„Wegen Corona ist jeder Tag ein Kraftakt“, sagt der Chef der Gesamtschule Schildesche
Funktioniert Schule noch?

Bielefeld (WB). Die Herbstferien stehen vor der Tür. Die ersten neun Wochen mit einem regulären Schulbetrieb unter Corona-Bedingungen liegen hinter Bielefelds Schülern, Lehrern und Eltern. Zeit für ein Zwischenfazit: Funktioniert Schule eigentlich noch? Ein Besuch in Bielefelds größter weiterführender Schule, der Martin-Niemöller-Gesamtschule (1500 Schüler, 160 Lehrer), zeigt: Es ist ein Balanceakt zwischen Normalität und Ausnahmezustand.

Donnerstag, 08.10.2020, 06:12 Uhr aktualisiert: 08.10.2020, 10:15 Uhr
Frederik Suchla ist kommissarischer Leiter der Gesamtschule Schildesche. Foto: Bernhard Pierel
Frederik Suchla ist kommissarischer Leiter der Gesamtschule Schildesche. Foto: Bernhard Pierel

Akute Fälle und Atteste

Frederik Suchla (40) ist kommissarischer Leiter der Schule. „Wegen Corona ist jeder Tag ein Kraftakt“, sagt er.  Noch gut erinnert er sich an den Freitag, an dem bekannt wurde, dass nach einer Familienfeier auch zwei seiner Schüler in der Q1, der Jahrgangsstufe 12, infiziert waren. „Der komplette Jahrgang musste in Quarantäne geschickt werden“, erzählt er. Dazu zehn Kolleginnen und Kollegen, die dann auch in anderen Klassen ersetzt werden mussten. Alle sind erst einmal 14 Tage „raus“. „Da hieß es Namenslisten für das Gesundheitsamt zusammenstellen und den Stundenplan umbauen.“

In Spitzenzeiten war fast ein Drittel des Kollegiums „nicht an Bord“. Dann musste das Angebot, etwa nachmittags, zurückgefahren werden. „Das kann man nicht mehr auffangen.“ Neben Langzeitkranken gibt es auch Lehrerinnen und Lehrer, die ein Attest vorgelegt haben, keinen Präsenzunterricht geben müssen. „Das heißt nicht, dass sie keinen Unterricht geben müssen“, erläutert Suchla. Aber der läuft dann auf Distanz, online eben.

Smartphone reicht nicht

Und das ist eine der nächsten Baustellen in Corona-Zeiten. Die Stadt setzt auf „Microsoft Teams“ als Standardprogramm für Gruppenchats im Netz. „Aber in vielen Familien fehlt es an Laptops oder Tablets, um Teams richtig einsetzen zu können“, sagt Suchla. Die Stadt will 10.000 passende Tablets für Kinder aus einkommensschwachen Familien anschaffen. „Wir haben eine Umfrage gemacht. Allein bei uns haben 1000 Schülerinnen und Schüler kein eigenes geeignetes Endgerät“, berichtet der kommissarische Schulleiter. Ein Smartphone habe fast jeder. „Aber darüber funktioniert keine Distanzunterricht.”

Kann unter solchen Voraussetzungen überhaupt noch der Lehrplan erfüllt werden? Problematisch sei es vor allem bei den jüngeren Kindern, sagt Suchla. Beim Distanzunterricht bliebe einiges auf der Strecke. „Da fehlt die direkte Ansprache“, so Suchla. Viele Eltern seien sehr bemüht, sorgten sich darum, dass die Kinder genug lernten. Bei den älteren Schülern klappe es besser: „Die können sich selbst organisieren.“

Präsenz statt Distanz

Pfeile und Markierungslinien ziehen sich durch das gesamte, in die Jahre gekommene Schulgebäude. Auf den Toiletten gilt es eine „Einbahnregelung“, damit sich Begegnungen in Grenzen halten. Auch beim Mensaessen musste umorganisiert werden, um die nötige Distanz halten zu können.

Corona hat auch erhebliche Ausstattungsmängel deutlich gemacht. So fehlen in den Klassen Handwaschbecken. Die Schule hat sich zunächst selbst beholfen, Hygienespender mit Desinfektionsmitteln in den Gängen aufgestellt.

Aber es gibt in Corona-Zeiten auch kleine Lichtblicke. Die Schülerinnen und Schüler fürchteten nichts mehr als eine erneute komplette Schließung der Schule. „Auch die, die vielleicht gern mal eine Stunde blau machen, haben erkannt, wie wichtig für sie die Schule ist“, sagt Frederik Suchla. Schule lebt eben doch von Präsenz und nicht von Distanz.

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