sie es von anderen erfährt.“ Für sie als Mutter sei es sehr schlimm, dass das Mädchen jetzt mit der Gewissheit aufwachse, nicht mehr jedem Arzt trauen zu können.

- Wenn Sie vertrauliche Informationen zu dem Fall geben möchten, erreichen Sie den Autor unter Tel. 0171/2114074 oder c.althoff@westfalen-blatt.de.

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