Interview: Der Bielefelder Krisenstabsleiter zur Corona-Situation
Herr Nürnberger, wie geht’s weiter?

Bielefeld (WB). Bielefeld und das Virus. Die Infektionszahlen steigen. Weitere Reiserückkehrer und auch der bevorstehende Schulbeginn nach den Herbstferien werden die Lage in der Stadt verschärfen. Und der Winter kommt erst noch. Wie geht’s weiter, Herr Nürnberger? Ein Interview mit dem Corona-Krisenstabsleiter.

Donnerstag, 22.10.2020, 06:12 Uhr aktualisiert: 22.10.2020, 06:46 Uhr
„Wenn die Verbreitung des Virus weiter so stark zunimmt, haben wir volle Arztpraxen und Kliniken.“ Foto: Bernhard Pierel
„Wenn die Verbreitung des Virus weiter so stark zunimmt, haben wir volle Arztpraxen und Kliniken.“ Foto: Bernhard Pierel

 

Was macht Ihnen derzeit am meisten Sorgen?

Ingo Nürnberger: Wir haben den zweiten Schwellenwert überschritten. Und aktuell steigen die Zahlen weiter. Auch im Krankenhaus liegen mittlerweile ein paar mehr Corona-Patienten, auch wenn die Kliniken das noch gut schultern können. Die steigenden Zahlen sind nicht gut und wir können alle zusammen was dafür tun, dass wir die Entwicklung gedämpft oder sogar gedreht bekommen. Aber wir sind, was die Ausbreitung angeht, doch noch deutlich von „Alarmstufe Rot“ oder einem Lockdown entfernt. Was mir auch Sorgen macht, ist die zunehmend aggressive Stimmung und die gesellschaftliche Spaltung rund um das Thema Corona. Wir müssen also weiter viel informieren und aufklären – in dem Wissen, dass wir den Leuten damit zum Teil auch auf den Geist gehen.

 

Und was freut Sie am meisten?

Nürnberger: Dass viele Menschen sich sehr vernünftig und verantwortungsvoll verhalten. Ich sehe das zum Beispiel, wenn ich durch die Innenstadt laufe. Schon am Montag trugen viele Masken. Und mich freut, dass wir – neben dem einen oder anderen nöckeligen Bürger – doch viel Anerkennung für unsere Arbeit bekommen. Im Gesundheitsamt, im Ordnungsamt, im Krisenstab. Das haben die Kolleginnen und Kollegen auch verdient. Ich habe sogar den Eindruck, dass man uns Fehler verzeiht.

 

Viele Menschen sagen, die Zahlen seien so hoch, weil so viel getestet wird. Stimmt das?

Nürnberger: Ja und nein. Wir testen mehr, dadurch kommen wir sicher an den einen oder anderen Fall mehr ran. Aber auch die Quote, also der Anteil an Infektionen an allen Tests, ist gestiegen. Es liegt also nicht am Testen allein. Und die Zahlen steigen ja nicht nur bei uns, sondern auch in allen unseren Nachbarländern.

 

Kritiker behaupten, die Politik würde nur Panik machen. Das Virus sei gar nicht so gefährlich. Um die Influenza würde nicht so ein Zirkus veranstaltet.

Nürnberger: Tatsächlich sollten Politiker gerade sehr auf ihre Wortwahl achten und keine Angstszenarien verbreiten. Angst lähmt. Aber: Die Ansteckungsgefahr ist höher als bei der normalen Grippe, und das Virus kann schreckliche Folgen haben, nicht nur, aber besonders bei gesundheitlich vorbelasteten Menschen. Es geht immer noch darum, eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern. Ich selbst eigne mich zum Glück nicht als Alarmsirene und ich vermeide bewusst Horrorszenarien, auch weil ich sie in Bielefeld und Deutschland nicht für besonders realistisch halte. Wir leiden ein bisschen unter unseren eigenen Erfolgen: Weil wir die Pandemie in Deutschland relativ gut eingedämmt haben und weil das Gesundheitswesen heute besser aufgestellt ist, zweifeln immer mehr Menschen daran, dass es wirklich eine Bedrohung gibt. Da holt uns der Blick auf die USA, auf Brasilien oder aktuell auch auf Polen zurück in die Realität.

