Weil immer ganze Klassen in Quarantäne kommen, gerät der Präsenzunterricht in Bielefeld in Gefahr
Suche nach einer Corona-Strategie

Bielefeld (WB). Trotz der vom NRW-Schulministerium angeordneten Maskenpflicht während des Unterrichts schauen Lehrer und Eltern in Bielefeld mit Sorge auf die Zeit nach dem Ferienende. Mit den steigenden Corona-Fallzahlen dürften Schüler und Lehrer immer häufiger die Zeit in Quarantäne verbringen. Das liegt auch an der Strategie des Gesundheitsamtes, wie mit Corona-Fällen an Schulen umgegangen wird.

Montag, 26.10.2020, 06:02 Uhr aktualisiert: 26.10.2020, 06:20 Uhr
Von Montag an gilt im Unterricht wieder die Maskenpflicht. Obwohl das Risiko einer Corona-Übertragung so minimiert werden soll, hält das Gesundheitsamt bislang an der Strategie fest, die gesamte Klasse in Quarantäne zu schicken, falls ein positiver Fall auftritt. Foto: dpa
Von Montag an gilt im Unterricht wieder die Maskenpflicht. Obwohl das Risiko einer Corona-Übertragung so minimiert werden soll, hält das Gesundheitsamt bislang an der Strategie fest, die gesamte Klasse in Quarantäne zu schicken, falls ein positiver Fall auftritt. Foto: dpa

Denn bislang ist es Praxis, immer gleich die ganze Klasse in die häusliche Isolation zu schicken, sobald ein Schüler positiv auf Covid-19 getestet wurde. Das wirkt sich besonders dort aus, wo Kinder und Jugendliche nicht nur im festen Klassenverband, sondern in Kursen mit wechselnder Besetzung unterrichtet werden, etwa in den Oberstufen oder den Differenzierungskursen der unteren Jahrgänge. Ein einzelner positiver Fall, der in die Schule getragen wird, bewirkt dann nicht selten die Quarantäne ganzer Jahrgangsstufen.

Zweites Mal in Quarantäne

So wurden nach den Corona-Fällen infolge einer Familienfeier an der Martin-Niemöller-Gesamtschule vor den Herbstferien der gesamte 12. Jahrgang, am Helmholtz-Gymnasium die komplette Jahrgangsstufe zehn für zwei Wochen nach Hause geschickt, zudem etliche weitere Klassen und Lehrer aus elf Bielefelder Schulen. Rund 800 Schüler und 150 Lehrer befanden sich in Quarantäne. Alleine an der Martin-Niemöller-Gesamtschule 106 Schüler und 23 Lehrer, wie der kommissarische Schulleiter Frederik Suchla berichtet. Einige Schüler des Helmholtz-Gymnasiums traf es jetzt besonders hart: Nach ihrer Quarantäne durften sie am letzten Tag vor den Ferien wieder in die Schule, besuchten Kurse am benachbarten Ceciliengymnasium, in denen auch ein infizierter Schüler saß, wie sich später herausstellte. Sie kamen auf Anordnung des Gesundheitsamtes innerhalb von vier Wochen zum zweiten Mal in die häusliche Isolation, ohne selbst infiziert worden zu sein.

Kein Vertrauen in Sitzpläne

Schulleiter wie Frederik Suchla oder Joachim Held vom Helmholtz-Gymnasium gehen davon aus, dass sich diese Fälle häufen, dass Schüler und Lehrer aufgrund der insgesamt steigenden Corona-Fallzahlen immer häufiger zum Distanzunterricht aus der Isolation heraus genötigt werden. „Wir dürfen uns aber nicht von einer Quarantäne zur nächsten hangeln“, sagt Joachim Held. Denn wenn Schüler und Lehrer zu Hause bleiben müssen, werde es schwierig, Klausurtermine einzuhalten. Präsenzunterricht sei auch wichtig, um „nicht diejenigen Schüler zu verlieren, die Unterstützung brauchen“. Frederik Suchla sieht auch die Lehrer an ihren Grenzen, wenn sie für einige Schüler Unterricht in der Schule, für andere parallel Distanzunterricht per digitaler Technik machen sollen.

