Bielefelder Künstler in der Corona-Krise
Ausgebremst und in ein Loch gefallen

Bielefeld -

Das Bielefelder Kulturamt informiert Kulturschaffende auf einer Online-Plattform und per Newsletter regelmäßig über Unterstützungsmaßnahmen von Land und Bund. Kulturamtsleiterin Brigitte Brand verweist auf die Programme unter der General-Überschrift „Neustart Kultur“ und sagt, dass die Stadt selbst über keine Möglichkeit zur finanziellen Unterstützung etwa von Solo-Selbstständigen im Kulturbereich verfüge.

Finanzminister Olaf Scholz sagt, er wolle der Kultur in Corona-Lockdown-Zeiten helfen, weil es nicht gehe, dass „Organisatoren von Veranstaltungen ohne eigenes Verschulden auf allen Kosten sitzen bleiben.“

Samstag, 14.11.2020, 06:00 Uhr
Die Bielefelder Kinderrockband „Randale“ versucht mit „viel Fantasie und der Unterstützung von Fans und Sponsoren“ durch die Zeit ohne Auftritte vor Publikum zu kommen.
Die Bielefelder Kinderrockband „Randale“ versucht mit „viel Fantasie und der Unterstützung von Fans und Sponsoren“ durch die Zeit ohne Auftritte vor Publikum zu kommen.

Die Kulturbranche selbst versucht, sich über Wasser zu halten. „Ja, wir überleben“, sagt Jochen Vahle, Sänger der Kinderrockband „Randale“. Überleben mit, so Vahle, „viel Fantasie und der Unterstützung von Fans und Sponsoren“. Diese Unterstützung sei mitunter „total berührend“: etwa die zehn Euro, die ein kleiner Fan von seinem Taschengeld abgezweigt habe, „damit es Randale weiter gibt“. Trotz Corona-Lockdown.

Fürs Jahr 2021 sei der Kalender noch „weitgehend leer“, bedauert Vahle. Allerdings werde „Randale“ wieder von April bis Juni Kita-Konzerte geben. Dass das funktioniert, habe die Band – zwei der vier Mitglieder leben ganz oder überwiegend von den Gagen – bei insgesamt 100 Kita-Auftritten im Sommer bereits unter Beweis stellen können. Vahle: „Vier Auftritte pro Vormittag statt einem, immer im Garten mit vier Meter Abstand zu den Kindern.“ Dank Sponsoren-Unterstützung habe die Band Einnahmen gehabt und gewusst, so Vahle: „Wir schaffen das, wir kommen da durch.“

Unerwartet stark beschäftigt gewesen sei er zudem durch das Singen von Geburtstagsliedern am Telefon. Vahle: „Das war die Idee von Eltern.“ Er rufe das „Geburtstagskind“ (zwischen einem und 90 Jahren) an und singe. Ohne Gage, aber mit der Bitte, eine Randale-CD oder ein Randale-T-Shirt zu kaufen. Vahle wurde zwischen März und Juni 625 Mal als Geburtstagslied-Sänger verpflichtet: „Das war immer eine große Freude.“

Eigentlich ständen jetzt Auftritte an, um die neue CD „Randale unter‘m Weihnachtsbaum 2.0“ zu bewerben – gestrichen. Aber die CD erscheint auf jeden Fall, freut sich Vahle: „Am 23. November – die haben wir bereits im Februar aufgenommen.“

Er sei froh über die Zuschuss-Möglichkeiten, die es gebe: vom Kurzarbeitergeld für die Mitarbeiter der Konzertagentur Newtone (Randale ist ein Teil davon) bis hin zu einem Künstlerstipendium, das ein Online-Weihnachtskonzert möglich mache.

Ein solches Künstlerstipendium hat auch Schauspieler und Kabarettist Ingo Börchers erhalten. Er freut sich darüber, dass das Geld nach der Bewilligung schnell auf dem Konto gewesen sei: „Jetzt kann ich an meinem neuen Programm für 2021 arbeiten.“ Denn auch, wenn er gemeinhin solo auftrete, gebe es Kosten etwa für die Proben. Börchers, der in normalen Jahren rund 150 Auftrittstermine im Kalender stehen hat, sagt, er fühle sich vom zweiten Lockdown „total ausgebremst“. Seine Branche leide nicht nur unter den fehlenden Einnahmen, sondern auch darunter, nicht vor Publikum auftreten zu können: „Die Reaktionen fehlen.“ Weiterzumachen, dazu gehöre deshalb auch „viel Disziplin“. Er selbst habe einige Hörfunk-Verpflichtungen gehabt, die Reihe „Dem Ingo wird das Theater erklärt“ gedreht, und er arbeite jetzt an seinem traditionellen Jahresrückblick, der am 20. Dezember Premiere im TAM haben soll. Ingo Börchers: „Ich versuche, zuversichtlich zu sein, dass es auch dazu kommt, lade mir Gäste dazu ein und bereite das Programm vor.“ Er verspricht: „Natürlich ist Corona ein Schwerpunkt. Daran kommt ja wohl niemand vorbei. Aber ich widme mich auch Dingen, die ein mediales Schattendasein geführt haben.“

Christiane Heuwinkel, Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin des Hermann Stenner Kunstforums, arbeitet mit ihrem Team bereits an der kommenden Ausstellung, die am 14. Februar eröffnen soll: „Hans Purrmann: Ein Leben in Farbe“. Sie hoffe, dass diese Eröffnung wie geplant stattfinden könne, so Heuwinkel. Die aktuell unterbrochene Ausstellung „Josef Schulz: Spectrum, Architektur, Landschaft, Fotografie“ habe unter Corona-Bedingungen eine gute Besucher-Resonanz erfahren.

Christiane Heuwinkel: „Meist jüngeres Publikum, ältere Menschen sind möglicherweise ein wenig ängstlicher.“ Sie habe den Eindruck gehabt, dass die Besucher vor dem Lockdown dankbar gewesen seien, dass ihnen eine solche Fotoschau samt kurz gehaltener Einführungen und Begleitveranstaltungen mit maximal zehn Teilnehmern überhaupt geboten wurde. Christiane Heuwinkel ist überzeugt: „Museen sind sichere Orte.“

Sebastian Wappelhorst, viele Jahre als Veranstaltungsmanager für Bielefeld Marketing zuständig, spricht von 2020 als einem „Totalausfall“. Wappelhorst wollte sich eigentlich als Sicherheitsberater für Veranstalter von Jahrmärkten und Messen selbständig machen, daneben die ein oder andere Verpflichtung als DJ eingehen, aber: Coronabedingt wurde aus beidem (zunächst) nichts. Wappelhorst weiß: „Mir geht es wie den allermeisten Kollegen aus der Veranstaltungsbranche – wir sind in ein Loch gefallen.“

Künstlerin Marie-Pascale Gräbener spricht von einer Zeit der Unsicherheit und Schwermut. Sie wünscht sich einen Ideenpool, um ausloten zu können, was in Bielefeld möglich ist, um Künstlern Raum zu geben für ihre Arbeit. Sie hoffe zum Beispiel darauf, dass große Räume zur Verfügung gestellt werden. Vieles habe nicht mehr stattfinden können, weil die Räume dafür zu klein waren: „Ein Dilemma.“ Durch ihre vielfältigen Kunstaktionen sei sie immer mit vielen Menschen im Gespräch gewesen und deshalb überzeugt: „Kreativität ist ein Überlebenstrieb.“

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