 

Noch vor Wochen hatte Bielefeld sehr niedrige Zahlen im Vergleich zu anderen Städten. Was ist hier schief gelaufen?

Nürnberger: Wir haben immer noch niedrigere Zahlen als die meisten Großstädte. Ich glaube, wir waren alle nach dem guten Verlauf im Sommer sehr optimistisch, deshalb tut die harte Landung jetzt so weh. Die Experten haben für den Herbst und den Winter steigende Zahlen prognostiziert, aber auch ich bin überrascht davon, wie rasant die Entwicklung doch ist. Deshalb kommen wir mit dem „Nachtanken“ von Personal fürs Gesundheitsamt auch ein bisschen spät.

 

Wann erwarten Sie wieder sinkende Zahlen?

Nürnberger: Ich bin schon mal froh, wenn wir die Entwicklung dämpfen können. Wann wir sie gedreht bekommen – das weiß ich nicht.

 

Stichwort Sieben-Tage-Inzidenz: Wenn Infizierte aus der Statistik heraus fallen: Lässt sich hier schon seriös von sinkenden Zahlen sprechen?

Nürnberger: Nun ja, wir schauen uns halt jeden Tag immer die letzten sieben Tage an – und da fällt halt immer ein Tag weg, an dem es dann besonders viele oder auch besonders wenige Infektionen gewesen sein können, und ein neuer, der aktuellste Tag mit seinen Infektionszahlen kommt dazu. Die Sieben-Tages-Inzidenz hilft uns einerseits, die Entwicklung eng und kurzfristig zu kontrollieren. Aber eben auch, die mittelfristige Entwicklung zu beurteilen. Und die ist eben nicht gut – vor vier Wochen lag die Inzidenz bei 10, jetzt liegt sie bei über 60. Das heißt, wir haben zurzeit pro Woche sechsmal so viele Infektionen wie vor einem Monat.

 

Bewerten wir das Virusgeschehen richtig?

Nürnberger: Wer ist wir?

 

Wir in Deutschland. Und Sie in Bielefeld.

Nürnberger: Ich würde sagen: Die stark steigenden Infektionszahlen sind ein Warnsignal, die Sieben-Tages-Inzidenz ist ein gutes Vorwarnsystem. Wenn die Verbreitung des Virus weiterhin so zunimmt, haben wir wegen Corona im Dezember oder Januar sehr volle Arztpraxen und Kliniken und weniger Zeit und Ressourcen für andere Patientinnen und Patienten. Und beides ist nicht gut.

 

Können Sie die Kontaktnachverfolgung in Bielefeld noch länger im Griff behalten?

Nürnberger: Wir sollten, und wir arbeiten hart daran. In den nächsten Wochen kommen 40 Containment-Scouts dazu, die in der Kontaktnachverfolgung arbeiten werden. Momentan helfen zahlreiche Kollegen aus der Verwaltung im Gesundheitsamt mit, dazu kommen zehn Soldaten, und auch die Stammmannschaft aus dem Gesundheitsamt leistet einen Hammerjob. Wir sind leider nicht mehr immer tagesaktuell in der Kontaktnachverfolgung, und ob wir dort wieder hinkommen, hängt auch vom Infektionsgeschehen ab.

 

Was wird passieren, wenn das nicht mehr möglich ist?

Nürnberger: Darüber will ich nicht spekulieren. Insgesamt sehe ich das so, dass bei unseren Zahlen die Eindämmungsstrategie durch Kontaktnachverfolgung, die Verhängung von Quarantäne und die zügige Testung von Kontaktpersonen noch funktioniert und allen anderen Strategien vorzuziehen ist.

 

Was sind die anderen Strategien?

Nürnberger: Nun, entweder der Weg in den Lockdown oder die Herdenimmunität. Beides bringt viel zu hohe gesellschaftliche Kosten mit sich – der Lockdown ist wirtschaftlich und sozialpolitisch kaum auszuhalten und die Herdenimmunität bedeutet völlige Isolation von gefährdeten Personen und viel zu viele schwer erkrankte oder nicht zu rettende Patienten.