Die Rektoren vermissen zudem eine schlüssige Strategie. Die Erfahrung der Gesundheitsämter zeigt: Im Unterricht findet so gut wie keine Virusübertragung statt, dennoch werden per se ganze Klassen in Quarantäne geschickt aus Sorge vor einer Übertragung innerhalb geschlossener Räume. Dass die Schulen Konzepte entwickelt haben, wonach zur besseren Rückverfolgung von möglichen Infektionswegen allen Schülern feste, durchnummerierte Plätze zugewiesen, Sitzpläne festgelegt werden, spielt beim Gesundheitsamt offenbar keine Rolle. „Nach diesen Plänen hatte das Amt zuletzt gar nicht mehr gefragt“, sagt Suchla. Es wird nicht konkret nachverfolgt, welcher Schüler oder Lehrer sich in unmittelbarer Nähe zum infizierten Schüler befunden hat; die Isolationsanordnung trifft statt dessen alle aus der Klasse.

Akzeptanzproblem droht

Frederik Suchla wünscht sich da eine andere Strategie, zumal er befürchtet, dass das Ziel des Schulministeriums, den Präsenzunterricht beizubehalten, nicht nur an steigenden Corona-Zahlen, sondern auch an diesen Quarantäneregeln scheitern könnte. „Dann wäre die Schule plötzlich leer, der Distanzunterricht würde wieder zum Regelfall.“ Auch Joachim Held wäre es lieber, dass bei der Quarantäne auf die „kleinste notwendige Gruppe“ zurückgegriffen würde. „Es wäre gut, wenn zielgenauer hingeschaut werden könnte“, sagt er. Und er vermutet: „Wenn ich jemanden zum dritten oder vierten Mal in die Quarantäne schicke, bekommt derjenige ein Akzeptanzproblem.“

Das könnte es aufgrund der sehr unterschiedlichen Handhabung in NRW ebenfalls geben: So mussten an Bielefelder Schulen Lehrer mit Wohnsitz in Bielefeld zwei Wochen in Quarantäne, ihre Kollegen, die in Herford leben, nicht, weil das Herforder Gesundheitsamt eine eigene Risikobewertung vornimmt. Frederik Suchla: „Die Herforder Kollegen waren nach einem negativen Test sofort wieder da“, die Bielefelder mussten die zweiwöchige Auszeit durchziehen.

Sowohl das Gesundheitsamt des Kreises Herford als auch das der Stadt Bielefeld berufen sich – trotz der unterschiedlichen Konsequenzen – auf Vorgaben des Robert-Koch-Instituts. Bielefelds Krisenstabsleiter Ingo Nürnberg räumt aber ein: „Wir sind da eher vorsichtig.“ Dabei gehe es auch um Haftungsfragen für den Fall falscher Entscheidungen und das Risiko, dass Betroffene vors Verwaltungsgericht ziehen. Er sei aber auch dafür, sagt Nürnberger, neue Erkenntnisse zu berücksichtigen und über Maßnahmen erneut zu diskutieren.

Kommentar von Peter Bollig

Für viele Schüler dürfte der Präsenzunterricht schon kurz nach Ferienende wieder vorbei sein, weil sich Mitschüler in den vergangenen Tagen mit Covid-19 infiziert haben und die ganze Klasse wieder in Quarantäne muss. Das bedeutet erneute Isolation: Sie werden wochenlang ans Haus gefesselt, dürfen keinen Besuch empfangen, nicht selten bedeutet das auch eine Zwangsarbeitspause für Eltern oder der Wechsel ins Homeoffice.

Wen das irgendwann zum dritten, vierten oder fünften Mal trifft, der wird zu Recht die Nerven und den Glauben an die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen verlieren, zumal es so gut wie keine Corona-Übertragung innerhalb der Klassen gibt. Es braucht eine neue Strategie beim Umgang mit Corona in Schulen, mehr Vertrauen in Maßnahmen wie etwa den Sitzplänen und die Maskenpflicht, durch die es ausreichen sollte, bei der Kontaktnachverfolgung künftig eher auf Sitznachbarn zu schauen, statt auf ganze Klassen. Sonst wird Distanzunterricht wieder zum Regelfall, mit all den Konsequenzen, die Schulen, Familien und Arbeitgeber während des Lockdowns schon zu spüren bekommen haben. Dann sollten die Schulen die jungen Leute lieber gleich ins Homeschooling schicken – und ihnen so wenigstens die Isolation in der Freizeit ersparen.

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