19-Jähriger erfindet rechtsextremen Angriff in Bielefeld – linke Szene demonstriert trotzdem
Iraner hat sich Hakenkreuz selbst in die Haut geritzt

Bielefeld (WB/abe/hz/kw) -

Der Vorwurf erregte Aufsehen. Rechtsextreme sollen in Bielefeld einen 19-jährigen Iraner überfallen und schwer verletzt haben. Das angebliche Opfer sagte der Polizei, dass die Täter ihm ein Hakenkreuz in die Haut geritzt und weitere Verletzungen zugefügt hätten. Jetzt bekommt der Fall eine überraschende Wendung: Der Iraner hat den Überfall erfunden. Die linksautonome Szene zieht an diesem Samstag trotzdem ihre angekündigte Demo durch.

Samstag, 14.11.2020, 16:00 Uhr aktualisiert: 15.11.2020, 09:00 Uhr
Gut 200 Menschen demonstrierten am Bielefelder Bahnhof gegen Rassismus. Der Anlass war ein vermeintlicher Überfall auf einen Iraner. Bereits am Freitag hatte sich jedoch herausgestellt, dass der 19-Jährige sich selbst verletzt und den Angriff erfunden hatte.
Gut 200 Menschen demonstrierten am Bielefelder Bahnhof gegen Rassismus. Der Anlass war ein vermeintlicher Überfall auf einen Iraner. Bereits am Freitag hatte sich jedoch herausgestellt, dass der 19-Jährige sich selbst verletzt und den Angriff erfunden hatte. Foto: Bernhard Pierel

Nach Angaben der Polizei räumte der in Bielefeld lebende Iraner am Freitagabend ein, sich die Verletzungen – unter anderem eine Schnittwunde in Form eines Hakenkreuzes auf der Haut – selbst zugefügt zu haben.

Am späten Abend des Freitag erschien der 19-Jährige in Begleitung seiner Familie und eines Bekannten bei der Polizeiwache Nord und wollte sich äußern, berichtete Polizeisprecherin Sonja Rehmert. In einer Vernehmung habe der Bielefelder eingeräumt, dass der rechtsextreme Überfall nicht stattgefunden und er sich im Bereich Niemöllershof/Wiener Straße im Bielefelder Süden die Verletzungen mit einem Messer selbst zugefügt habe. Ein Passant habe ihn dann dort verletzt gefunden und den Rettungsdienst gerufen.

Der junge Mann habe mit der öffentlichen Bekanntmachung des Sachverhalts Aufmerksamkeit erregen wollen, hieß es von der Polizei. Gegen den 19-Jährigen wurde ein Strafverfahren wegen Vortäuschens einer Straftat eingeleitet.

Polizeiangaben zufolge soll der Iraner bereits im Januar eine ähnliche Tat angezeigt haben. Auch das war offenbar frei erfunden. „Die damaligen Ermittlungen hätten nicht zur Aufklärung und Identifizierung von Tatverdächtigen geführt“, sagte die Polizeisprecherin.

Der junge Mann hatte den erfundenen rechtsextremen Überfall in sozialen Medien öffentlich gemacht und dabei behauptet, unmittelbar nach der Tat von der Polizei genötigt worden zu sein. Demnach sollen Polizisten schnell die Wahrheit erkannt und dem angeblichen Opfer auf den Kopf zu gesagt haben, dass er sich die Verletzungen selbst zugefügt habe.

Das wurde anschließend von einer Rechtsmedizinerin bestätigt, die den Iraner untersuchte. Nach Meinung der Expertin sollen die Wunden nicht mit den Angaben des Bielefelders zum Tatablauf zusammen passen.

Obwohl er inzwischen bei der Polizei zugegeben hat, gelogen zu haben, hält der Iraner einen Teil seiner Geschichte aufrecht. In einem großen sozialen Netzwerk postete der 19-Jährige am Samstag weiterhin Solidaritätsbekundungen, die ihn erreicht hatten, bevor er zugab, gelogen zu haben. Allerdings hat der Mann die Bilder, die ihn mit den selbst zugefügten Verletzungen im Krankenhaus zeigen, in seinem Account ebenso gelöscht wie die falschen Beschuldigungen gegen die Polizei Bielefeld.

Aus dem Umfeld des Bielefelders heißt es, dass er psychische Probleme haben und sich in Behandlung befinden soll. Der junge Mann soll sich bereits in der Vergangenheit selbst Verletzungen zufügen haben.

Die linksautonome Szene in OWL hatte sich sofort nach der Veröffentlichung der Fake News des 19-Jährigen auf die Seite des angeblichen Opfers rechtsextremer Gewalt gestellt und Vorwürfe gegen die Polizei erhoben, ohne weitere Ermittlungsergebnisse zum Wahrheitsgehalt abzuwarten. Nachdem an diesem Samstag bekannt wurde, dass der Iraner den Angriff erfunden hatte, herrschte zunächst Ratlosigkeit bei den Organisatoren der Demonstration. Schließlich fiel die Entscheidung, sich doch am Hauptbahnhof zu treffen, aber auf den geplanten Umzug durch die Innenstadt zu verzichten.

Gut 200 Menschen kamen Samstagnachmittag zum Bahnhof, um gegen Rassismus zu demonstrieren. In Sprechchören riefen sie „es gibt kein Recht auf Nazipropaganda“ sowie „Schulter an Schulter gegen den Faschismus“. Warum trotz der Wendung im Fall des Iraners zur Demonstration aufgerufen wurde, begründete ein Redner damit, dass es ihnen nicht um Einzelfälle gehe, sondern um ein Problem – in Deutschland und überall in der Welt gebe es zunehmend rassistische Strukturen. Es gehe um das ganze System, einzelne Fälle brächten dann das Fass zum Überlaufen. Mit Blick auf den jüngsten Vorfall, sagte ein Sprecher aber auch, man wolle die Entwicklung weiter beobachten – „wir wissen, dass Abschiebung als Druckmittel verwendet wird“.

Weiter hieß es, dass nicht nur diejenigen, die tatsächlich angriffen, rassistisch handelten, sondern auch jene, die rassistische Gedanken verbreiteten und zuließen. „Rassismus und Faschismus haben nichts mit Demokratie zu tun“, kritisierten die Demonstranten deutlich den Einzug der AfD in den Bielefelder Rat.

Die Demonstration verlief friedlich; die Teilnehmer hielten den der Pandemie geschuldeten Sicherheitsabstand ein und trugen Mund-Nasen-Schutz.

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