 

Waren Sie oder Ihr persönliches Umfeld bereits direkt vom Virus betroffen?

Nürnberger: Als Kontaktperson schon, mit Infizierungen noch nicht. Aber ich kenne natürlich mittlerweile Menschen, die infiziert waren. Zum Glück waren diese bislang ohne bleibende Schäden, was ja bei Corona durchaus möglich ist.

 

Wird es einen Lockdown geben müssen?

Nürnberger: Wie gesagt, darüber will ich nicht spekulieren. Wir können alle dazu beitragen, dass es nicht zu weiteren Einschränkungen kommen muss.

 

Wenn es keinen Lockdown geben soll: Welche zusätzlich verschärfenden Regeln kann es denn noch geben über die derzeitigen hinaus?

Nürnberger: Nun, mit der Maskenpflicht in Schulen hat die Landesregierung bereits schon eine Verschärfung angeordnet. Darüber hinaus könnte man die Maskenpflicht weiter ausdehnen, falls man das für zielführend hält – zum Beispiel auf Fitnessstudios. Oder noch härtere Kontaktverbote und Einschränkungen bei Versammlungen. Spekulieren bringt uns da nicht weiter, sondern wir sollten schlicht die jetzigen Regeln ernst nehmen, vorsichtig sein und Rücksicht aufeinander nehmen.

 

Was hätte grundsätzlich besser funktionieren müssen im Kampf gegen Corona?

Nürnberger: Ich finde, wir waren in Deutschland gut im Kampf gegen Corona – und wir in Bielefeld auch. Vielleicht hätten wir noch disziplinierter im Sommer sein müssen, was das Reisen angeht und das Verhalten im Urlaub.

 

Und was hat bisher richtig gut geklappt?

Nürnberger: Die meisten Menschen in Bielefeld verhalten sich vernünftig. Die Akzeptanz der Maßnahmen und Einschränkungen ist immer noch erstaunlich hoch. Zudem haben wir in der Stadt auch viel Solidarität erlebt, gerade in den Nachbarschaften und durch ehrenamtliche Initiativen. Aber auch in unserer Verwaltung, weil viele unserer städtischen Mitarbeiter seit Monaten versuchen, unter ungünstigen Umständen den Laden am Laufen zu halten. Und ich glaube, es hat sich gelohnt, dass wir als Stadt so transparent mit dem Thema umgehen und große Energie in Aufklärung und Information stecken. Ich finde auch, dass unsere lokalen Medien dabei richtig gute Arbeit leisten. Von ein paar allzu reißerischen Überschriften vielleicht abgesehen.

 

Wie tief hat Corona die sozialen Strukturen der Stadt und ihrer Menschen getroffen?

Nürnberger: Ganz genau wissen wir das noch nicht. Aber es ist relativ klar, wer besonders hart betroffen war und ist: Kinder und Jugendliche wegen der ganzen unsicheren Situation in den Kitas und Schulen. Jede Menge Eltern, gerade im Frühjahr. Viele ältere Menschen, die sich kaum mehr raustrauen und vereinsamen. Psychisch kranke Menschen, denen Corona besonders Angst einjagt. Und natürlich die Menschen, die in Wirtschaftsbereichen arbeiten, die von den Auswirkungen von Corona besonders betroffen sind: die Veranstaltungsbranche und die Gastronomie, um nur zwei zu nennen. Da sind Existenzen und Arbeitsplätze massiv bedroht oder schon den Bach runtergegangen. Was mich auch betroffen macht, ist der Einbruch bei den Ausbildungsstellen, den wir kurzfristig wohl auch nicht mehr aufholen werden. Wir werden als Sozialdezernat in einigen Monaten hoffentlich so weit sein, eine erste fundierte Einschätzung zu den sozialen Auswirkungen der Coronakrise in Bielefeld geben zu können. Und dann müssen wir mit unseren Partnern an der Lösung der Probleme arbeiten.

 

 

Wird sie getragen oder nicht: Wir haben den Zehn-Minuten-Maskenschnelltest gemacht.

 

Ein Kommentar zum Thema.

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