Das Theater Bielefeld bringt Alfred Döblins Jahrhundertroman „Berlin Alexanderplatz“ als Oper auf die Bühne
„Eine Großstadtsymphonie mit vielen Akteuren“

Bielefeld -

Es geht um Liebe, Tod und Eifersucht – genau wie bei einem guten Verdi-Stoff“, sagt Nadja Loschky, die künstlerische Leiterin des Musiktheaters Bielefeld. Insofern überrascht es eigentlich, dass der von Alfred Döblin verfasste Erfolgsroman „Berlin Alexanderplatz“ noch nie zuvor für die Opernbühne adaptiert wurde. Das Theater Bielefeld schließt nunmehr diese Lücke und übernimmt dabei eine Schlüsselrolle.

Donnerstag, 19.11.2020, 06:00 Uhr
Gregor Rot
Gregor Rot Foto: Theater Bielefeld

So hat sich Intendant Michael Heicks nicht nur bei Stephan Döblin, dem Sohn des Romanautors, erfolgreich für die Vertonungsrechte von Berlin Alexanderplatz eingesetzt. Letztendlich konnte das Theater Bielefeld auch dank der Unterstützung der Hanns-Bisegger-Stiftung, des Landes und des NRW Kultursekretariats einen Kompositionsauftrag erteilen. Die Uraufführung der spartenübergreifenden Großproduktion mit rund 130 beteiligten Akteuren soll – so Corona will – zu Beginn der Spielzeit 2021/22 im Stadttheater stattfinden. Heicks spricht von einer „Großstadtsymphonie mit vielen Akteuren“.

„Berlin Alexanderplatz“ erschien 1929 und zählt zu den großen deutschsprachigen Romanen des 20. Jahrhunderts. Jenseits der Handlung um den Mörder Franz Biberkopf, der nach Verbüßung einer vierjährigen Haftstrafe versucht, wieder Anschluss an die Gesellschaft zu finden, zeichnet Döblin in erzählerischer Zitat- und Montagetechnik ein vielschichtiges Bild Berlins in Zeiten der Weltwirtschaftskrise und des aufkommenden Nationalsozialismus.

Die Herausforderung, daraus eine Oper zu formen, bestand, so Loschky, darin, „den Handlungskomplex auf das Wesentliche zu konzentrieren und daneben die atmosphärischen Bereiche sowohl der Zeit als auch der Protagonisten emotional mit Mitteln der Musik wahrnehmbar zu machen.“

Mit dem Libretto wurde Christiane Neudecker, erfolgreiche Romanautorin, Theaterregisseurin und profunde Kennerin von Döblins Leben und Werk, betraut. „Die Vielstimmigkeit des Romans ist in der Opernform sehr gut aufgehoben. Um den Rhythmus der Sprache Döblins aufzugreifen, musste ich meine eigene Sprache zurücknehmen. Ich habe alles dem Roman entnommen“, sagt die Librettistin, die darüber hinaus die Vielstimmigkeit der Stadt Berlin in einem so genannten Stadtchor zu Wort kommen lässt und darüber hinaus die auktoriale Erzählperspektive des Romans in der zusätzlich eingeführten Figur eines Erzählers aufgreift.

Komponiert wird die Oper von Vivan und Ketan Bhatti, die schon mehrfach für das Schauspiel und das Tanztheater am Theater Bielefeld und darüber hinaus für die Bühnen in Berlin, Hannover und Hamburg gearbeitet haben. „Unser Ziel ist es, verschiedene Klangwelten vom 20er-Jahre-Schlager bis hin zu zeitgenössischer Musik einzufangen und durch nachahmende Prozesse zu einem eigenen urbanen Sound zusammenzufassen“, verdeutlicht Vivan Bhatti. Sein Bruder Ketan Bhatti ergänzt: „Wir nutzen dafür eine klassische Orchesterbesetzung mit einem erweiterten Schlagzeugensemble und einem Synthesizer, der live gespielt wird.“

Wie Komponisten und Librettistin berichten, laufen die Arbeiten an dem Opernprojekt seit mehreren Monaten Hand in Hand. Das Libretto ist abgeschlossen, die Komposition weit fortgeschritten. „Ein großer Vorteil ist, dass wir uns mit den Sängern treffen und vieles ausprobieren konnten. Wir haben ihnen die Partien auf den Leib komponiert“, sagt Vivan Bhatti.

Besetzt wird die Oper aus dem eigenen Musiktheater-, Schauspiel- und Gesangsensemble. Die musikalische Leitung obliegt dem ersten Kapellmeister Gregor Rot. Regie führt Wolfgang Nägele, der zuletzt in Bielefeld die zeitgenössischen Opern „Dead man walking“ und „Paradies reloaded“ inszenierte. Auch die Ausstatter Okarina Peter und Timo Dentler sind am Theater Bielefeld seit vielen Jahren erfolgreich tätig.

Begleitet wird der Entstehungsprozess von dem Bielefelder Regisseur und Produzenten Axel Fuhrmann, der für die Sender arte und WDR eine Fernsehdokumentation realisiert. Die Dokumentation soll unmittelbar nach der Uraufführung ausgestrahlt werden.

Kulturdezernent Dr. Udo Witthaus freut sich unter anderem auch in seiner Funktion als Vorstandsmitglied der Bisegger-Stiftung, dass die Oper in Bielefeld realisiert wird. Der Beschluss, so Witthaus, wurde bereits 2016 gefasst und seitdem wurden Rücklagen gebildet.

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