Über die Rolle des Bielefelder Konzerns bei der Nahrungsmittelsicherung für das Heer
Oetkers Repräsentanz im Berlin der Nazis

Bielefeld/Berlin (WB). Dass sich das Buch einer Historikerin im Untertitel selbst als „Wirtschaftskrimi“ bezeichnet, ist zumindest nicht alltäglich. Inhaltlich handelt es sich um die Darstellung eines, modern ausgedrückt, Joint ventures namens „Gesellschaft für Nährwerterhaltung“ in den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Spannend wird es bei der Auflistung der Beteiligten Unternehmen Knorr, Tengelmann und, hier an erster Stelle, Dr. Oetker.

Dienstag, 20.10.2020, 04:01 Uhr aktualisiert: 20.10.2020, 04:10 Uhr
Soldaten stehen zum Essenfassen an: Titelbild von Daniela Rüthers „Fall Nährwert“. Foto:
Soldaten stehen zum Essenfassen an: Titelbild von Daniela Rüthers „Fall Nährwert“.

In der Studie geht es um die Organisation von Forschung und Beschaffung neuer, haltbar gemachter Nahrungsmittel für das Oberkommando des Heeres (OKH). Doch neben der Armeeführung spielen die SS, insbesondere die Waffen-SS, NSDAP-Funktionäre und andere Behörden eine wechselnde, zum Teil gefährliche Rolle. Da bedurfte es schon eines Netzwerkers wie Oetkers Prokuristen und Mann in Berlin, Hans Crampe, um zu bestehen.

Zur Einstellung eine Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“

Crampe, dem der damalige Oetker-Chef Richard Kaselowsky (1888-1944) im Jahr 1938 zur Einstellung Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“ mit persönlicher Widmung überreichte, hat sich auch als Gesellschafter der „Nährwert“, wie sie abgekürzt meist genannt wurde, stets in erster Linie als Cheflobbyist des Bielefelder Un­ternehmens verstanden. Dabei ging es ihm in der damaligen Gegenwart darum, dass das Oetker-Engagement auch Gewinn abwerfen sollte. Für die Zukunft lag Crampe daran, dem Bielefelder Konzern neue Chancen im Bereich getrockneter, eventuell pulverisierter und haltbar gemachter Nahrungsmittel zu eröffnen.

Im persönlichen Bereich gelang es dem Manager, den designierten Unternehmensnachfolger Rudolf August Oetker (1916-2007) davor zu bewahren, dass er an die Front geschickt wurde.

SS nutzt die Niederlage der Armee vor Stalingrad für sich aus

Anders als Kaselowsky, der früh Mitglied im sogenannten Freundeskreis Reichsführer SS wurde, war Crampe dem Oberkommando des Heeres verpflichtet. Dies änderte sich nach der Niederlage bei Stalingrad, die von der SS nicht der kämpfenden Truppe, sondern der schlechten Versorgung angelastet wurde. 1944 trat Crampe ganz in den Dienst der SS, floh aber wenig später aus Berlin zunächst nach Baden-Baden und dann nach Konstanz.

Dort blieb der Netzwerker im Machtgeflecht der Nazis auch nach Kriegsende. So entging er persönlich der Entnazifizierung und Bestrafung, die er wegen seiner Nähe zu den Machthabern in Berlin in der britischen oder amerikanischen Zone sonst kaum hätte vermeiden können.

An einer Rückkehr zum Oetker-Konzern war offenbar weder ihm noch der neuen Führung in Bielefeld gelegen.

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Daniela Rüther: Der „Fall Nährwert“, 229 Seiten, Wallstein-Verlag Göttingen, 24.90 Euro.

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